Storytelling im Museum: Digitale Technik ist kein Vermittlungskonzept

Mit dem Europäischen Hansemuseum in Lübeck waren viele Erwartungen verknüpft. Es sollte mit seiner modernen Technologie Maßstäbe setzen, wie man Geschichte heute in einem Museum vermittelt. Dann kam die Journalistin Lina Timm und zerpflückte die Dauerausstellung des Museums. Ihr Fazit: Hier kann man Zeuge werden, wie ein Museum digital versagt. Doch die Probleme fangen nicht erst bei der Technik an, sondern bereits beim Vermittlungskonzept…

 

Im Mai 2015 eröffnete das Europäische Hansemuseum auf der nördlichen Seite der Lübecker Altstadtinsel

Im Mai 2015 eröffnete das Europäische Hansemuseum auf der nördlichen Seite der Lübecker Altstadtinsel

 

Zwischen RFID-Technik und Dioramen

Als die Journalistin Lina Timm sich 2015 mit dem Europäischen Hansemuseum auseinandersetzte, ging sie sehr hart mit dessen Dauerausstellung ins Gericht. Für sie war das Museum „ein trauriges Beispiel dafür, wie sich die Bildungslandschaft der Digitalisierung verweigert.“ Nun kann man nicht direkt von einer kompletten Verweigerung sprechen. Dennoch zeigen sich in der Dauerausstellung des Museums deutliche Schwächen im Vermittlungskonzept. Man ahnt, dass die Ausstellungsverantwortlichen versucht hatten, auf der Höhe der Zeit zu sein und die neueste Technik zur Inhaltsvermittlung zu nutzen. Doch wie die Journalistin richtig feststellte: Die Technik war bereits zur Eröffnung des Museums einfach schon älter.

Das zeigt sehr gut das Problem, dem sich Museen heute stellen müssen: Je mehr Technik zum Einsatz kommt, um so schneller setzt man sich der Gefahr aus, dass diese schnell veraltet ist. Gerade bei Dauerausstellungen, die oft viele Monate, manchmal über Jahre geplant werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Technik, die zur Zeit der Projektausschreibung noch hochaktuell war, zur Eröffnung der Ausstellung schon überholt wirkt.

Tatsächlich weckt die Ausstellung zur Hanse im Lübecker Museum zunächst große Erwartungen: Jeder Besucher erhält eine Eintrittskarte, die mit RFID-Technologie ausgestattet ist. Die radio-frequency identification nutzt elektromagnetische Wellen, um Informationen von einem passiven Transponder an ein Short-Range-Lesegerät zu übertragen. Vor Betreten der Ausstellung kann der Besucher seine gewünschte Sprache (Deutsch, Englisch, Russisch oder Schwedisch) wählen. Zudem stehen Interessenschwerpunkte zur Wahl, und zwar eine Stadt, über die man mehr erfahren kann, und ein historisches Themengebiet nach Wunsch, z.B. Alltagskultur. Alle vom Besucher ausgewählten Kriterien werden auf der Eintrittskarte gespeichert.

Nachdem man den ersten Ausstellungsraum über einen gläsernen Fahrstuhl betritt, wird schnell klar: Die Eintrittskarte wird man sehr oft zum Einsatz bringen müssen. Also wirklich oft. Tatsächlich sind fast im Abstand von je nur ein bis zwei Metern RFID-Lesegeräte angebracht, die Einblendungen, Displays oder Hörstationen aktivieren. Diese versorgen den Besucher dann mit Texten oder Kommentaren in der vorher ausgewählten Sprache. Und zwar mit überaus vielen Diagrammen, Statistiken und Texten, die dazu noch umfangreich und sehr fachlich geschrieben sind. Fast könnte man meinen, dass bei der Konzeption des Ausstellungsrundgangs eher Wissenschaftler den Ton angaben und keine Museumspädagogen mit Vermittlungserfahrung und Sinn fürs Geschichtenerzählen. Tatsächlich wurden die Grundsätze der Museumstechnologie, ebenso wie die konzeptionelle Gestaltung der Medienanwendung vom Architektur- und Designbüro entwickelt, das auch für den Museumsneubau zuständig war. Das Ergebnis ist inhaltlich Lehrbuch-trocken. Über spannendes Storytelling und museumspädagogische Ansätze wurde sich hier, so scheint es, wenig Gedanken gemacht. Dieses konzeptionelle Dilemma, dass die Technik über den Inhalt und dessen Vermittlung zu stellen scheint, kann auch die aufwändige Szenografie der Ausstellun nicht auflösen.

 

Die Eintrittskarte aktiviert im Europäischen Hansemuseum zahlreiche Displays, die sich durch die gesamte Ausstellung ziehen

Die Eintrittskarte aktiviert im Europäischen Hansemuseum zahlreiche Displays, die sich durch die gesamte Ausstellung ziehen

 

Wenn das Storytelling im Museum zu kurz kommt

Die anfängliche Begeisterung über die vermeintlich interaktive Technik weicht schnell großer Ernüchterung, sobald man erkennt, dass das Ticket nie ein Video auslösen wird, eine Animation oder ein Rätsel, ein Quiz oder was auch immer. Stets folgen nur Texte, Karten, Diagramme und Statistiken, die von ihrer Optik her auch problemlos in einem wissenschaftlichen Paper veröffentlicht werden könnten. Als Besucher fühlt man sich in der Ausstellung in ein interaktives Geschichtsbuch versetzt, wobei die einzige Interaktion eben darin besteht, seine Eintrittskarte alle Meter gegen die Wand zu halten.

Abgesehen von manchen Touch-Displays, auf denen man sich durch noch mehr Texte wischen und drücken kann, lässt sich nichts bewegen, anfassen oder ausprobieren. Einige 3D-Modelle zum Ertasten oder taktile Bilderbücher hätten die Ausstellung bereichert – und sie hätten blinden und sehbehinderten Besuchern auch einen besseren inhaltlichen Zugang zur Ausstellung ermöglicht. (Bisher gibt es für Blinde und Sehbehinderte im Museum immerhin ein taktiles Leitsystem.)

Das einzige spielerische Element ist eine Foto-Station, in der man sich „mittelalterlich“ verkleiden kann. Es ist eine Art Schrank im Fotobox-Stil. Das in der Box geschossene Bild kann später an der Kasse ausgedruckt werden. Wahrscheinlich wäre den meisten Besuchern allerdings die Möglichkeit für ein schönes Selfie mit dem eigenen Smartphone lieber. Doch optimale Selfie-Bedingungen sehen anders aus, als in einem Holzschrank zu stehen. Generell ist das Fotografieren in der Ausstellung schwierig, denn die Räume, in denen es genug Licht für ein gutes Foto geben würde, sind nur mit Vitrinen ausgestattet, die nicht gerade zum Fotografieren einladen. Alle Räume hingegen, die wie eine Art Erlebniswelt als lebensgroße Dioramen gestaltet wurden, sind so düster, dass jedes Smartphone nur krisseliges Rauschen fabriziert.

 

In der Ausstellung zur Hanse wechseln sich helle mit dunkel gestalteten Räumen ab. In den hellen Räumen werden in Vitrinen Originalobjekte und zahlreiche Faksimile von Dokumenten gezeigt

In der Ausstellung zur Hanse wechseln sich helle mit dunkel gestalteten Räumen ab. In den hellen Räumen werden in Vitrinen Originalobjekte und zahlreiche Faksimile von Dokumenten gezeigt

 

Kritik zur Dauerausstellung

In ihrer Ausstellungskritik von 2015 merkt Lina Timm richtig an, wie mehrere Besucher sich vor den Displays gegenseitig im Weg stehen. Als Lösung schlägt sie eine App oder einen Audioguide vor. Beides wäre aber eigentlich nicht notwendig. Sowohl auf eine App als auch auf einen Audioguide könnte man verzichten, wenn das Europäische Hansemuseum die wahnsinnig umfangreichen Informationen einfach auf einer mobil optimierten Website zugänglich machen würde, ergänzt durch MP3-Dateien, die man hier abspielen kann. Man könnte mit dem Handy in der Hand (oder am Ohr) die Ausstellung durchlaufen, könnte sich selbst die (idealerweise gut gegliederten) Informationen in seiner gewünschten Sprache durchklicken und müsste sich nicht vor den Displays mit anderen Besuchern auf die Füße treten oder warten, bis die nächste Hörstation frei wird. Das Museum hätte dazu alles, was es braucht: Gleich mehrere WLAN-Netze sind im Haus vorhanden. Man müsste sie nur für die Besucher öffnen oder das Passwort verraten.

Online könnte man viele weitere interaktive Angebote bereithalten, etwa ein Quiz zur Ausstellung mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen für Kinder und Erwachsene. (Aktuell gibt es nur ein Quiz für Kinder für 1,50 Euro an der Kasse.) Man könnte auch einen ChatBot via Messenger anbieten und darüber z.B. Umfragen durchführen, deren Ergebnisse man am Ende der Ausstellung anzeigt. Oder man könnte den ChatBot einfach für die Städte- und Themen-Personalisierung nutzen: „Worüber möchtest du mehr erfahren – Thema A, B, C oder D?“ Während man sich durch die RFID-Methode schon vorab festlegen muss (und sich später nicht umentscheiden kann), könnten sich Besucher von einem ChatBot durch verschiedene Themen leiten lassen – oder sich auf einer Website selbst durch die Themen klicken.

Zwei Vorteile hätten Online-Angebote außerdem gegenüber fest in der Ausstellung verankerten Installationen: Sie könnten zum einen von jedem beliebigen Ort aus genutzt werden. Museumsbesucher müssten so nicht im Museum sein, sondern könnten als Digitale Besucher mehr über die Hanse erfahren – auch vor, nach oder unabhängig von einem Besuch. Zudem wären Online-Inhalte flexibler und ließen sich schneller neuen techniologischen Standards anpassen. Technische Elemente, die einmal fest im Museum verbaut sind, lassen sich hingegen nur schwer verändern, will man nicht das halbe Haus umbauen.

Da die Displays in der Ausstellung des Hansemuseums bzw. die Rechner dahinter in ein Gigabit-Ethernet-Netzwerk eingebunden sind, sollte die Einspielung aktualisierter Inhalte immerhin unkompliziert machbar sein. Es wäre also möglich, die Textwüsten, Grafiken und Diagramme in der Ausstellung zu reduzieren und den gewonnenen Platz für auflockernde Inhalte zu nutzen – etwa für Videos und Animationen. Hier wäre es spannend, wenn sich das Storytelling im Museum stärker auf Schicksale von historischen Persönlichkeiten konzentrieren würde. In Filmen und in den Audio-Kommentaren könnte man diese Personen selbst zu Wort kommen und aus eigener Perspektive berichten lassen.

Auch Lina Timm merkt dies in ihrer Kritik von 2015 an und bezieht sich konkret auf das Beispiel des Hansetags in der Ausstellung. Ein Screen sowie Audio-Stationen berichten hier in einer Art N24-Nachrichtensendung-Stil vom Hansetag 1518 wie von einem aktuellen politischen Event. Nur ist das leider ebenso langweilig, als müsste man im Fernsehen eine Bundestagssitzung verfolgen. Warum wurden hier nicht im Stil von „Terra-X“ (ZDF) Szenen mit Darstellern nachgedreht? Warum berichtet hier nicht ein historischer Teilnehmer durch direkte Ansprache des Museumsbesuchers von seinen persönlichen Eindrücken? Eine solche Aufbereitung wäre in jedem Fall spannender, als Text auf einem Newsticker durchs Bild laufen zu lassen oder einen distanzierten Reporter berichte zu lassen.

 

Weniger Textdisplays und dafür mehr Videos und Animationen würden die Ausstellung auflockern und "leichter verdaulich" gestalten

Weniger Textdisplays und dafür mehr Videos und Animationen würden die Ausstellung auflockern und „leichter verdaulich“ gestalten

 

Fazit zum Hansemuseum

Hinter dem Europäischen Hansemuseum in Lübeck schlängeln sich kleine Gässchen in Richtung der historischen Innenstadt. An einer Hausfassade, direkt gegenüber dem Museum, ist ein Kunstwerk mit einem älteren Ehepaar zu sehen. Die Street Art stammt vom spanischen Künstler Joan Aguiló. Dem NDR erzählte er in einem Interview, dass er Kinder und alte Menschen am liebsten porträtiert – verbunden mit einem persönlichen Statement der Person. Der Künstler zeigt: Um Betrachter neugierig zu machen und emotional zu erreichen, braucht man weder ausgefallene Technologie, noch braucht man viele Informationen. Es reicht völlig, wenn man eine spannende Geschichte erzählt.

Auf gewisse Art ist die Dauerausstellung des Europäischen Hansemuseums das genaue Gegenteil der Street Art von Joan Aguiló:

  • 1) An allen Ecken und Enden kommt Technologie zum Einsatz. Sie erscheint fast wichtiger als die eigentlichen Inhalte.
  • 2) Eine überwältigende Masse an Informationen mit unzähligen Details wird angeboten. Als Betrachter kann man die Informationen nur schwer filtern.
  • 3) Individuelle Schicksale, die die Geschichte greifbar und emotional zugänglich machen könnten, stehen hinter Karten, Statistiken und Diagrammen zurück.

Vielleicht sollte sich das Museum an dem Street Art Projekt ein Beispiel nehmen. Es konzentriert sich mit sehr einfachen Mitteln, nämlich nur mit schlichten Papierpostern, auf persönliche Geschichten von Menschen. Der Betrachter erhält nur wenige Informationen und wird genau deshalb zum Nachdenken angeregt, recherchiert vielleicht sogar selbst, um mehr zu erfahren. Genau das müsste eine gute historische Ausstellung leisten – sie müsste Lust darauf machen, sich näher mit einem Thema zu beschäftigen.

 

Street Art von Joan Aguiló in Lübeck, gegenüber dem Europäischen Hansemuseum

Street Art von Joan Aguiló in Lübeck, gegenüber dem Europäischen Hansemuseum

 

Ausblick

Auf den kritischen Blogbeitrag von Lina Timm mit dem Titel „Wie ein neues Museum digital versagt“ antwortete Felicia Sternfeld, die Direktorin des Europäischen Hansemuseums, im Dezember 2015 mit dem Hinweis, die Kritik werde gesammelt. Eine Veränderung im Museum selbst ist zur Dauerausstellung jedoch noch nicht zu bemerken. Immerhin gibt es seit einigen Monaten die digitale Stadtrallye „Spurensuche Hanse“, die eigenverantwortlich von zwei Jugendlichen erstellt wurde, die 2016/17 am Museum ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ Kultur) absolvierten. Der 7 km (!) lange Rundgang mit der App Actionbound zu 30 Stationen auf der Altstadtinsel dreht sich um das Leben im Mittelalter. So soll die Vergangenheit Lübecks mit der Ausstellung im Museum verbunden werden. Mit mehreren Quiz-Stationen und zu lösenden Aufgaben bietet das Angebot immerhin mehr echte Interaktion, als der Rundgang im Museum.

Tatsächlich ist die Arbeit an der Ausstellung weiterhin nicht abgeschlossen, denn es gibt noch einige Displays im Rundgang zur Hanse, die bisher funktionslos sind. Hier sollen in Zukunft Urkunden digital nachlesbar sein, ergänzend zu den Faksimile in den Vitrinen. Leider warten Besucher auch über 2,5 Jahre nach Eröffnung des Museums weiterhin auf dieses Angebot. Wie lange auf eine inhaltliche Überarbeitung der Dauerausstellung gewartet werden muss, wird man sehen…

 

Header-Bild: Street Art von Joan Aguiló in Lübeck,
Bilder: Angelika Schoder – Lübeck, 2017