Kunstwerke über der Badewanne: Verzauberte Zeit in der Hamburger Kunsthalle

Der ganze Salon hängt voller Kunstwerke, fast jedes Zimmer gleicht einer Galerie und auch im Schlafzimmer reiht sich ein Bilderrahmen an den nächsten. Selbst im Badezimmer hängen Ölgemälde über der Wanne…

 

Eine verzauberte Zeit

Jahrelang war die Villa Flora das Domizil der Familie Hahnloser, mehrere Generationen bewohnten nach und nach das Haus in Winterthur mit dem wunderschönen parkähnlichen Garten. Vom Grün umrahmt zeigten sich Bronzeskulpturen im Freien; an den Wänden des Hauses brachten eigens angeschaffte Stofftapeten die hier hängenden Kunstwerke noch besser zur Geltung. Fenster des Hauses wurden zugemauert, um noch mehr Platz zur Verfügung zu haben für die Kunstwerke, die sich nach und nach zu einer bemerkenswerten Sammlung zusammenfügten.

Es war eine „Verzauberte Zeit“ in der das Ehepaar Hedy und Arthur Hahnloser seine Sammlung zwischen 1906 und 1936 anlegte – eine Zeit, in der der Erste Weltkrieg keine Rolle zu spielen schien, außer dass man aufgrund dessen nicht nach Cannes fahren konnte. Diese Zeit ist lange vorbei – und auch das Schicksal des seit knapp 20 Jahren existierenden Museums Villa Flora ist heute ungewiss…

 

Kunstwerke auf Reisen

Etliche Jahrzehnte lang war die Villa Flora in Winterthur ein Besuchermagnet für Kunstbegeisterte – selbst vor der offiziellen Eröffnung als Museum im Jahr 1995. Doch seit 2014 ist Schluss: Das Museum in der Villa Flora musste aufgrund einer kommunalen Entscheidung geschlossen werden.

Auf der Website des Museums heißt es in einer Mitteilung dazu:

„…im Herbst 2013 [wurde] auf politischer Ebene das im Rahmen des Museumskonzepts ausgehandelte Fusionsprojekt der Villa Flora mit dem Kunstverein Winterthur sistiert. Dies dauert mindestens solange, bis das neue städtische Kulturleitbild erarbeitet ist.

Die Folgen dieses Entscheides für den Museumsbetrieb in der Villa Flora sind einschneidend, denn ohne die Beiträge der Stadt kann der Ausstellungsbetrieb nicht weitergeführt werden. Dieser wurde deshalb Ende April 2014 vorübergehend eingestellt.“

Die Zukunft des Museums soll eine Petition sichern. Diese soll die politischen Instanzen der Stadt Winterthur dazu bewegen, die vorläufige Aussetzung des Fusionsprojekts der Villa Flora mit dem Kunstverein Winterthur aufzuheben.

Die Kunstwerke aus der Villa machen sich in der Zwischenzeit auf die Reise. Vom 20. Februar bis zum 16. August 2015 sind zunächst über 200 Werke von 18 Künstlern aus der Sammlung des Ehepaars Hahnloser in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Danach geht es in einer veränderten Zusammenstellung für die Werke weiter ins Musée Marmottan Monet nach Paris, ins Kunstmuseum Moritzburg nach Halle (Saale) und in die Staatsgalerie nach Stuttgart. Ob sie danach in die Villa Flora zurückkehren können, wird sich zeigen…

 

Die Geschichte eines Hauses

Im 3. Stockwerk der Galerie der Gegenwart wird der Besucher in der Hamburger Kunsthalle von der Skulptur „Flora“ begrüßt, die Aristide Maillol (1861 – 1944) um 1909/10 schuf. In dem kleinen Vorraum der Ausstellung erfährt man zunächst mehr über die Geschichte der Villa Flora, das 1846 erbaute Haus im klassizistischen Stil, das 1898 von Hedy Bühler samt Anwesen erworben wurde. Hedys Mann Arthur Hahnloser nutzen das Haus zunächst für seine Augenarztpraxis, nach dem Wegzug der Praxis wurde es ab 1907 schließlich nur noch als Wohnhaus genutzt.

Hedy, eine ausgebildete Kunsthandwerkerin, ließ nicht nur das Innenleben des Hauses in zeitgenössisch-modernem Stil gestalten, sie beauftragte auch den Architekten Robert Rittmeyer (1868 – 1960) damit, den Garten gezielt auf zwei Skulpturen von Aristide Maillol auszurichten: „L‘ Eté“ (1911) und „Pomone“ (1910/11).

Nach dem Tod von Arthur Hahnloser im Jahr 1936 begann das „öffentliche Leben“ der Villa Flora, denn ab dann empfing Hedy Kunstliebhaber als Gäste in ihrem Haus. Diese Tradition führte ihre Tochter Lisa Jäggli-Hahnloser fort, die 1952 die Villa mit ihrer Familie bezog, nachdem auch Hedy verstorben war. Im Jahr 1995 konnte das Haus dann auch offiziell als Museum seine Türen für Besucher öffnen – bis zu seiner Schließung im Jahr 2014.

 

Die Sammlerin im Mittelpunkt

Alles begann mit Hedy Hahnloser-Bühler (1873–1952). Die kunstinteressierte Frau unterhielt enge persönliche und oft auch freundschaftliche Kontakte zu verschiedenen zeitgenössischen Künstlern. Zu ihrem Freundeskreis gehörten etwa Édouard Vuillard (1868–1940) oder Pierre Bonnard (1867–1947) – man schrieb sich regelmäßig und besuchte sich gegenseitig, pflegte also eine sehr vertraute Sammler-Künstler-Beziehung. Erst diese ermöglichte es dem Ehepaar Hahnloser, die geeigneten Werke für ihre Sammlung auszuwählen, denn ihre Intention war es stets, das historische Umfeld und den künstlerischen Werdegang der von ihnen bevorzugten Künstler zu verdeutlichen.

Einen spannenden Einblick in das Leben der Hahnlosers gibt der Dokumentarfilm „VILLA FLORA. Ihre Sammler, ihre Künstler“, der im Auftrag der Hamburger Kunsthalle entstand und in der Ausstellung „Verzauberte Zeit“ gezeigt wird. Zu Wort kommen in dem Film die Enkel und Urenkel des Ehepaars Hahnloser. Sie sprechen über deren Sammelleidenschaft für postimpressionistische Künstler – und besonders über die Bedeutung, die Hedy Hahnloser hier einnahm. Auch der durch den Film ermöglichte Einblick in Aufzeichnungen und Briefwechsel von Hedy erlaubt eine neue Betrachtungsweise der in der Ausstellung präsentierten Kunstwerke.

Hier zeigt sich übrigens die Bedeutung der Biografieforschung für die Kunstgeschichte bzw. Kunstwissenschaft. Der eigentlich aus der Soziologie stammende Forschungsansatz, der sich der Methode der Qualitativen Sozialforschung bedient, ermöglicht es dem Dokumentarfilm, durch das Einbeziehen persönlicher Dokumente und biografischer Erzählungen, dem Besucher neue Blickwinkel auf die Ausstellung aufzuzeigen. Ein guter Verweis auf die Blogparade „Kunsthistorische Methoden – #KuGeMethode“ von In Arcadia Ego.

 

Ein Stück Winterthur in Hamburg

Die Ausstellung „Verzauberte Zeit“ zeigt nicht nur die wichtigsten Gemälde aus der Sammlung des Ehepaars Hahnloser, wie z.B. eine ganze Reihe an Portraits, die verschiedene Künstler von dem Paar und dessen Familie und Künstlerfreunden anfertigten. Zu sehen sind auch mehrere Skulpturen und sogar Möbel, z.B. ein Schemel, der in der Villa zum Modellsitzen genutzt wurde, und ein kleiner Tisch, an dem wohl das Ehepaar Hahnloser Gäste zu wöchentlichen Kaffeerunden empfing. Das Tischtuch zeigt die künstlerischen Fähigkeiten Hedy Hahnlosers, denn auch sie hatte gestalterisches Talent – ebenso wie ihr Cousin Richard Bühler, der die auf dem Tisch ausgestellte Lampe entworfen hat. Auch er ist übrigens auf Werken in der Ausstellung zu sehen, denn auch er zählte zum engen Umfeld der Hahnlosers.

Die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle zeigt die Sammlung des Ehepaars Hahnloser erstmals in Deutschland. Eine gelungene Ausstellung, auch wenn der Grund, warum die Werke auf Reisen sind, weniger Anlass zur Begeisterung bietet.

 

Hamburger Kunsthalle

Verzauberte Zeit – Meisterwerke aus der Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler
20. Februar bis 16. August 2015

 

>>> MusErMeKu dankt der Hamburger Kunsthalle für den freien Zugang zum Museum und die freundliche Genehmigung, Bilder aus der Ausstellung hier im Blog zu veröffentlichen.

 

Header-Bild: Verzauberte Zeit in der Hamburger Kunsthalle – Angelika Schoder, 2015

5 Antworten auf „Kunstwerke über der Badewanne: Verzauberte Zeit in der Hamburger Kunsthalle“

  1. Liebe Angelika !

    Vielen Dank für deinen Beitrag zu unserer Blogparade.

    Gerade im Bereich Kunst und Soziologie gibt es viele Punkte und Methodische Ansätze, deren nähere Untersuchung lohnen würde.

    Der Hinweis und die Berücksichtigung der Biografieforschung ist hier ganz wichtig. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass es noch so viel mehr Überschneidungspunkte von Kunst und Soziologie gibt (Hermeneutik, Kunstsoziologische Ansätze nach Baxandell und Schneider, Wissensoziologische Bildanalyse etc.)

    Noch eine Anmerkung aus dem Gebiet der Technischen Kunstgeschichte – der Professor, bei dem ich vor Jahren Tutor war (für Technische Kunstgeschichte), stellte bei den Prüfungen immer gern folgende Frage: Welches Kunstwerk würden Sie an die Wand im Badezimmer hängen ?

    Hier wollte er natürlich Ölgemälde und nicht Aquarell hören 🙂

    Danke für deine Teilnahme !

    Liebe Grüße
    Alexandra

    1. Liebe Alexandra,

      dann haben die Hahnlosers alles richtig gemacht, denn über der Wanne hingen Ölgemälde! (In meinem Bad hängt übrigens eine Reproduktion eines Bildes von Dan Hillier – einem sehr tollen Londoner Künstler.) 😉

      Mir war nicht bewusst, wie viele methodische Überschneidungen es zwischen Soziologie und Kunstgeschichte gibt – aber ich finde ohnehin, dass Soziologie für ganz viele Disziplinen hilfreich sein kann! 🙂

      Viele Grüße
      Angelika

  2. Liebe Angelika,
    ein schöner Blogbeitrag zu unserem Besuch in der Ausstellung „Verzauberte Zeit“ in der Hamburger Kunsthalle!
    Es ist wirklich traurig, das die Villa Flora als Museum vorerst ihre Pforten schließen musste. Ich hoffe, dass viele Menschen die Petition unterschreiben, damit auch für zukünftige Generationen diese beeindruckenden Gemälde und deren Geschichten zu sehen sein werden und die Villa Flora ein Treffpunkt für Jung und Alt bleibt.
    Und ich freue mich auf den nächsten gemeinsamen Museumsbesuch ;)!
    Viele Grüße

    1. Liebe Katrin,

      hat mir auch sehr viel Spaß gemacht!

      Ich hoffe auch, dass die Villa Flora wieder als Museum eröffnet werden kann, denn auch wenn die Werke sonst in anderen Museen zugänglich gemacht werden könnten – in der Villa Flora sind sie einfach „zu Hause“. Die Archivbilder zu Beginn der Ausstellung – und der Film, der in der Ausstellung gezeigt wird, geben einen Eindruck davon, wie die Bilder wirken, wenn sie in der Villa Flora hängen. Diese Atmosphäre kann kein anderes Museum bieten – daher muss die Sammlung einfach zurückkehren!

      Ich hoffe sehr, dass sich in Winterthur da etwas bewegt…

      Viele Grüße
      Angelika

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