Nackt vor der Elbphilharmonie, Pussy Terror bei Facebook und Spaß mit Obst

MusErMeKu – Nicht-Newsletter – Nr. 24, 02/2018

– Frage des Monats: Was macht der Nackte vor der Elbphilharmonie? –
– Thema des Monats: Pussy Terror bei Facebook –
– Twitter des Monats: Nutscapes –
– Instagram des Monats: Stephanie Sarley –
– Tumblr des Monats: Things My Dick Does –

Sonderthema: Untenrum

Ein Newsletter, der kein Newsletter ist.


 

Frage des Monats

Was macht der Nackte vor der Elbphilharmonie?

 

Ein Foto mit der Elbphilharmonie im Hintergrund, das ist nicht nur für Hamburg-Besucher der Selfie-Standard. Auch für die Einwohner der Hansestadt gehört die „Elphi“ mit zu den Lieblingsmotiven. Kein Wunder also, dass der Bau von Herzog & de Meuron auch auf den russischen Konzeptkünstler Andrey Kuzkin eine besondere Anziehungskraft ausübte. Für seine Serie „The Phenomenon of Nature or 99 Landscapes with Trees“ ließ er sich nun gemeinsam mit Hamburgs bekanntestem Konzerthaus fotografieren. Allerdings nicht fröhlich in die Kamera zwinkernd und bei winterlichen Temperaturen in eine dicke Jacke gemummelt – sondern kopfüber mit dem Oberkörper im Boden vergraben. Und nackt. Eine halbe Stunde lang hielt der 38-jährige Moskauer in dieser Position durch. Atmen konnte der Künstler in dieser Zeit nur über einen Plastikschlauch. Während obenrum das Erdreich vermutlich wenigstens etwas Schutz gegen die Kälte geboten hatte, dürfte es untenrum relativ zugig gewesen sein. Am Tag der Aktion gingen die Temperaturen an der Elbe in den Minusbereich.

Tim Neshitov, SZ: Was macht der nackte Mann vor der Elbphilharmonie?


 

Thema des Monats

Pussy Terror bei Facebook

 

Am 15. Februar 2018 erschien „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Kernthese: „Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind.“ Das Problem zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche und macht natürlich auch vor Social Media nicht halt. Bis heute löschen Facebook und Instagram allzu freizügiges Bildmaterial – insbesondere wenn Frauen abgebildet sind.

 

L’Origine du Monde

Aktuelles Beispiel: Ein seit 2011 bestehender Disput um Gustave Courbets Gemälde „L’Origine du Monde“ landete jetzt vor einem französischen Gericht. Es geht um das gelöschte Facebook-Profil von Frédéric Durand. Der Lehrer hatte einen Link zu einem Beitrag über das Bild aus dem Musée d’Orsay bei Facebook veröffentlicht. Das Vorschaubild des Beitrags zeigte ein Foto des über 150 Jahre alten Gemäldes. Das Soziale Netzwerk löschte daraufhin nicht einfach den Beitrag mit dem Vorschaubild, sondern sperrte gleich das ganze Profil des Franzosen. Durand  ließ sich das nicht gefallen und verklagte den amerikanischen Konzern wegen Einschränkung seiner Meinungsfreiheit.

In den folgenden fünf Jahren versuchte Facebook einem Rechtsreit in Frankreich aus dem Weg zu gehen. Letztendlich vergeblich: Nun wird um eine geforderte Entschädigung in Höhe von 20.000 Euro verhandelt. Mit einem Urteil wird am 15. März 2018 gerechnet.

 

Kunst – und gut?

Mittlerweile hat Facebook seine Vorgaben geändert. 2017 kamen Unterlagen des Netzwerks an die Öffentlichkeit, die darlegten, nach welchen Kriterien Inhalte entfernt werden. Die sogenannten „Facebook-Files“ gaben dabei auch Einblicke in die Haltung des Konzerns gegenüber der Darstellung von Nacktheit und Sexualität in Kunstwerken. Facebook unterscheidet hier nicht generell, ob Kunst zu sehen ist oder nicht. Es zählt, um welche Art von Kunst es sich handelt: „We allow nudity when it is depicted in art like paintings, sculptures, and drawings. We do not allow digitally created nudity or sexual activity.“ Möglich sind also Fotografien von nackten Skulpturen oder Abbildungen von Aktgemälden oder Aktzeichnungen. Zulässig sind zudem digitale Zeichnungen von primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen, wenn diese nicht „ausreichend detailliert“ dargestellt sind.

Mittlerweile zeigt eine Suche nach Courbets „L’Origine du Monde“ bei Facebook übrigens tatsächlich einige Abbildungen des Gemäldes. Es scheint, als würde das Werk endlich als Kunst eingestuft und nicht als Porno. Also: Ende gut, alles gut? Leider nicht. Solange männliche „moobs“ (men boobs) von Facebook als unbedenklich gesehen werden, während weibliche Brüste weiterhin zensiert werden, muss man noch immer von Sexismus sprechen. Und auch Kunst ist bei Facebook und Instagram noch lange nicht „untenrum frei“, sobald es sich nicht um ein Gemälde, sondern um zeitgenössische Fotografie handelt.

 

⇒ Facebook to French court: nude painting did not prompt account’s deletion


 

Twitter des Monats

Nutscapes

 

Wenn der Aktionskünstler Andrey Kuzkin sich nicht kopfüber vor die Elbphilharmonie gestellt hätte, sondern richtig herum – vielleicht hätte er ein Foto als #nutscape bei Twitter einreichen können. „Nutscapes“ sind „Selfie for real Men“. Die Bilder zeigen Sonnenuntergänge über dem Meer, Wälder, Sehenswürdigkeiten oder Berge. Was diese Aufnahmen von Landschaften (engl. landscape) zu Selfies macht, ist das, was im oberen Bildrand baumelt (engl., umgangssprachlich nuts). Für alle, die diesem angeblich aus Neuseeland stammenden Trend nacheifern möchten, hat der dazugehörige Tumblr nutscapes.com sogar entsprechende Tipps parat: Man(n) suche sich eine schöne Landschaft, drehe ihr den Rücken zu, Hose runter, vorne überbeugen und zwischen den Beinen hindurch fotografieren. Das Ergebnis kann dann mit dem Hashtag #nutscape veröffentlicht werden.

⇒ @nutscapes


 

Instagram des Monats

Stephanie Sarley

 

Die Bilder und Videos der amerikanischen Künstlerin Stephanie Sarley muten etwas surreal an: Pfirsiche, Orangen, Honigmelonen, eine Papaya – das klingt nach Obstsalat. Statt in einem Buch über gesunde Ernährung sind ihre Werke allerdings im Museum der bildenden Künste Leipzig zu sehen, und zwar in der Ausstellung „Virtual Normality. Netzkünstlerinnen 2.0“ (noch bis 8. April 2018). Ihre Werke sind #FoodPorn – wortwörtlich. Meint das Hashtag bei Instagram eigentlich den übertragenen Sinn, nämlich appetitlich angerichtetes Essen, wird es bei Stephanie Sarley irgendwie persönlich. Die Künstlerin malträtiert Obst regelrecht, bis das Fruchtfleisch spritzt und der Granatapfelsaft fließt.

Ihre feministische Kunst stieß bei Instagram nicht von Anfang an auf Gegenliebe. Immer wieder wurden Beiträge von ihr gelöscht, sogar ihr Account. Nachdem Instagram sich dafür u.a. gegenüber der britischen Zeitung Guardian rechtfertigen musste, wurde der Account wieder hergestellt – zur Freude der mittlerweile fast 280.000 Follower.

⇒ @stephanie_sarley

⇒ Beatrice Hazlehurst, Paper: Meet the artist who makes lemons orgasm


 

Tumblr des Monats

Things My Dick Does

 

Die Social Media Plattform Tumblr hat keinen besonders guten Ruf. „Cats and Porn“ – Katzen und Pornos, so die weit verbreitete Meinung, wären das Einzige für was die Tumblr-Blogs gut seien. Während Netzwerke wie Facebook oder Instagram relativ rigoros gegen Nacktheit vorgehen und entsprechende Inhalte von Seiten oder Nutzerprofilen entfernen, darf es bei Tumblr gerne etwas mehr sein – mehr Katzen sowieso, aber auch mehr nackte Haut. Kein Wunder also, dass Things My Dick Does bei Tumblr gut aufgehoben ist.

 

Die Abenteuer von Little Dude

In dem Blog Things My Dick Does lässt ein Fotograf und Illustrator aus San Francisco seinen „Little Dude“, kurz LD, verschiedene Abenteuer erleben. LD backt beispielsweise Kuchen und probiert auch mal eine Eierschale als Hut auf, betrinkt sich mit Schnaps (und übergibt sich), schaut Netflix oder bastelt sich aus etwas Klopapier ein Mumien-Kostüm für Halloween.

 

Wie im Mittelalter

Die Inszenierungen, für die der Fotograf teilweise mehrere Stunden benötigt, erinnern dabei an spätmittelalterliche Darstellungen von sogenannten Phallustieren, die als obszöne Tragezeichen dienten. Die meist aus einer Blei-Zinn-Legierung gearbeiteten Anstecker wurden – im Gegensatz zu den verwandten Pilgerzeichen mit religiösen Motiven – vermutlich im Karneval getragen. Eine andere Theorie besagt, dass die Darstellungen aus der Zeit zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert Glück oder Fruchtbarkeit bringen sollten.

Ähnlich wie der „Little Dude“ waren auch Phallustiere mit einem fröhlichen Gesicht ausgestattet, hatten Arme oder Beine, manchmal Flügel, trugen Kleidung und gingen quasi alltäglichen Beschäftigungen nach. Ob sie ein Pferd ritten, auf eine Leiter kletterten oder zur See fuhren – Phallustiere waren mindestens so umtriebig wie LD aus dem Blog Things My Dick Does.

⇒ Things My Dick Does


 

⇒ alle MusErMeKu – Nicht-Newsletter – im Überblick

Header-Bild: Angelika Schoder – Staatsoper Hamburg, 2017

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