Wenn Museen ihren Mitarbeitern nichts zahlen, einen „Langeweileknopf“ erfinden und Kunst über Instagram verhökert wird

MusErMeKu – Nicht-Newsletter – Nr. 26, 04/2018

– Frage des Monats: Muss man reich sein, um in einem Museum zu arbeiten? –
– Thema des Monats: Wenn ein Museum den „Langeweileknopf“ erfindet –
– Twitter des Monats: Zufallshorst –
– Instagram des Monats: Emanuel Mooner –
– Tumblr des Monats: Liz Climo –

Ein Newsletter, der kein Newsletter ist.


 

Frage des Monats

Muss man reich sein, um in einem Museum zu arbeiten?

 

Ende März 2018 machte „F Yeah History“ auf eine Stellenausschreibung des Londoner Victoria and Albert Museum aufmerksam, die in ihrer Dreistigkeit leider kein Einzelfall ist. Gesucht wurde ein Curational Volunteer für 2 Tage pro Woche, mindestens über einen Zeitraum von 3 Monaten. Das klingt nach einem typischen Praktikum, bei dem es im Museumsbereich leider mittlerweile schon lange nicht mehr überrascht, dass es selbstverständlich unbezahlt ist. Wer am weltweit renommierten V&A ein Praktikum absolvieren darf, soll doch bitte froh sein, dass er nicht selbst noch Geld dafür zahlen muss, um diese herausragende Station im Lebenslauf vorweisen zu dürfen.

 

Unbezahlte Praktika für ausgebildete Wissenschaftler

Im Rahmen des Praktikums sollte dem Assistenzkurator der Painting Section des „Word and Image Department“ assistiert und über die Schulter geschaut werden. In der Stellenausschreibung heißt es: „The scope of an unpaid voluntary placement in the Paintings section at the V&A is to give volunteers a good understanding of the complex workings of a UK national museum and to enhance their practical museum skills in view of pursuing a career in the sector.“ Eine großartige Gelegenheit scheinbar für junge Studierende, erste Berufserfahrung zu sammeln. Ganz gewiss die perfekte Stelle für jemanden in den ersten Semestern ohne bisherige praktische Erfahrung?

Nur leider sieht das V&A Museum dies anders. Für das unbezahlte Praktikum sollte man nämlich u.a. mindestens ein Master-Studium (vorzugsweise abgeschlossen) mit belegten Forschungskenntnissen vorweisen sowie Erfahrungen in sammlungsbezogener Recherche. Das klingt nicht nach Studienanfänger, ebenso wenig wie die Aufgaben, die der Gratis-Praktikant am Museum ausführen sollte. Hierzu zählten nämlich die Unterstützung beim täglichen Sammlungsmanagement, inklusive Übernahme der Dokumentation und sammlungsbezogener Recherche. Hinzu kommen sollte die Datenbankpflege und eigenständige Katalogisierung von Objekten, inklusive Verfassen von begleitenden Texten.

Das Praktikum hätte übrigens noch nicht einmal dazu genutzt werden können, seinem Lebenslauf die Mitarbeit an einer Blockbuster-Ausstellung des V&A anzufügen: Das Museum stellte in der Ausschreibung klar, dass die Arbeit so weit hinter den Kulissen stattfindet, dass nicht einmal annähernd von einer Involvierung in eine Ausstellung gesprochen werden kann. Da es um ein Praktikum bei einem Assistenzkurator geht, ist es interessant, dass es also nicht im Mindesten um das Kuratieren einer Ausstellung zu gehen schien.

 

Sorry, not sorry

Wie „F Yeah History“ weiter berichtet, hatte nach einem ordentlichen Gegenwind bei Twitter das V&A die Stellenausschreibung zurückgezogen. Fast schon überraschend, denn das Museum hätte auch einfach dazu stehen können, dass Arbeit im Kulturbereich einfach oft unbezahlt stattfindet.

Besonders in Deutschland ist es mittlerweile völlig normal, während seines Studiums – und teils auch noch danach – unentgeltlich zu arbeiten, um Berufserfahrung zu sammeln und hierüber den beruflichen Einstieg in den Kulturbereich zu finden. Dies ist teils auch kein Problem, wenn Mama und Papa weiter die Miete, das Essen und was sonst zum Leben gehört bezahlen. Oder der Partner, der über die nötigen Finanzen verfügt, um seiner „besseren Hälfte“ (meist weiblich) die un- oder unterbezahlte Stelle in einer Kulturinstitution zu finanzieren. Gratis zu arbeiten muss man sich leisten können – und der Kultursektor profitiert von dieser Art der Kulturförderung ganz gut. Es ist eine Art modernes Mäzenatentum, dass es Menschen gewisser gesellschaftlicher Schichten ermöglicht, eine Berufsperspektive im Kulturbereich suchen zu können.

Das ist völlig legitim. Vielfalt in der Kultur erreicht man nur so leider nicht. Als problematisch scheint die Branche dies aber auch (noch) nicht zu empfinden. So what? Dann arbeiten eben keine Arbeiterkinder mit finanzschwachen Eltern in der „Hochkultur“ – oder nur diejenigen, die es geschafft haben, sich einen gut verdienenden Partner zu suchen. Wie man so aber breitere Zielgruppen für den Kulturbereich ansprechen möchte, erschließt sich nicht ganz. Vielleicht müssen die Besucherzahlen erst noch stärker einbrechen, bevor der Kulturbereich nach Ursachen forscht, warum ein breiteres Publikum weg bleibt und sich nicht von den Inhalten angesprochen fühlt.

F Yeah History: How unpaid work is killing off museums


 

Thema des Monats

Wenn ein Museum den „Langeweileknopf“ erfindet

 

Unlängst gab das Dänische Nationalmuseum bekannt, dass es einen „Langeweileknopf“ anbieten wird. Zielgruppe sind Kinder, die es – laut Meldung des Museums – grundsätzlich ja immer langweilig finden, in Museen geschleppt zu werden. Man könne da schließlich nicht spielen, man darf nichts anfassen und müsse still sein. Also in Museen generell. Überall und immer. Nun gut, es gibt einige Museen, in die Kinder liebend gerne gehen – eben weil man dort auf kindgerechte Interaktion setzt und junge Besucher hier sehr wohl spielen, Dinge anfassen und Fragen stellen können. Aber das muss man dem Dänischen Nationalmuseum ja nicht verraten, was andere Museen schon seit Jahrzehnten bieten.

 

Museumspädagogik auf Knopfdruck

Das mit 5 Millionen Dänischen Koronen geförderte Programm des Dänischen Nationalmuseums will, nach eigener Aussage, Statuen zum Leben erwecken, Mumien in mysteriöse Bewegungen versetzen und geheime Türen öffnen – sobald man den „Langeweileknopf“ drückt. (Übrigens: Zählt „Knopf drücken“ ernsthaft als Interaktion?) Das Konzept dahinter: „The National Museum intends to develop activities that give children a special status, so the experience is on their level, making them feel they are a part of our cultural heritage.“ Das Museum hat also das Konzept von zielgruppengerechter Museumspädagogik entdeckt.

Es scheint fast, als wäre das Dänische Nationalmuseum das erste seiner Art, dass endlich etwas gegen die Langeweile von Kindern unternimmt. Mit dem „Langeweileknopf“ soll das Museum nun also „zum Leben erweckt“ werden: „The button is designed to bring the museum to life, so the children experience that history wants something from them.“ Das ist eine Ansage. Die Geschichte „will also etwas von den Kindern“. Es ist nicht schlimm genug, dass im Erwachsenenalter jeder ständig etwas von einem will. Jetzt wird man schon als Kind belagert – im Museum – von der Geschichte. Man sollte meinen, man darf als Kind einfach seine Ruhe haben. Aber nein, die Geschichte will etwas. Da bekommt man direkt Lust aufs Museum! Oder auch nicht…

The National Museum of Denmark launches a „Boredom button“


 

Twitter des Monats

Zufallshorst

 

Vielleicht gehört Host Seehofer gar nicht zu Deutschland, sondern in eine unangenehme Parallelwelt? Wer auf jeden Fall zu Deutschland gehört, ist der Twitter-Account @zufallhorst. Der von Gregor Weichbrodt programmierte Bot hinter dem Account entscheidet seit dem 30. März 2018, wer oder was zu Deutschland gehört und was nicht. Alles rein zufällig, aber wirklich treffend. Was zu Deutschland gehört, ist nämlich z.B. der Totalschaden, Hundekot oder der Weinhandel. Nicht zu Deutschland gehören hingegen etwa das Arbeitsministerium, die Bierstube oder der 20-Mark-Schein.

⇒ @zufallshorst 


 

Instagram des Monats

Emanuel Mooner

 

Annika von Taube empfahl in ihrem Blog BLITZKUNST vor kurzem, man solle sich schnellstmöglich Collagen von Emanuel Mooner sichern. Gepostet werden die Kunstwerke auf Instagram, jeden Tag eines. Wer hier als erstes „I WANT!“ kommentiert, schnappt sich die Kunst für 25,- Euro plus 6,- Euro Versandkosten. Das ist ganz schön günstig für ein Kunstwerk. So vermutet Annika von Taube hinter dem Projekt auch eine Mission, und zwar „die flächendeckende Ausstattung der gesamten Instagram-Nutzerschaft mit Collagen“. Wer Noch kein Kunstwerk sein Eigen nennt, könnte also jetzt damit anfangen…

@dompteurmooner


 

Tumblr des Monats

Liz Climo

 

Die Illustratorin, Autorin und Comic-Zeichnerin Liz Climo war 13 Jahre lang im Team der TV-Serie The Simpsons. Heute publiziert sie vor allem Kinderbücher – und Comics in ihrem Tumblr. Die Comics sind bevölkert von sympathischen, oft sehr ungewöhnlichen Tieren. Von Pinguin und Bär bis hin zu Faultier, Axolotl, Blobfish oder Capybara sind alle möglichen Vögel, Fische oder Säugetiere in den Geschichten vertreten.

Hi, I’m Liz


 

⇒ alle MusErMeKu – Nicht-Newsletter – im Überblick

Header-Bild: Angelika Schoder – Staatspoper Hamburg, 2017

Ein Gedanke zu „Wenn Museen ihren Mitarbeitern nichts zahlen, einen „Langeweileknopf“ erfinden und Kunst über Instagram verhökert wird

  1. Pingback: Kultur-News KW 17-2018 | Kultur - Geschichte(n) - Digital

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.