Verrückt wie Alice im Wunderland, Kultur-Nudisten und Call me by Monet

MusErMeKu – Nicht-Newsletter – Nr. 25, 03/2018

– Frage des Monats: Wie gestört ist Alice im Wunderland? –
– Thema des Monats: Die Kultur-Nudisten kommen –
– Twitter des Monats: Visit Germany –
– Instagram des Monats: Call me by Monet –
– Tumblr des Monats: If we don’t, remember me. –

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Frage des Monats

Wie gestört ist Alice im Wunderland?

 

Lewis Carrolls Alice-Romane sind übersät mit Anzeichen von Wahnsinn. Einige dieser Szenarien sind in der Popkultur heute immer wieder gerne genutzte Verweise, etwa die Tee-Party des verrückten Hutmachers. Dazu ist es interessant zu wissen, dass der Autor von „Alice im Wunderland“ für seine Bücher u.a. durch Berichte über das berüchtigte „Bethlem Asylum“ beeinflusst wurde, das seit dem 17. Jahrhundert eine Art Attraktion war. Das Bethlem Royal Hospital war eine psychiatrische Klinik in London, in der Besucher die Patienten wie in einem Zoo besuchen und begaffen konnten. Menschen mit psychischen Krankheiten wurden hier eher verwahrt und „ausgestellt“ statt medizinisch behandelt.

 

Die Tee-Party des Hutmachers

Mit der industriellen Revolution und den damit verbundenen extrem schlechten Arbeitsbedingungen stiegen die Zahlen in sogenannten „Irrenanstalten“ für die Arbeiterklasse in London enorm an. Die Patienten spiegelten gewöhnlich die lokalen Industrien wider. Am häufigsten fanden sich hier Arbeiter der Schuh- und Textilindustrie, Weber, Schneider – und eben auch Hutmacher. Quecksilbervergiftung, Überarbeitung, Schwindsucht oder Mangelernährung begünstigten die Entwicklung psychischer Krankheiten in dieser Zeit.

Einer der Beamten der „Lunacy Commission“, welche die Anstalt beaufsichtigte, war Lewis Carrolls Onkel Robert Wilfred Skeffington Lutwidge. Ein Blick auf seine Arbeit ermöglicht erstaunliche Einblicke in den Wahnsinn in den Alice-Romanen. Fortschrittliche viktorianische Psychiater schlossen ihre Patienten nicht vor der Außenwelt weg, sondern beschäftigten sie als eine Art Therapie in Landwirtschaft und Gartenbau oder ließen sie Handarbeiten anfertigen. So hergestellte Produkte wurden von den Anstalten verkauft und waren für diese eine zusätzliche Einnahmequelle. Auch Tänze und Konzerte wurden zur Unterhaltung veranstaltet und den Besuchern als Spektakel präsentiert. Hierzu zählten auch Tee-Parties. Auch Carroll hat mindestens einmal an einer solchen Party in einer Anstalt teilgenommen. Er unterhielt außerdem regelmäßig Kontakt zu Psychiatern.

 

We are all mad here

Wahnsinn galt in der viktorianischen Ära als eine Bedrohung für den Status quo. In einem Zeitalter der Wissenschaft und des Empirismus wurden psychische Krankheiten als Bedrohung der Rationalität empfunden. Diese Abwehrhaltung ging sogar so weit, dass einige viktorianische Psychologen davon überzeugt waren, dass Träume eine Vorstufe von Wahnsinn wären. Und Lewis Carrolls „Wunderland“ ist natürlich ein Traum – und daher bevölkert von Wahnsinnigen.

In Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ wird diese Grenze zu Traum und Wahn durch Spiegel verkörpert. Wie das Auge, welches die Realität von der Welt des Geistes trennt, führt der Spiegel in eine immaterielle Welt. Hier wird das Unmögliche möglich – einschließlich Zeitreisen, die Veränderung von Geschlechternormen oder die Auflösung von sozialen Einschränkungen. Die Figur von Alice verweist hier auf das damalige Konzept von weiblicher Hysterie. Als Grund dafür wurde eine Überreizung der Vorstellungskraft vermutet, ein zu viel an kreativen mentalen Fähigkeit. Wer Fantasie hat und träumt, muss natürlich verrückt sein – besonders als Frau.

⇒ Franziska Kohlt, The Conversation: Alice in the asylum: Wonderland and the real mad tea parties of the Victorians


 

Thema des Monats

Die Kultur-Nudisten kommen

 

Normale Social-Media-Events waren gestern, der neue Trend im Museum heißt FKK. Das Palais de Toyko, ein Museum für zeitgenössische Kunst, wird die erste Galerie in Paris sein, die Besucher zu einem FKK-Tag empfängt. Die Besucher müssen dabei ihre Kleidung an der Garderobe abgeben, bevor sie die Ausstellungen des Museums erkunden. Die Veranstaltung wird von der Paris Naturists Association organisiert. Jeder, der an der Veranstaltung interessiert ist, muss sich vorher beim Verein anmelden.

Würde Instagram mehr nackte Haut erlauben, diese Besuchergruppen könnten die besten #peoplematchingartworks Bilder online stellen. Denn seien wir ehrlich, die meisten Kunstwerke in Museen haben oft auch nicht mehr an als in diesem Fall die Besucher.

⇒ The Local: Paris museum to allow naked visitors for special nudist day


 

Twitter des Monats

Visit Germany

 

Angela Merkel hat man irgendwie anders in Erinnerung – nicht ganz so royal und weniger Englisch.  Auch dass die Insel Mainau im Bodensee plötzlich eine Palmenform hat oder dass der Kaiserstuhl in Baden-Württemberg vulkanartige Aktivitäten aufweisen soll, scheint ungewöhnlich. Aber wenn es dieser (nicht ganz so offizielle) Twitter-Account behauptet, muss es ja wohl stimmen…

⇒ @SchlandVisiten


 

Instagram des Monats

Call me by Monet

 

Luca Guadagninos Film „Call Me By Your Name“ (2017) trifft auf Claude Monet. Die Oscar-prämierte Literaturverfilmung (bestes adaptiertes Drehbuch) basiert auf dem 2007 erschienenen gleichnamigen Roman von André Aciman. Dieser ließ sich für die Handlung seines Buches von einem Werk von Monet inspirieren und versuchte, die Stimmung einer verträumten Landschaft einzufangen.

Der Instagrammer Mika Labrague nahm dies zum Anlass, die beiden Hauptfiguren des Films, den 17-jährigen Elio (Oscar-nominiert: Timothée Chalamet) und den 24-jährigen Oliver (Armie Hammer), in verschiedene Gemälde von Monet zu versetzen. Zusätzlich versieht der Instagrammer seine Postings noch mit Zitaten aus dem Film, passend zu den Werktiteln Monets. Der so entstandene Instagram-Account ist mindestens so empfehlenswert wie der Film.

⇒ @cmbymonet


 

Tumblr des Monats

If we don’t, remember me.

 

Noch eine Empfehlung für Filmfans: IWDRM (If we don’t, remember me.) sammelte von 2010 bis 2015 animierte Filmausschnitte. Der Tumblr lief begleitend zu Ausstellungen im Contemporary Arts Museum in Houston, im &FOAM in Amsterdam und im The Event in Birmingham. Im Gegensatz zu regulären GIFs werden bei IWDRM keine Filmsequenzen als Loops wiederholt. Vielmehr handelt es sich um statische Film-Stills, die digital mit Bewegtbild kombiniert wurden.

⇒ If we don’t, remember me.


 

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Ein Gedanke zu „Verrückt wie Alice im Wunderland, Kultur-Nudisten und Call me by Monet

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