Von Design Thinking bis Inklusion – Impulse für den Kulturbereich

Innovation erfordert einen Blick über den Tellerrand – ein thinking out of the box. Perspektiven aus Kunst, Design, Architektur, Wissenschaft und Wirtschaft, gekoppelt mit dem Blick auf Praxisbeispiele, können eine interdisziplinäre Denkweise anregen und wichtige Impulse für den Kulturbereich liefern – von Design Thinking über Social Design bis hin zu einer neuen Fehlerkultur.


 

Die im März 2017 erschienene Publikation „Visionen Gestalten“ versammelt 33 Konzepte und Projekte, ebenso wie 29 Interviews mit Wissenschaftlern und Akteuren aus der Praxis und eröffnet damit einen interdisziplinären Diskussionsraum. Die angerissenen Themenfelder liefern dabei eine Reihe wertvoller Denkanstöße:

 

1) Durch Design Thinking die Produktentwicklung optimieren

Fritz Frenkler, Designer

Der wissenschaftliche Untersuchungsansatz des Design Thinking sollte einer Produktentwicklung vorausgehen. Dafür wird zunächst ein Modell entwickelt, anhand dessen überprüft werden kann, ob die festgelegten Ziele praktisch realisierbar sind. Das Modell wird so lange überarbeitet, bis es optimiert ist. Durch diesen Prozess entstehen Produkte und Dienstleistungen, die auf dem Markt auch erfolgreich funktionieren. [1]


 

2) Museen zu Orten kultureller und sozialer Diskurse machen

Angelika Nollert, Leiterin Designmuseum

Um auch in Zukunft kulturell relevant zu bleiben, müssen Museen Themen der sich wandelnden Gesellschaft reflektieren. Durch das Aufgreifen aktueller Diskurse können Museen zur Ausbildung von Haltungen beitragen. [2]


 

3) Nutzerbedürfnisse mit Social Design in den Fokus rücken

Christoph Böninger, Designer

Bedürfnisse des Publikums sollten im Mittelpunkt von Entwicklungsprozessen stehen – nicht Institutionsinteressen. Social Design konzentriert sich darauf, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen. Auch für den Kulturbereich sollte dieses Prinzip gelten. [3]


 

4) Sich an technische Veränderungen anpassen

Lorenzo Fernandez, Unternehmensberater

Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass spezifische Technologien langfristig einsatzfähig bleiben. Egal wie fortschrittlich eine technische Infrastruktur erscheinen mag – sie kann bald obsolet werden. Es ist daher unerlässlich, sich schnell an Veränderungen anpassen zu können. Dies wird erleichtert, wenn alle Beteiligten ein Gespür für Prozesse entwickeln und sich als Teil von einem Ganzen verstehen. Dabei hilft es, wenn ein glaubwürdiges, authentisches Ziel vereinbart wird, bei dem nicht der Profit, sondern der gesellschaftliche Mehrwert im Mittelpunkt steht. [4]


 

5) Inspiration im Alltäglichen finden

Enrique Sobejano, Architekt

Eine vergessene Erinnerung, Geräusche oder Worte können den Beginn eines neuen Projektes inspirieren. Komplexe Strukturen können dabei aus zunächst einfach oder banal erscheinenden Ideen entstehen. Dabei können offensichtliche Dinge ein visionäres Potenzial beinhalten – man muss es nur erkennen. [5]


 

6) Kreativität verschwenderisch einsetzen

Friedrich von Borries, Designtheoretiker

Auch Konzepte und Strukturen, die es bereits gibt, müssen immer wieder neu erfunden werden. Dahinter steht ein entschlossener Gestaltungswille und verschwenderische Kreativität. Der Anspruch des Entwerfens muss dabei immer im Vordergrund stehen, auch wenn die tatsächlichen Gegebenheiten teilweise dagegen sprechen. [6]


 

7) Ein nicht-exklusives Publikum ansprechen

Thomas Hirschhorn, Künstler

Es geht nicht darum, „die Masse“ oder „die Mehrheit“ anzusprechen, sondern diejenigen Menschen, die sich von der eigenen Position unterscheiden. Ein nicht-exklusives Publikum soll erreicht und mit einbezogen werden, auch wenn man diese Rezipienten bisher nicht kennt oder sogar nicht versteht. [7]


 

8) Lebendige Strukturen ohne Umsatzdruck schaffen

Philipp Oswalt, Architekturtheoretiker

Die zunehmende Ökonomisierung führt zu einer Ausgrenzung von Akteuren. Eine schnelle, finanziell profitable Verwertung von Orten darf daher nicht dominieren. Erst wenn die Gewinnoptimierung nicht das primäre Ziel ist, können Orte lebendig gestaltet werden. [8]


 

9) Die Gemeinschaft mit einbeziehen

Marjetica Potrc, Künstlerin

Es müssen partizipative Praktiken entwickelt werden, indem zunächst mit dem Publikum gesprochen wird und dessen Bedürfnisse festgestellt werden. Im Vorfeld eines Projektes muss die Gemeinschaft dann mit in den Prozess der Entscheidungsfindung mit einbezogen werden. Auch bei der Umsetzung sollte die Zielgruppe involviert werden, nicht zuletzt damit diese auch ein Verantwortungsgefühl für das Projekt entwickelt. So entsteht ein nachhaltiges Ergebnis, von dem alle langfristig profitieren können. [9]


 

10) Eine Fehlerkultur zulassen

Skart, Künstlerkollektiv

Experimentierfreude muss sich in Zukunft stärker etablieren, denn Experimente erlauben es, Fehler zu machen. Für eine Weiterentwicklung ist es essenziell, aus Fehlern zu lernen, denn der Druck nach Perfektion hemmt sonst nur die Kreativität. [10]


 

11) Inklusion durch interdisziplinären Austausch fördern

BeAnotherLab, interdisziplinäres Kollektiv

Statt sich in verschiedenen Bereichen immer mehr zu spezialisieren, muss ein stärkerer Austausch und ein gegenseitiges Lernen voneinander erfolgen. Durch eine abteilungsübergreifende Zusammenarbeit können neue Ansätze entwickelt werden. Durch kollaborative, nicht-hierarchische Arbeit können traditionelle Strukturen reformiert werden. So kann eine Inklusion gelingen, die nicht eine reine Integration ist, in der Menschen einfach in bestehende Strukturen einverleibt werden, ohne diese mitgestalten zu können. Auf institutioneller Ebene muss dazu ein offener und flexibler Dialog angeregt werden. [11]

 

Die Publikation „Visionen Gestalten. Neue interdisziplinäre Denkweisen und Praktiken in Design, Kunst und Architektur“, herausgegeben von Elisabeth Hartung, ist im März 2017 bei av edition erschienen (ISBN: 978-3-89986-263-8). Der Band enthält, neben zahlreichen Praxisbeispielen aus Design und Kunst, auch eine Reihe an Interviews.

 

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Header-Bild: Angelika Schoder – Berlin, 2017


Fußnoten:

[1] Fritz Frenkler: Wahrscheinlich ist die Minimierung ein guter Ansatz für die Zukunft, In: Visionen Gestalten. Neue interdisziplinäre Denkweisen und Praktiken in Design, Kunst und Architektur, Hg.v. Elisabeth Hartung. av edition 2017, S. 16-21

[2] Angelika Nollert: Das Museum muss die Herausforderungen der Zeit erkennen, In: Ebd., S. 78-81

[3] Christoph Böninger: Endlich kommt das Design aus der rein subjektiven Wahrnehmung heraus, In: Ebd., 32-35

[4] Lorenzo Fernandez: Verliebe dich nicht in die Lösung, verliebe dich in das Problem, In: Ebd., S. 190-197

[5] Enrique Sobejano: Architektur hat die Fähigkeit, Realität zu transformieren, In: Ebd., S. 92-97

[6] Friedrich von Borries: Ich verstehe ‚entwerfen‘ als das Gegenteil von ‚unterwerfen‘, In: Ebd., S. 108-115

[7] Thomas Hirschhorn: Kunst greift in die Gesellschaft ein, weil sie eine Form ist – eine Form an sich, eine neue Form, In: Ebd., S. 130-137

[8] Philipp Oswalt: Orte sind unverzichtbar, die nicht primär unter dem Primat der Gewinnoptimierung stehen, In: Ebd., S. 118-123

[9] Marjetica Potrc: Öffentlicher Raum ist schließlich eine soziale Vereinbarung, In: Ebd., S. 150-155

[10] Skart: Poesie kann die Art und Weise sein, wie jemand Gemüse auf dem Markt verkauft, In: Ebd., S. 174-177

[11] BeAnotherLab: Die Relevanz des Körpers wieder in den Fokus rücken, In: Ebd., S. 58-63

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