Die größten Museumslügen, wie Instagram den Zugang zu Kunst verändert und wissenschaftliche Tattoos

MusErMeKu – Nicht-Newsletter – Nr. 27, 05/2018

– Frage des Monats: Was sind die drei größten Museumslügen? –
– Thema des Monats: Kunst im Zeitalter von Instagram –
– Twitter des Monats: Preraphaelite Girls Explaining –
– Instagram des Monats: Christian Warlich –
– Tumblr des Monats: Museum of Selfies –

Ein Newsletter, der kein Newsletter ist.


 

Frage des Monats

Was sind die drei größten Museumslügen?

 

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„Wir freuen uns, dass wegen
der großen Nachfrage unsere
aktuelle Sonderausstellung
verlängert wird.“

 

Die Wahrheit:

Wir sind total genervt. Die nächste Sonderausstellung wird nicht rechtzeitig fertig, weil die Leihgabe für mache Objekte noch nicht geklärt ist, ein Künstler nicht rechtzeitig liefert, die Konzeption der Inhalte nochmal geändert werden musste oder rechtliche Fragen noch nicht geklärt sind. Aber wir können wohl kaum die Räume leer stehen lassen, also verlängern wir einfach die alte Ausstellung noch ein bisschen. Falls wir dran denken, schreiben wir die Verlängerung auch auf unsere Website. Wahrscheinlich vergessen wir das aber, deshalb wird es nur per Twitter und Facebook bekannt gegeben.

 

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„Das Fotografieren in der
Ausstellung ist nur für
private Zwecke gestattet.“

 

Die Wahrheit:

Wir beten, dass sich nicht alle Besucher daran halten, sondern statt dessen so viele Fotos der Ausstellung wie möglich auf Facebook, Instagram und Pinterest öffentlich posten. Wir dürfen nämlich wegen Vereinbarungen mit den Leihgebern oder weil wir sonst für die Verwendung der urheberrechtlich geschützten Werke zahlen müssen, selbst keine Bilder in Social Media posten. Wir würden aber gern zeigen, wie toll die Ausstellung ist. Also hoffen wir, dass die Besucher die Social Media Kommunikation für uns übernehmen. Dann haben wir keinen Stress mit den Bildrechten und sind fein raus. Immerhin sind wir ja unserer Informationspflicht nachgekommen, dass keinesfalls Fotos veröffentlicht werden dürfen. Wenn Besucher das dann trotzdem machen, können wir behaupten, wir wüssten von nichts. In Wirklichkeit sind wir aber total froh darüber und spekulieren darauf.

 

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„Bewirb dich für ein
exklusives Event, bei dem
eine kleine Gruppe Social
Media Nutzer das Museum
ganz für sich allein hat.“

 

Die Wahrheit:

Das Event ist nicht wirklich exklusiv, denn ein Museum für sich allein zu haben, das geht ganz leicht. Jeder, der schon mal an einem Dienstag Vormittag in einem Museum war, weiß, dass das Gebäude dann menschenleer ist. Schulklassen sind meist in den Räumen der Museumspädagogik und wenn keine Ferienzeit ist, trifft man nicht mal Touristen. Wer also wirklich mal exklusiv alleine im Museum sein will, kommt einfach dienstags morgens um 10 Uhr und beginnt den Rundgang am Ende der Ausstellung. Und bewerben muss man sich dafür auch nicht. Man braucht nicht mal Instagram.


 

Thema des Monats

Kunst im Zeitalter von Instagram

 

Im Jahr 2017 wurde der Louvre von 8,1 Millionen Menschen besucht – das Museum war erneut das meistbesuchte Museum der Welt. Hauptattraktion ist die „Mona Lisa“. Viele Besucher kommen ausschließlich deshalb, um Da Vincis Gemälde einmal in echt zu sehen. Aber anstatt einfach nur vor dem Bild zu sehen, gehört heute ein #MuseumSelfie automatisch mit zum Besuch. Pics or it didn’t happen! Wer kein Selfie mit der „Mona Lisa“ hat, war nicht im Louvre.

Im Oktober 2014 hatten Jay-Z und Beyoncé zusammen mit ihrer Tochter Blue Ivy das Privileg, den Louvre alleine besuchen zu dürfen. Die daraus resultierende Fotosession erregte große Aufmerksamkeit auf Instagram und veranlasste Buzzfeed zum Statement: „No picture matters more than Beyoncé and Jay-Z posing in front off the Mona Lisa.“ An Superlativen wurde nicht gespart, wenn es weiter heißt: „It might very well be the best picture of our generation. Or any generation.“

Jetzt könnte man die „Mona Lisa Experience“ einfach als Selfie-Tourismus abtun, aber trotzdem führt das Phänomen ja dazu, dass Menschen ins Museum kommen und sich ein Gemälde ansehen. Das erfolgt nur anders, als zu der Zeit, zu der es noch keine Smartphones oder Digitalkameras gab.

Scott Reyburn, New York Times: What the Mona Lisa Tells Us About Art in the Instagram Era


 

Twitter des Monats

Preraphaelite Girls Explaining

 

Die Frauen auf Gemälden Präraffaelitischer Maler wie Dante Gabriel Rosetti, John Everett Millais oder James Collinson verkörpern den Typus der femme fragile. Sie sind zartgliedrig und schmal, fast kindlich. Sie wirken oft müde, kränklich und manchmal regelrecht morbide. Sie erscheinen als schwach und hilflos – ach käme doch nur ein starker Mann, der ihnen Schutz anbietet. Zumindest war das im 19. Jhd. so. Rund 150 Jahre später ist alles anders. Nun lässt Autorin Christiane Frohmann die „Präraffaelitischen Gils“ das Internet erklären – nicht nur im Buch, sondern auch bei Twitter. Es geht um Mansplaining, Binge Watching, Nonmentions und passiv-aggressive Replys. Die „Präraffaelitischen Gils“ wissen einfach bescheid.

@PGexplaining


 

Instagram des Monats

Christian Warlich

 

In der Sammlung des Museums für Hamburgische Geschichte befindet sich ein Teil des Nachlasses von einem der legendärsten Tätowierer des 20. Jhd.: Christian Warlich (1891-1964). International wurde Warlich als „König der Tätowierer“ bekannt. Nun wird der Nachlass wissenschaftlich erforscht, u.a. Vorlagenbücher, Zeichnungen, Fotografien und andere Objekte. Am Ende soll eine Ausstellung entstehen, die Bezüge zum späten 19. Jhd. herstellt bis hin zur Gegenwart.

Christian Warlich ist ein Teil der traditionellen Hamburger Tattoo-Geschichte, die auch Parallelen zur US-amerikanischen, zur englischen und zur ostasiatischen Tätowier-Tradition zeigt. Warlich war als Tätowierer nämlich international vernetzt und ließ sich von Motiven aus den USA und Asien inspirieren. Das Besondere am „König der Tätowierer“ war, dass er sein Handwerk professionalisierte und einen gewissen künstlerischen Anspruch hatte. Christian Warlich entwarf neue Motive und ließ sich von der Popkultur ebenso inspirieren wie von bildender Kunst.

Begleitend zum Forschungs- und Ausstellungsprojekt „Der Nachlass des Hamburger Tätowierers Christian Warlich“, das in Kooperation mit der Stiftung Historische Museen Hamburg durchgeführt wird, gibt es neben einer Facebook-Seite auch einen Instagram-Account mit den Werken des Tätowierers. Seine klassischen Oldschool-Motive sind bis heute beliebt.

⇒ @nachlass.warlich


 

Tumblr des Monats

Museum of Selfies

 

Porträt-Gemälde in einem Museum, die ein Smartphone vor der Nase haben – seit einigen Jahren sind diese #MuseumSelfies der Dauerbrenner bei Museumsbesuchern und Museumsmitarbeitern gleichermaßen. Die Dänin Olivia Muus liebt diese Bilder so sehr, dass sie einen eigenen Tumblr dazu betreibt.

Museum of Selfies


 

⇒ alle MusErMeKu – Nicht-Newsletter – im Überblick

Header-Bild: Angelika Schoder – Hamburg, 2017

3 Gedanken zu „Die größten Museumslügen, wie Instagram den Zugang zu Kunst verändert und wissenschaftliche Tattoos

  1. Pingback: Kultur-News KW 22-2018 | Kultur - Geschichte(n) - Digital

  2. Frau Pilz Antworten

    Die drei Lügen sind großartig und auch in unserem Museum hinlänglich bekannt (besonders der leere Dienstag) 😉

    • Angelika Schoder Autor des Beitrags

      Hoffentlich ist es nur am Dienstag leer und das Museum den Rest der Woche über gut besucht! 😉

      Viele Grüße, Angelika

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