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Wie Museen neue Zielgruppen erreichen, #myprivatepicasso und Dehnungsstreifen als Kunst

Nicht-Newsletter – Nr. 37, 03/2019

Frage des Monats
Müssen Museen mehr Entertainment bieten, um neue Zielgruppen zu erreichen?

Thema des Monats
Ein echter Picasso im Wohnzimmer

Twitter des Monats
Emoji Aquarium

Instagram des Monats
Sara Shakeel

Tumblr des Monats
La Fille Bertha


Frage des Monats

Müssen Museen mehr Entertainment bieten, um neue Zielgruppen zu erreichen?

Museen lassen sich zunehmend etwas einfallen, um Besucher anzulocken – am besten auch die Zielgruppen, die sonst eher nicht ins Museum gehen würden. Das Indianapolis Museum of Art bietet etwa im Sommer Minigolf-Veranstaltungen an. Natürlich haben diese auch einen Kunst-Bezug, denn jede Minigolf-Station wurde von einem regionalen Künstler gestaltet. So werden Besucher ganz unkompliziert an den Kontakt mit Kunst herangeführt. Das ist nur ein Beispiel, wie Museen auf der ganzen Welt neue Wege gehen, um ihr Kulturtempel-Image abzulegen und niederschwellig zugänglich zu werden.

Debatte um Event-Kultur im Museum

In der New York Times entwickelte sich vor kurzem eine Debatte, was von dieser neuen Event-Kultur in Museen zu halten sei. Während die Direktorin des Oakland Museum of California den Schritt in Richtung Events begrüßt, um weitere und diversere Zielgruppen zu erreichen, sind nicht alle begeistert. Der frühere Direktor des Museum of Contemporary Art in San Diego gibt zu bedenken: “[W]e don’t want to lose the reasons we have museums in the first place – as a wonderful oasis, not a Midwestern boardwalk.” Da ist es also wieder, das elitäre Denken, Museen sollten eine abgeschottete Oase der Kultur sein und möglichst nicht zu lebhaft.

Finanzieller Druck für Kulturinstitutionen

Der Direktor des Indianapolis Museum of Art betont in der New York Times, dass das Museum früher kein nachhaltiges Geschäftsmodell hatte: “We were overspending our endowment for activities that could not generate money.” In den USA stehen Museen unter größerem finanziellen Druck, als das bei vielen europäischen Institutionen der Fall ist. Sie sind darauf angewiesen, möglichst umfangreiche Einnahmen zu generieren. Veranstaltungen für eine kleine Hand voll Menschen sind da weder ökonomisch noch sind sie sozial verantwortungsvoll, wenn man bedenkt, dass ein Museum sich als Kulturvermittler mit einem Bildungsauftrag verstehen sollte.

Der neue Ansatz des Indianapolis Museum of Art, das auch seine Außenflächen mit Park nun stärker vermarkten will, ist es, den Besuchern mehr Erlebnisse zu bieten – in einer Verbindung aus Kunst und Natur. Etwas alarmierend ist dabei, dass die Zahl der Kuratoren verringert wurde. Auch führte das Museum Eintrittspreise ein und beließ nur noch wenige eintrittsfreie Angebote. Dies beunruhigt besonders Anwohner, da das Museum in einer Gegend mit eher niedrigem Einkommen liegt. Der Direktor ist sich dennoch sicher, dass das Indianapolis Museum of Art auf dem richtigen Weg ist: “[T]here is a looming crisis in which galleries full of the world’s truly greatest creative art will be empty. And that is not going to happen here.”


Thema des Monats

Ein echter Picasso im Wohnzimmer

#Werbung – Kunstwerke im Millionenwert kann sich üblicherweise nicht jeder ins Wohnzimmer hängen. Vielleicht hat der eine oder andere Hollywood-Schauspieler, Pop-Star oder CEO eines multinationalen Unternehmens ein Gemälde von Picasso zu Hause. Familie Müller, eine Krankenschwester oder eine Studi-WG hat hingegen höchstens ein Picasso-Poster an der Wand. Das kann sich nun ändern…

#myprivatepicasso

Begleitend zur aktuellen Ausstellung „Der junge Picasso. Blaue und Rosa Periode“ hat sich die Fondation Beyeler etwas sehr Ungewöhnliches überlegt. Es ist ein Plan, der jeder Versicherungsgesellschaft den Angstschweiß auf die Stirn treiben dürfte. Für einen Tag kann jemand ein echtes Gemälde von Pablo Picasso in seine Wohnung hängen. Bewerben kann sich dafür jeder – egal ob es sich um eine große Familie, einen Single-Haushalt oder um eine WG handelt. Hauptsache, die eigenen vier Wände stehen in der Schweiz – das ist die einzige Teilnahmevoraussetzung.

Vom 19. März bis 1. April 2019 können sich Kunstfans für die Aktion #myprivatepicasso bewerben. Wer das Picasso-Gemälde „Buste de femme au chapeau (Dora)“ von 1939 für 24 Stunden bei sich einziehen lassen darf, entscheidet ein Publikumsvoting und eine Jury. Am 16. April ist es dann soweit – dann wird das Kunstwerk vielleicht über einem Fernseher, am Esstisch oder über einem Sofa platziert.

Big Brother zu Hause

Natürlich wird das millionenschwere Picasso-Gemälde nicht einfach so einem Privathaushalt überlassen. Um auf Nummer sicher zu gehen, wird das Bild permanent digital überwacht, und zwar mit einem smarten Bilderrahmen. Dieser wurde speziell entwickelt, um unter anderem die Umgebungstemperatur und Luftfeuchtigkeit zu messen. Außerdem wird stets die GPS-Position des Picasso-Werks übermittelt. Und schließlich hat der Rahmen auch einen Bewegungssensor, der bei unerlaubter Bewegung Alarm schlägt.

Falls die Oma sich also mitten in der Nacht mit dem Bild auf die Malediven absetzen will, hat sie unter diesen Umständen schlechte Karten. Noch bevor sie aus der Tür hinaus wäre, würde die Polizei schon auf sie warten.


Twitter des Monats

Emoji Aquarium

Joe Sondow aus Kalifornien baut gerne Bots, etwa die legendären @PicardTips. Auch wenn wir diese uneingeschränkt empfehlen können, ist unser Twitter des Monats allerdings ein anderer Twitter-Bot von Joe: das Emoji Aquarium. Ähnlich wie beim @choochoobot, einem Account den wir im Nicht-Newsletter Nr. 33 empfohlen haben, bestehen die Tweets dieses Accounts nur aus Emojis – und zwar aus Wasserpflanzen, Fischen und anderen Meerestieren.


Instagram des Monats

Sara Shakeel

Instagram ist voller Bling Bling – ob MakeUp, Fingernägel oder Klamotten. Doch wie wäre es mit einer glitzernden Pizza, einer funkelnden U-Bahn oder sogar glamourösen Dehnungsstreifen am Hintern? Haben die nicht auch ein bisschen Glitter verdient? Sara Shakeel findet: Ja! Die Künstlerin aus Pakistan erstellt Collagen aus Fotos und glitzerndem Straß. Alles begann tatsächlich mit den #glitterstretchmarks, also Dehnungsstreifen an Bauch, Beinen oder am Hintern, denen Sara Shakeel den nötigen Bling-Faktor verlieh. Aus einem Schönheitsmakel wurde ein glitzernder Hingucker auf Instagram. Heute hat die Künstlerin über 700k Follower und bringt alles möglichr zum Funkeln – von der Katze bis zum Spiegelei.


Tumblr des Monats

La Fille Bertha

Die italienische Künstlerin schafft skurrile Zeichnungen von Frauen – an Wänden, in Autos, auf Papier, auf Kleidung und sogar als Tattoos. Gezeigt werden keine stereotyp hübschen Frauen, sondern schräge Charaktere.



Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.