Der Klang von Explosionen: Performing Machines von Stephen Cripps

Stephen Cripps brachte sein Publikum regelmäßig fast in Lebensgefahr. Seine Performances waren eine Zumutung: Zuschauer mussten mit Gestank und Hitze rechen, auch bestand die Gefahr, von Funken und anderen herumfliegenden Dingen getroffen zu werden. Jetzt rückt das Werk des Künstlers erneut in den Fokus.

Über zwei Jahre lang wurde das Material des Stephen Cripps Archive aufgearbeitet und katalogisiert. Am Ende des Projektes, das vom Museum Tinguely in enger Zusammenarbeit mit dem Henry Moore Institute durchgeführt wurde, steht nun ein beeindruckender Katalog über den britischen Ausnahmekünstler.


 

Die Verortung von Stephen Cripps‘ Werk

Es ist die erste umfassende wissenschaftliche Veröffentlichung zum Werk des Briten Stephen Cripps, die vom Museum Tinguely in Basel gemeinsam mit dem Henry Moore Institute in Leeds Anfang 2017 vorgelegt wurde. Der lange erwartete Katalog, der begleitend zur Ausstellung „Stephen Cripps. Performing Machines“ im Museum Tinguely erschien, verortet den Künstler und sein Werk im kulturellen und künstlerischen Kontext des London der 1970er und 1980er Jahre.

Es fällt schwer, Cripps als Künstler einer festen Kategorie zuzuordnen, denn der Brite, der nur 29 Jahre alt wurde, arbeitete mit einer großen Bandbreite an Formaten und Materialien. Seit seiner Ausbildung an der Bath Academy of Art in Corsham (1970-1974) baute Cripps kinetische, mechanische Skulpturen und Maschinen, konzipierte interaktive Installationen und führte pyrotechnische Performances durch. Zudem produzierte er Klangarbeiten, setzte Filmexperimente um, fertigte Collagen an und zeichnete. Das Flüchtige, Provisorische und Experimentelle zeichnet sein Werk, das häufig mehrere Medien und Herangehensweisen kombiniert, aus. Nun, 35 Jahre nach dem Tod von Stephen Cripps, erschien die erste umfangreiche Publikation über die ungewöhnliche Ideenwelt des Künstlers.

 

Das Museum Tinguely in Basel zeigte Anfang 2017 die erste große monographische Ausstellung zu Stephen Cripps (1952-1982)

Das Museum Tinguely in Basel zeigte Anfang 2017 die erste große monographische Ausstellung zu Stephen Cripps (1952-1982)

 

Das Potenzial der Zerstörung

Künstlerischer Ausgangspunkt für Stephen Cripps war sein Interesse für kinetische Skulpturen und Maschinen, das ergänzt wurde durch seine Faszination für Feuerwerk und Pyrotechnik und das damit verbundene Prinzip der Zerstörung. Auch neue Formen der Musik weckten sein Interesse. Dies alles verband Cripps in experimentellen Performances. Heute wären seine radikalen Auftritte sogar undenkbar – viel zu gefährlich für das Publikum und die Umgebung.

Ein Helikopterrotor attackierte etwa nach Cripps Vorstellung als Teil einer Maschine den Galerieraum und zerlegte sich dabei selbst in seine Einzelteile. In der Installation „Shooting Gallery“ sollten Ausstellungsbesucher mit einer modifizierten Pistole auf klangerzeugende Objekte wie ein Xylophon schießen. Oder Zuschauer wurden in pyrotechnischen Performances von ohrenbetäubendem Lärm und beißendem Rauch eingehüllt. Teilnehmer spürten zudem unerträgliche Hitze und mussten sich vor Funken in Acht nehmen. Zu rechen war auch mit Querschlägern aus Lebensmitteln, von denen man jederzeit getroffen werden konnte. Radikale Interventionen, die faszinieren und erschrecken.

Was von Stephen Cripps‘ Werk bleibt, sind Filme und Aufzeichnungen, Fotografie und ein großer Fundus an Zeichnungen des Künstlers, die auch zahlreiche Ideen abbilden, welche letztendlich nicht verwirklicht wurden. Aufbewahrt werden diese im „Archive of British sculptor and performance artist Stephen Cripps (1952-82)“ im Henry Moore Institute, Leeds. Der jetzt erschienene Katalog „Stephen Cripps. Performing Machines“ gibt nun – auf Basis der Auswertung des Archivs – einen eindrucksvollen Ein- und Überblick zur faszinierenden Lust am Wechselspiel aus Bewegung, Ton und Zerstörung, welche das Werk von Stephen Cripps ausmacht.

 

Der Katalog zur Ausstellung "Stephen Cripps. Performing Machines" erschien begleitend zur Ausstellung im Museum Tinguely vom 27.01. bis 01.05.2017

Der Katalog zur Ausstellung „Stephen Cripps. Performing Machines“ erschien begleitend zur Ausstellung im Museum Tinguely vom 27.01. bis 01.05.2017

 

Der Begleitband zur Ausstellung „Stephen Cripps. Performing Machines“, herausgegeben vom Museum Tinguely, ist 2017 im VfmK Verlag für moderne Kunst erschienen (ISBN: 978-3-903131-91-0). Der Band enthält, neben zahlreichen Werk-Abbildungen und einem vollständigen Objektverzeichnis, Texte u.a. von Sandra Beate Reimann, Lisa Le Feuvre, David Toop, Dominic Johnson und Jeni Walwin. Enthalten sind zudem Interviews mit Stephen Cripps.

 

>>> Der Beitrag entstanden im Rahmen der Bloggerreise #MonetBasel, die von der Fondation Beyeler sowie Art & Design Museums Basel initiiert und finanziert wurde. MusErMeKu dankt dem Museum Tinguely zudem für die kostenfreie Überlassung des Ausstellungskatalogs als Rezensionsexemplar. / Dieser Artikel erscheint im Rahmen des von MuseumLifestyle initiierten #artbookfriday

→ Unsere Beiträge zum #artbookfriday

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Leipzig, 2010 /
Beitragsbilder: Angelika Schoder – Museum Tinguely, Basel 2017

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