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Social-Media-Fehler, Unbequemes über Museen und eine Twitter-Sperrung

Nicht-Newsletter – Nr. 39, 05/2019

Frage des Monats
Was sind die größten Social-Media-Fehler?

Thema des Monats
Unbequeme Wahrheiten über Museen

Twitter des Monats
Es war einmal @noemata

Instagram des Monats
David Henry Brown

Tumblr des Monats
Hannah Neckel


Frage des Monats

Was sind die größten Social-Media-Sünden?

Bei der Bedienung von Sozialen Netzwerken kann viel schief gehen – das zeigen immer wieder einige Museen recht anschaulich. Die von Laura Nodoph im Portal Pressesprecher identifizierten “Sieben Sünden” stimmen aber für Museen nur bedingt, wenn es um Social Media geht:

1) Nicht auf die Bedürfnisse des Publikums eingehen

Jedes Soziale Netzwerk befriedigt andere Bedürfnisse, so würden Nutzer in Facebook Kommunikation und Unterhaltung suchen, bei Twitter Information, bei Pinterest Inspiration und Instagram würde ein Bedürfnis nach Selbstdarstellung erfüllen – so der Artikel bei Pressesprecher.

Tatsächlich sind es aber weniger die Kanäle, die sich unterscheiden, sondern die Nutzer. Nicht jeder nutzt alle Kanäle – viele Menschen sind nur in einem oder zwei Social-Media-Plattformen regelmäßig unterwegs. Insofern suchen Nutzer auf dem von ihnen bevorzugten Kanal alles: Kommunikation, Unterhaltung, Information und Inspiration. Dabei ist es egal, ob man YouTube, Twitter, Instagram oder Facebook bevorzugt. Museen können und sollten daher in jedem ihrer Social-Media-Kanäle mehrere Bedürfnisse von Nutzern ansprechen – solange es im zum Netzwerk passenden Stil geschieht. Nur eines möchte niemand von Kulturinstitutionen: Selbstdarstellung.

2) Inhalte mehrfach verwenden

Im Artikel bei Pressesprecher wird empfohlen, Inhalte so abzuwandeln, dass jeder Social-Media-Kanal einen anderen Blickwinkel auf ein Thema bietet. Das bedeutet einen erheblichen Aufwand, denn auch die Umsetzungen in verschiedenen Medienformaten wird nahegelegt.

Doch welche Kulturinstitution hat Zeit, ein Thema auf mehrere Arten umzusetzen, so dass jede Plattform einen vermeintlich einzigartigen Inhalt erhält? Wie unter Punkt 1 erwähnt: Die wenigsten Menschen nutzen mehrere Soziale Netzwerke parallel. Und selbst wenn, sorgt ein Algorithmus dafür, dass sie nicht alle Inhalte angezeigt bekommen. Es spricht also nichts dagegen, dass Museen identische Inhalte auf verschiedenen Plattformen veröffentlichen, um Ressourcen zu sparen – solange eine technische und stilistische Anpassung an die Erfordernisse eines Netzwerks vorgenommen wird.

3) Zu viele Kanäle betreiben

Die Präsenz in einem Sozialen Netzwerk muss zu einer Institution, den Zielen und dem Publikum passen. Überall vertreten zu sein, zählt zu den “Sieben Sünden” in Social Media, wird im Artikel betont.

Das stimmt nur bedingt, denn eine Präsenz zu haben und eine Präsenz zu betreiben sind zwei unterschiedliche Aspekte. Niemand verlangt, dass ein Museum alle existierenden Sozialen Netzwerke aktiv bespielt. Aber es ist dennoch eine gute Empfehlung, überall vertreten zu sein und hier den Namen der Institution zu besetzen. Wer auf Social-Media-Plattformen präsent ist, verhindert, dass Dritte den Namen der Institution blockieren. Und die Präsenz hilft, von Nutzern überall gefunden zu werden. Wird eine Präsenz nicht aktiv genutzt, kann der Nutzer darüber zumindest auf andere Kontaktmöglichkeiten weitergeleitet werden.

4) Inhalte ohne eine Strategie erstellen

Eigene Social-Media-Postings sollten immer hinterfragt und überprüft werden, um erfolgreiche und nicht erfolgreiche Inhalte zu identifizieren, so der Pressesprecher-Artikel.

Auch diese Empfehlung sollte für Museen zu kurz greifen. Denn statt immer nur eine eigene Nabelschau zu betreiben, sollten auch andere Institutionen in der Branche beobachtet werden. Verschiedene Interaktionsdaten lassen sich auch an fremden Postings ablesen. Die Identifikation erfolgreicher Inhalte bei anderen – und die Adaption für sich – kann wichtiger sein, als immer nur die eigene Performance zu analysieren.

5) Keine Kernbotschaften verfolgen

Bei Pressesprecher wird empfohlen, keine Inhalte in Social Media zu veröffentlichen, die im Kontrast mit der Kernbotschaft der Institution stehen. Inhalte ohne Bezug zur Kernbotschaft können veröffentlicht werden, solange sie gut performen.

Während die erste Aussage für Museen außer Frage stehen sollte, kann der zweite Punkt nicht ernsthaft von Kulturinstitutionen in Betracht gezogen werden. Jedes Posting sollte in Bezug zur Institution stehen. Sinnfreie Inhalte ohne Botschaft sind Zeitverschwendung für alle Beteiligten.

6) Nicht aus Fehlern lernen

Auch Misserfolge können sich positiv auf die Nutzung von Social Media auswirken, wenn etwa Inhalte optimiert werden oder die Kanäle selbst hinterfragt werden, so die Anregung im Artikel.

Kulturinstitutionen sollten hier darauf achten, dass nicht nur der Content selbst oder die Plattformen an sich hinterfragt werden. Manchmal “funktioniert” Social Media einfach nicht, weil grundsätzlich die falsche Strategie verfolgt wird, keine Ressourcen wie Zeit und Geld in die Erstellung und Verbreitung von Inhalten investiert werden, oder weil zuständige Akteure nicht die nötige Ausbildung oder Erfahrung haben, um die Kanäle erfolgreich zu bedienen. Bevor an Themen oder Plattformen gezweifelt wird, sollte man zunächst also die eigene Umsetzung hinterfragen.

7) Sich nicht weiterentwickeln

Bei Pressesprecher wird empfohlen, die Entwicklungen in Sozialen Netzwerken konstant zu verfolgen – sowohl technische Anpassungen als auch inhaltliche Formate und sich verändernde Bedürfnisse bei den Nutzern.

Diesem letzten Punkt ist tatsächlich nichts hinzuzufügen.


Thema des Monats

Unbequeme Wahrheiten über Museen

Am 3. Dezember 2016 beschloss Danny Birchall bei Twitter einige “unpopular opinions about museums” zu teilen. Warum wir für den aktuellen Nicht-Newsletter solch historisches Material aus den Untiefen von Twitter in einer Art digital-archäologischer Grabung wieder zutage fördern? Weil die provokativen Äußerungen auch Jahre später noch interessant sind…

Eine kleine Auswahl von 20 Denkanstößen von Danny Birchalls 100 Tweets – ungeordnet und frei übersetzt:

  • Sonderausstellungen sind besser als Dauerausstellungen. (Nr. 55)
  • Egal ob Museen ihre digitalisierten Objekte unter einer cc-Lizenz veröffentlichen oder nicht – Nutzer werden sich ohnehin nicht daran halten. (Nr. 34)
  • Manchmal ist der Museums-Shop besser als das Museum. (Nr. 65)
  • Kaum eine App oder ein Multimedia-Guide im Museum erreicht je das Niveau eines ordentlichen Audioguides. (Nr. 9)
  • Museen sollten mehr Veranstaltungen planen und weniger Ausstellungen. (Nr. 81)
  • Die Besucher interessieren sich einfach nicht für Objekt-Beschriftungen. (Nr. 17)
  • Keiner wird sich je auch nur einen Bruchteil von den digitalisierten Objekten eines Museums ansehen. (Nr. 3)
  • Diese Spaß-Accounts mit historischen Fotos und fake-Fakten sind erfolgreicher in Social Media, als es die meisten Museen je sein werden. (Nr. 31)
  • Wissenschaftliche Ausstellungskataloge sind reine Eitelkeit für Museen. (Nr. 18)
  • Virtual Reality wird niemals sinnvoll in einem Museum umgesetzt werden. (Nr. 7)
  • Bibliotheken sind für die lokale Bevölkerung wichtiger als Museen. (Nr. 38)
  • Die Metadaten oder APIs, die Museen zur Verfügung stellen, interessieren niemanden. (Nr. 32 und 33)
  • Social-Media-Mitarbeiter von unterschiedlichen Museen befinden sich immer im Wettstreit miteinander. (Nr. 92)
  • Museen sammeln zu wenige Objekte von zeitgenössischer Relevanz. (Nr. 28)
  • Kuratoren sollten sich in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nicht einmischen. (Nr. 19)
  • Museen sollten aufhören, Inhalte auf einfachstem Kinder-Niveau zu konzipieren. Sie sollten bei jungen Besuchern lieber ernsthaftes Interesse wecken. (Nr. 1)
  • Viele Museen reproduzieren noch immer Rassismus. (Nr. 11)
  • Online-Aktionen für Museen zu einem bestimmten Hashtag binden in kleinen Institutionen viele Ressourcen – aber lohnen sich für diese Museen kaum. (Nr. 86)
  • Museen können zeigen, dass sie Kulturen auf der ganzen Welt wirklich verstehen  – indem sie die Objekte zurückgeben, die durch Kolonialismus in ihre Sammlungen kamen. (Nr. 2)
  • Die Menschen, die in Museen die tatsächliche Arbeit machen, haben oft mehr Ahnung als diejenigen, die sich nur Konzepte und Strategien ausdenken. (Nr. 98)

Twitter des Monats

Es war einmal @noemata

An dieser Stelle könnten wir den Twitter-Account @noemata empfehlen oder auch den Account @_intotheforest. Allerdings wurden beide Accounts von Twitter gesperrt. Der Inhaber, Sebastian Baumer, berichtet in einem Blogbeitrag vom 15. Mai 2019, wie es zur Sperrung beider Accounts kam. Oder besser gesagt, er versucht aus der Sperrung schlau zu werden – denn nachvollziehbare Gründe sind von Twitter nicht zu erfahren. Besonders die Löschung von @noemata schmerzt, denn Baumer betrieb den Account seit 10 Jahren. Rund 22.000 Tweets hat er in der Zeit verfasst.

Baumer schreibt in seinem Blogbeitrag: “Der Fehler war, vor allem und mehr und mehr schwerpunktmäßig auf eine einzelne Plattform zu setzen, was mein Schreiben, meine Fotografie und meine ganze Internetaktivität angeht, nämlich Twitter. Ich habe mich mit meiner hohen Aktivität auf dieser Plattform extrem von ihr abhängig gemacht. […] Die Quittung für diese Dummheit bekomme ich jetzt. Ich hätte diese Energie dringend in mein eigenes Blog oder eigene Plattformen investieren sollen, statt meine Inhalte auf den Server eines gesichtslosen, amerikanischen Konzerns hochzuladen.”

(Etwas ironisch ist es dabei, dass Sebastian Baumer diese Zeilen auf einem Blog von medium.com veröffentlich – ebenfalls ein amerikanischer Anbieter, der Inhalte jederzeit offline nehmen könnte.)

Daher sparen wir uns in dieser Ausgabe des Nicht-Newsletters die Empfehlung eines Twitter-Accounts und empfehlen lieber darüber nachzudenken, wie abhängig man sich von Drittanbietern macht, wenn man im Netz kommuniziert.


Instagram des Monats

David Henry Brown

Bereits seit den 1990ern spielt David Henry Brown “Nobody” Jr. mit Identitäten. Er gab sich als Sohn einer Designerin aus und mogelte sich auf VIP-Partys. Später versuchte er, getarnt als Trump-Fan, so oft wie möglich Donald persönlich zu treffen und Selfies mit ihm zu machen. Nach Jahren analoger Identitätsübernahme entdeckte der Künstler 2014 Instagram für sich. Hier schlüpft er in verschiedene Rollen und mutiert von der Kunstfigur zum Gesamtkunstwerk.


Tumblr des Monats

Hannah Neckel

Die Künstlerin Hannah Neckel kommt eigentlich aus Wien, ist aber eher im Netz zu Hause. Besonders Tumblr hatte es ihr früher angetan, wie sie im Interview mit Anika Meier für Monopol betont. Die Plattform war ein Ort mit einer “anything goes attitude”.

Das hat sich mittlerweile geändert. Spätestens seit Tumblr NSFW Inhalte entfernt, haben viele Künstler das Soziale Netzwerk verlassen – sei es, weil sie selbst in ihrer Arbeit zensiert wurden, oder weil die Plattform ohnehin stetig an Bedeutung verliert. Auch Heckel ist nun als @voidgirl79 eher bei Instagram anzutreffen. Ihr Tumblr existiert allerdings noch immer.



Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.