Het Dolhuys: In der Gedankenwelt des Museums

Zwischen medizinischen Artefakten, moderner Kunst und historischen Räumlichkeiten lässt sich im Dolhuys in Haarlem die Welt der Psyche erkunden.

Zwischen medizinischen Artefakten und moderner Kunst lässt sich im Dolhuys in Haarlem die Welt der Psyche erkunden.

[Travel Ticket] Wer das Museum Van De Geest im niederländischen Haarlem besucht, bewegt sich nicht einfach nur durch ein historisches Gebäude. Man betritt im „Museum des Geistes“, wie es auf Deutsch heißt, tatsächlich auch die Gedankenwelt des Museums. Denn die freundliche weibliche Stimme, die einen im Audioguide willkommen heißt, soll dem Gebäude selbst gehören. Die Stimme leitet, im doppelten Wortsinn, durch sein Innerstes. Bis heute trägt das Museum den Namen „Het Dolhuys“, also das Tollhaus. Die Ausstellungsräume dienten in früheren Jahrhunderten noch als Leprahaus und Anstalt für psychisch Kranke, inklusive Zellen, in denen Patienten eingesperrt wurden. Inhaltlich beschäftigt sich das Museum in seiner Dauerausstellung mit psychischer Gesundheit und Krankheit. Dabei werden historische Hintergründe mit aktueller Forschung und modernen Kunstwerken kombiniert. Ergänzend finden immer wieder wechselnde Sonderausstellungen mit zeitgenössischer Kunst statt, die sich mit den Themen Psyche und Verstand beschäftigen.


Das Museum Van De Geest in Haarlem ist in einem historischen Gebäude untergebracht, das früher als Leprahaus und Anstalt genutzt wurde. Daher heißt das Museum heute "Het Dolhuys".
Das Museum Van De Geest in Haarlem ist in einem historischen Gebäude untergebracht, das früher als Anstalt genutzt wurde. Daher heißt das Museum heute „Het Dolhuys“.

Das Museum in der ehemaligen Anstalt

Seit 2005 ist das Museum des Geistes in Haarlem an einem symbolträchtigen Ort zu finden, dem Dolhuys. Im Laufe seiner rund 700 Jahre umspannenden Geschichte war das Gebäude schon immer ein Ort, an dem Menschen mit diversen psychischen Problemen, aber auch mit ansteckenden Krankheiten zu finden waren. Alles begann um 1400, als in Haarlem ein Leprahaus entstand. Ab 1413 mussten Menschen, die in Verdacht standen an Lepra erkrankt zu sein, aus den ganzen Niederlanden nach Haarlem reisen, um sich hier diagnostizieren zu lassen. Nur in Haarlem konnte auch ein sogenannter „Schmutzbrief“ ausgestellt werden, der es Leprakranken erlaubte öffentlich zu Betteln. Ab 1564 nahm das Leprahaus eine weitere Gruppe an Menschen auf, die „Wahnsinnigen“. Diese wurden in einem eigenen Gebäudeteil untergebracht und teilweise hier auch eingesperrt und angekettet, wenn sie sich aggressiv verheilten. Es gab keine Therapiemöglichkeit für Betroffene und wenn sie nicht von der Familie versorgt werden konnten, mussten sie in entsprechenden Einrichtungen regelrecht weggesperrt werden. Um 1675 erhielt die Institution in Haarlem einen neuen Gebäudetrakt, einen umzäunten Hof mit kleinen Häusern, in denen „unangepasste Personen“ auf Kosten ihrer Familien für einige Zeit untergebracht werden konnten, in der Hoffnung, dass sich ihr Geisteszustand verbessern würde. Eine echte Behandlung für psychisch Erkrankte gab es weiterhin nicht.

Dies änderte sich um 1800, als verschiedene Therapieansätze erprobt wurden, etwa Bewegung an der frischen Luft, Ruhe und ein geregelter Tagesablauf oder die Behandlung mit Bädern. Das erste niederländische Gesetz über geistige Gesundheit von 1841 legte fest, dass die Behandlung von „Irren“ in dafür vorgesehenen medizinischen Einrichtungen erfolgen musste. Das bedeutete 1849 schließlich das Aus für die Anstalt in Haarlem. Ab 1856 wurde das „Buitengasthuis“ als städtisches Armen- und Krankenhaus weitergeführt, was auch eine Unterkunft für Obdachlose bot und ebenso Kinder mit aufnahm, die Betreuung benötigten. Letztere lebten zunächst mit den übrigen Bewohnergruppen zusammen, bis 1927 für sie ein eigenes Kinderheim eröffnet wurde. 1978 wurde auf dem Gelände zudem ein Krisenzentrum eröffnet, als Anlaufstelle für Menschen in psychischer Not. Im Jahr 1998 wurde das Krisenzentrum dann geschlossen. Nach einer Umbauphase des Gebäudekomplexes zog schließlich das Museum Van De Geest ein.

Das Dolhuys setzt sich in seiner Dauerausstellung ganz bewusst mit dem historischen Ort auseinander und erinnert an das Schicksal der Menschen, die in den vergangenen Jahrhunderten hier lebten. Die Ausstellung betrachtet, wie früher mit Menschen umgegangen wurde, die „von der Norm“ abwichen. Gleichzeitig wird auch thematisiert, welchen Stellenwert psychische Krankheit und Gesundheit heute in unserer Gesellschaft einnimmt und was sich im Laufe der letzen Jahrhunderte verändert hat.

Dabei wird immer wieder klar, dass jeder Mensch in seinem Leben einmal oder auch mehrfach von psychischer Krankheit betroffen sein könnte und dass dies zum Leben dazugehört, ob alltägliche Erkrankungen wie Ängste, Sucht, Depression oder Demenz bis hin zu den verschiedenen Formen von Neurodiversität und selteneren Krankheitsbildern der Psyche. In einer Mischung aus historischen, medizinischen, sozialwissenschaftlichen und künstlerischen Perspektiven lädt die Dauerausstellung dazu ein, sich auf eine Entdeckungsreise durch die Geheimnisse des Verstandes zu begeben. Dabei wird dazu angeregt darüber nachzudenken: Was genau macht die Psyche aus? Lässt sich der Geist beeinflussen? Und wie kümmert man sich um seine mentale Gesundheit?


In seiner Dauerausstellung bietet das Dolhuys einen Blick in die Medizingeschichte. Hierzu gehören historische Objekte aus verschiedenen Kulturen.
In seiner Dauerausstellung bietet das Dolhuys einen Blick in die Medizingeschichte. Hierzu gehören historische Objekte aus verschiedenen Kulturen.

Geistige Gesundheit und Krankheit

Die Sammlung des Museums umfasst Objekte, Bildmaterial, Literatur und Dokumente zu diversen Themen rund um das Thema Psyche und Verstand aus der Psychologie und Psychiatrie, aus der Soziologie und Neurologie, aber auch aus den Bereichen Suchthilfe, Altenpflege und Behindertenbetreuung. Ein Fokus liegt dabei auf Materialien aus den Niederlanden, wobei aber auch internationale Forschung oder außereuropäische Objekte zum Thema berücksichtigt werden. Darüber hinaus verfügt das Museum über eine Sammlung zeitgenössischer Kunst, die neue Perspektiven auf unsere Umwelt eröffnen soll. Oft wird in den Werken die sogenannte „Abweichung von der Norm“ hinterfragt, wobei es immer auch darum geht, bei den Betrachtern ein Nachdenken dazu anzuregen, was wir als „normal“ verstehen und dass hier jeder ein anderes Verständnis davon haben kann. Die Werke stammen sowohl von etablierten und ausgebildeten Kunstschaffenden, als auch von Autodidakten, die teils selbst mit psychischer Krankheit oder einer geistigen Behinderung leben und oft außerhalb des regulären professionellen Kunstbetriebs arbeiten.

Zentrales Anliegen des Museums ist es, Menschen mit allen Facetten der Psyche und des Geistes darzustellen und damit Stereotype zu hinterfragen. Anhand von persönlichen Geschichten, wissenschaftlichen Erkenntnissen und interaktiven Fragestellungen erfährt man im Museum so nicht nur mehr über die Gedankenwelt anderer, sondern auch über den eigenen Verstand. Auf dem Rundgang durch die Ausstellungsräume wird man dabei vom Audioguide geleitet, dem „sprechenden“ Gebäude. Doch es kommen noch weitere Akteure zu Wort: Menschen aus der Wissenschaft und Philosophie, aber auch diverse Kunstschaffende, die sich mit der Vielfalt von Psyche und Geist in ihren Werken auseinandersetzen.


Für die Ausstellungsgestaltung und das Vermittlungskonzepts wurde das Museum Van De Geest in Haarlem 2022 mit dem European Museum of the Year Award ausgezeichnet.
Für die Ausstellungsgestaltung und das Vermittlungskonzept wurde das Museum Van De Geest in Haarlem 2022 mit dem European Museum of the Year Award ausgezeichnet.

Ein offener Geist werden

Am Ende des Rundgangs wird man schließlich dazu eingeladen, die „Allgemeine Erklärung des offenen Geistes“ zu unterzeichnen. Die Erklärung, die an der Wand des letzten Ausstellungsraumes nachzulesen ist, betont, dass der Verstand jeder Person unterschiedlich funktioniert und dass sich der Geist im Laufe des Lebens ständig verändert. Ob Begabungen, Krankheiten, Behinderungen oder psychische Herausforderungen, das alles gehört dazu. Vor diesem Hintergrund muss es sich ändern, dass einige Menschen mit sozialer Ausgrenzung konfrontiert und nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen werden. Denn das Gefühl der Zugehörigkeit ist eine wesentliche Voraussetzung für einen gesunden Geist.

Wer die „Erklärung des offenen Geistes“ unterzeichnet, erkennt an, dass jedem Menschen vorurteilsfrei („mit einem offenen Geist“) begegnet werden sollte, dass jeder das Recht auf Bildung und Zugang zu einer sinnstiftenden Tätigkeit bekommen sollte, dass Stigmatisierung und Ausgrenzung bekämpft werden sollten, und dass es jedem ermöglicht werden sollte, an der Gesellschaft teizulhaben. Jede Unterschrift zur Erklärung wird auf einem kleinen Zettel getätigt, der dann mit einem Faden an der Decke des Raumes befestigt wird, wo bereits Hunderte weiterer Unterschriften hängen. Durch seine Unterschrift unterstützt man damit nicht nur die Erklärung, sondern wir auch Teil einer künstlerischen Installation im Ausstellungsraum.


Die Unterschriften zur "Allgemeinen Erklärung des offenen Geistes" bilden eine Rauminstallation am Ende des Ausstellungsrundgangs.
Die Unterschriften zur „Allgemeinen Erklärung des offenen Geistes“ bilden eine Rauminstallation am Ende des Ausstellungsrundgangs.

Museum Van De Geest | Het Dolhuys

Schotersingel 2
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Header-Bild: Angelika Schoder – Het Dolhuys, Haarlem 2023


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