Wertlose Museumsarbeit, DSGVO-Wahnsinn und woran Podcasts scheitern

MusErMeKu – Nicht-Newsletter – Nr. 28, 06/2018


Frage des Monats
Wie sehr kann man Museumsarbeit noch herabwürdigen?

Thema des Monats
Woran Podcasts scheitern

Twitter des Monats
Medieval Death Bot

Instagram des Monats
whos____who

Tumblr des Monats
Izumi Miyazaki

Ein Newsletter, der kein Newsletter ist.


Frage des Monats

Wie sehr kann man Museumsarbeit noch herabwürdigen?

Eine fast fertige Ausstellung absagen

Im Juni musste man sich wirklich fragen: Sind im Kulturbereich jetzt alle verrückt geworden? Eine solche Häufung von Hiobsbotschaften gab es jedenfalls schon lange nicht mehr. Es begann mit der Meldung am 04.06.2018 in der WELT. Hier wurde darüber informiert, dass die Ausstellung „Aufbruch zur Freiheit“ im Wuppertaler Von der Heydt-Museum kurzfristig abgesagt worden sei. Einige Museumsmitarbeiter hatten mehrere Jahre an der Vorbereitung dieser Ausstellung gearbeitet und bereits Leihgaben z.B. aus dem Pariser Louvre oder der National Gallery London vereinbart. Doch Vorstand und Beirat des Museums waren nicht davon überzeugt, dass das Thema Aufklärung genug Besucher anziehen würde, um mit der Ausstellung im finanziellen Plus zu liegen.

Dem geplanten kulturhistorischen Ansatz wurde weniger Zugkraft zugerechnet, als platt ein paar bekannte Künstler ins Museum zu hängen. Hat man Monet und Renoir, kommen die Leute. Aber die Entwicklung von Demokratie? Wen interessiert das denn bitte – dazu noch in einer Zeit wie heute? Wer Museumsmitarbeiter bezahlen muss, der macht doch keine Ausstellung über Aufklärung, sondern der klatscht ein paar Gauguin oder Picasso an die Wand und gut ist. Zahlende Museumsbesucher möchten schließlich nicht nachdenken, sondern einfach ein Selfie mit einem berühmten Gemälde und dann schnell zu Kaffee und Kuchen, oder?

Ob die Absage einer Ausstellung, an der Museumsmitarbeiter schon jahrelang gearbeitet haben, ein Gesichtsverlust des Museums ist – das scheint egal. Und ob das eine komplette Herabwürdigung der Arbeit von Museumsangestellten ist, das interessiert hier wahrscheinlich auch niemanden.

⇒ Willi Keinhorst, Welt: Museen in Deutschland arbeiten am Existenzminimum


Die digitale Kommunikation und Vermittlung abschaffen

Ebenfalls herabgewürdigt wurde die jahrelange Arbeit von Mitarbeitern des Historischen Museums Basel. Am 06.06.2018 wurde bei Twitter ein Auszug aus dem aktuellen Jahresbericht des Museums veröffentlich. Hierin hieß es: „Die Effizienzanalyse der bisherigen Aktivitäten der Abteilung Kommunikation führte allerdings zu dem Entscheid, das Projekt ‚e-culture‘ mit Tweeds (sic!) und Blogbeiträgen 2018 nicht weiterzuführen. Die Auswertung der letzten Jahre hat nämlich gezeigt, dass es nicht gelungen ist, mit den sozialen Medien derart zielgruppenspezifisch zu kommunizieren, dass am Ende mehr Besucherinnen und Besucher an der Kasse oder auf unserer Webpage verzeichnet werden konnten.“ Überregionale und internationale Reichweite in Social Media, die Steigerung der Brand Awareness, brancheninternes Renommee, die Ansprache von „digitalen Besuchern“ – das alles scheint keine Rolle zu spielen.

Seit 2014 hatten Mitarbeiter die „e-culture“ Strategie des Historischen Museums Basel entwickelt. Sie bestand aus Online-Vermittlungsangeboten wie Blog oder Instagram, aber auch aus interaktiven Social Media Events vor Ort, etwa Tweetups oder WhatsApp-Touren. Daniele Turini, der frühere Leiter Marketing und Kommunikation des Museums, betonte bei Facebook, dass vor allem die e-culture Veranstaltungen vor Ort teils mehr Besucher erreicht hatten, als manch andere Vermittlungsangebote des Museums. Aber es hilft nichts. So wie in Wuppertal ist auch in Basel die Begründung für das Ende, man sei unterfinanziert. Wieder ist es ein Schlag ins Gesicht der Mitarbeiter, die Jahrelang etwas aufgebaut haben. Und wieder blamiert sich ein Museum damit bis auf die Knochen.

⇒ Naomi Gregoris, Solothurner Zeitung: Historisches Museum kehrt Social Media den Rücken – ehemalige Mitarbeiter sind empört


Vor der DSGVO einknicken und Facebook löschen

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Datenschutzgrundverordnung. Und die DSGVO versetzt Website-Inhaber wie auch Betreiber von Social Media Accounts in Angst und Schrecken. Besonders das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur datenschutzrechtlichen Mitverantwortung für Facebook-Seiten sorgte für Panik – auch im Kulturbereich. Darf man nun Facebook, Instagram und WhatsApp als Institution nicht mehr nutzen, weil der Facebook-Konzern dahinter steht? Muss man seinen YouTube-Kanal schließen, weil die Plattform zu Google gehört? Und darf man einen Twitter-Account überhaupt noch betreiben?

Allseits herrscht Verunsicherung – und es wurden im Juni bereits erste Konsequenzen gezogen. Es ist besser Vorsicht walten lassen, als das Nachsehen zu haben – und so teilte der Museumsverband Sachsen-Anhalt e.V. am 11.06.2018 auf seiner Facebook-Seite und bei Twitter mit: „Aufgrund der Empfehlungen des Landesdatenschutzbeauftragten Sachsen-Anhalt hat der Vorstand des Museumsverbands beschlossen, seinen Facebook-Account ab morgen vorerst ruhen zu lassen.“ Man weicht auf Twitter aus, aber auch hier nicht ohne Vorsichtsmaßnahmen. So wird weiter mitgeteilt, dass der Twitter-Account des Museumsverbandes fortan „von einem unserer ehrenamtlichen Admins als privater ‚Fan-Account‘ für die Museumslandschaft weiterbetrieben wird“.

Auf Twitter wird diese Entscheidung vom Account selbst mit den Worten kommentiert: „Die Ehren- und Hauptamtler*innen, die sich über Jahre der Betreuung der #SocialMedia-Auftritte gewidmet haben, nehmen den Schritt mit großem Bedauern zu Kenntnis. Es ist schade, dass es in #SachsenAnhalt nicht gelungen ist, einen angstfreien Umgang mit der #DSGVO zu etablieren.“ Und wieder sind es die Menschen, die jahrelang Herzblut und ihre (Frei-)Zeit investiert haben, die die Leidtragen sind.


Thema des Monats

Woran Podcasts scheitern

Man kann mit Online-Projekten scheitern, weil Entscheidungen „von oben“ die Arbeit torpedieren. Man kann wegen der DSGVO das Handtuch werfen. Aber darüber hinaus gibt es noch andere Gründe, warum es online manchmal nicht weiter geht. Solche Gründe lieferte jetzt Anfang Juni Alexander Matzkeit zum Ende seines Podcasts „Kulturindustrie“ – wobei seine Feststellungen fast Allgemeingültigkeit haben. Wie viele andere Podcasts, Blogs oder Social Media Accounts sind schon aus den gleichen Gründen eingestellt worden?

  • Die Vorstellungen über das Projekt gehen zwischen den Beteiligten zu weit auseinander.
  • Ehrenamtliche Professionalität kostet zu viel Zeit und Geld. Schließlich wird Freizeit plötzlich zu Arbeit, für die man noch draufzahlt.
  • Für all die Arbeit kommt kaum etwas zurück. Feedback oder Anerkennung von außen sind Mangelware, was die Motivation sinken lässt.
  • Die große Reichweite will sich nicht einstellen. Über eine kleine Filterblase kommt man nicht hinaus.
  • Man stellt irgendwann die Relevanz von dem, was man tut, infrage.

Wem kommen diese Gründe nicht bekannt vor? (Uns bei MusErMeKu jedenfalls nur zu gut…)

⇒ Alexander Matzkeit, real virtuality: Ich beende meinen Podcast (vorerst) nach 8 Monaten. Das habe ich gelernt


Twitter des Monats

Medieval Death Bot

Früher war alles besser? Von wegen! Im Mittelalter war das Leben so ganz ohne anständige medizinische Versorgung und dank reichlich verhängter Todesstrafen vor allem eines: recht kurz. Der Medieval Death Bot listet bei Twitter verschiedene Schicksale auf, die tödlich endeten.

⇒ @DeathMedieval


Instagram des Monats

whos____who

Wer hat’s erfunden? In der Kunstwelt wird schamlos voneinander abgekupfert, das ist nicht erst seit Copyright-Diskussionen um Arbeiten von Jeff Koons oder die Appropriation Art von Richard Prince klar. Der Instagram-Account @whos____who macht das deutlich, indem „Zwillings-Kunstwerke“ nebeneinander gezeigt werden.

⇒ @whos____who


Tumblr des Monats

Izumi Miyazaki

Bereits 2012 startete Izumi Miyazaki bei Tumblr, um ihre Fotografien mit anderen zu teilen. Anfänglich war der Blog ihre Plattform, um ihre Bildsprache zu zeigen: Alltägliche Straßenszenen im Tokioter Vorort stehen neben Selbstporträts. Schnell entwickelte die Fotografin einen sehr persönlichen Zugang zur Fotografie, indem sie Absurdität und Humor mit Elementen der Realität mischt. Oft ist Miyazaki die einzige Protagonistin in dieser fiktiven Welt.

⇒ Izumi Miyazaki