Kulturvermittlung bei Instagram, elitäre Museumskonzepte und ein tragbares Museum

MusErMeKu – Nicht-Newsletter – Nr. 14, 04/2017

– Frage des Monats: Wie funktioniert Kulturvermittlung bei Instagram? –
– Thema des Monats: Schluss mit elitären Museumskonzepten –
– Twitter des Monats: Girl’s Own advice –
– Instagram des Monats: Museum of Portable Sound –
– Tumblr des Monats: Awol Erizku –

Sonderthema: Kulturvermittlung

Ein Newsletter, der kein Newsletter ist.


 

Frage des Monats

Wie funktioniert Kulturvermittlung bei Instagram?

Anfang April 2017 wurde in den Deichtorhallen Hamburg über Kulturvermittlung diskutiert. Neben den Themen interkulturelle Vermittlung und der Arbeit mit Menschen mit Demenz spielte dabei auch das Themenfeld des Digitalen eine zentrale Rolle – und sorgte für Kontroversen.

 

Digitale Kulturvermittlung als Problemfeld

Ralf Lankau („Die Welt ist eine Scheibe – Oder: Warum Bildschirme den Blick auf die Kunst verstellen“) sprach im Rahmen der Konferenz „Hallo, Vermittlung!?“ etwa von einer „verlorenen Generation“, für die künstlerische Arbeit nur via Monitor erfahrbar ist. Wer keinen echten Stift in die Hand nimmt, lernt also nicht, Kunst richtig zu verstehen? Nicht nur Anke von Heyl zeigte sich in ihrem Beitrag „Hallo Vermittlung – eine Konferenz mit viel Diskussionsstoff“ von Lankaus Aussagen irritiert.

In einem WorldCafé-Setting wurde dann im Rahmen der Konferenz weiter über digitale Vermittlung diskutiert und glücklicherweise kam man auch hier überwiegend zu einem anderen Ergebnis als Lankau. Das Fazit: „Alle würden die neuen Medien gerne verstärkt als Instrument nutzen, allerdings fehlen menschliche, finanzielle und technische Ressourcen“, so Melanie von Bismarck in ihrem Beitrag „‚Hallo, Vermittlung!?‘ – (K-)Ein Tagungsbericht der Moderatorin“.

Während der Tagung war auch immer die Frage nach einer Differenzierung zwischen digitaler Vermittlung und Vermittlung im digitalen Raum präsent, ebenso wie die Frage, wo nun die Grenze zwischen Marketing und Vermittlung verlaufen würde. Wo läge aber hier das Problem? Wäre es denn schlimm, wenn digitale Vermittlung auch online sichtbar wäre – und so eine größere Zielgruppe erreichen könnte als nur lokal? Und können gelungene Vermittlungsprojekte nicht als Marketingmaßnahme genutzt werden, um auf eine Kulturinstitution aufmerksam zu machen?

 

Instagram als ungenutzte Chance

Gerade Instagram würde sich eigentlich für die Vermittlung von Kultur bestens eignen: Bildbasiert, Video-kompatibel und nun auch mit einer Story- und Album-Funktion ausgestattet, bietet die Social Media Plattform alles, was sich Kulturvermittler wünschen könnten. Die potenzielle internationale Reichweite liefert Instagram gleich mit.

Doch wie Ute Vogel in ihrem Beitrag „Liebe Theater auf Instagram“ kürzlich feststellte, ist es mit der digitalen Vermittlung dann doch nicht so weit her. Statt um Inhalte geht es bei Theatern meist nur um Blicke auf Bühnenbilder und auf beklatschte Schauspieler – langweilig und austauschbar. Schlimmstenfalls wird der Kanal als Einweg-Werbeschleuder genutzt. Da stellt sich dann die Frage nach der Trennung von Marketing und Vermittlung erst gar nicht, denn letzteres wird nicht einmal versucht.

Doch nicht nur Theater scheitern meist an der Kulturvermittlung bei Instagram. Auch Museen machen häufig keine gute Figur, angefangen bei der Unfähigkeit die einfachsten technischen Bedingungen der Plattform zu erfüllen. Kunstvermittlung bei Instagram, das bedeutet für einige, einen Account wie @hansundsophie zu betreiben. Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck dokumentiert hier, wie Kunst vor Ort vermittelt wird – Kinder werden beim Malen und Basteln gezeigt. Auch das ist reines Marketing, denn der Instagram-Account selbst bleibt für eigentliche Kunstvermittlung ungenutzt.

 

Gelungene Instagram-Vermittlung

Es finden sich allerdings auch Beispiele, wie bei Instagram tatsächlich Inhalte vermittelt werden. Dies geschieht z.B. durch klassische Kommunikation, wie im Fall des @ddrmuseum, das Auskunft über typische DDR-Produkte und ihre gesellschaftlichen Hintergründe gibt, oder wie im Fall des @maritimesmuseum, das historische Informationen und Fakten rund um Schiffe und Seefahrt liefert und in Kommentaren auch beantwortet.

Instagram eignet sich darüber hinaus aber auch zur interaktiven Kunstvermittlung, indem Nutzer etwa mit dem nötigen Hintergrundwissen zu Künstlern versorgt werden und dann selbst aktiv werden müssen. Ein Beispiel sind hier die regelmäßigen Aktionen des Fotoprojekts This Ain’t Art School, beispielsweise das #becherassignment aus dem Sommer 2016. Im Hintergrund des Vermittlungsprojektes stand hier das Werk von Bernd und Hilla Becher, das sich besonders durch das Motiv der Industriearchitektur und die ständige Wiederholung von seriellen Bildern auszeichnet. Anhand dieser beiden Aspekte wurden von @thisaintartschool zwei Aufgabenstellungen für die Instagram-Nutzer konzipiert: „Anonymous Sculptures“ und „True Grid“. Aus der Perspektive der Bechers entstanden so in der Foto-Community zahlreiche Fotografien von industriellen Bauwerken, ebenso wie systematische Bilderabfolgen bestimmter Objekte oder Szenerien. Kein Teilnehmer der Fotoaktion wird so in Zukunft vergessen, was das Werk der Bechers ausmacht.

Dieses Konzept funktioniert losgelöst von aktuellen Ausstellungen, ebenso wie ausstellungsbegleitend. Ein Beispiel ist hier #werkstattphotographie im Januar 2017. In Kooperation mit dem C/O Berlin, dem Museum Folkwang in Essen und dem Sprengel Museum Hannover wurde die Ausstellung „Werkstatt für Photographie 1976-1986“ zum Anlass genommen, Instagram-Nutzer dazu aufzufordern, sich aktiv mit den Fotografen dieser Zeit und mit ihren Motiven auseinanderzusetzen und selbst Bilder zu erstellen.

Anders als Ralf Lankau es in seinem Vortrag im Rahmen von „Hallo, Vermittlung!?“ ansprach, zeigt sich so, dass das Digitale nicht nur Werkzeug ist, sondern eben doch helfen kann, Kunst zu vermitteln. Die Perspektive von Künstlern kann eingenommen und hinterfragt werden – mit dem Smartphone ebenso gut wie mit dem realen Stift in der Hand.

 

Ute Vogel, Vogelfutter: Liebe Theater auf Instagram

Melanie von Bismarck, Körber-Stiftung: „Hallo, Vermittlung!?“ – (K-)Ein Tagungsbericht der Moderatorin


 

Thema des Monats

Schluss mit elitären Museumskonzepten

Wenn Museen Werte wie soziale Gerechtigkeit, Offenheit und Toleranz vermitteln wollen, müssen sie zuerst auch ein sozial vielschichtigeres Publikum ansprechen. Rebecca Herz, die Direktorin des amerikanischen Peoria PlayHouse Children’s Museum, stellt hierzu bei MuseumNext fünf Punkte vor, die auch andere Museen umsetzen können:

 

  • Dauerhaft kostenlose oder ermäßigte Eintrittspreise für bestimmte Besucher

Wenn für alle Besucher der volle Eintritt erhoben wird oder nur an bestimmten Tagen ein freier Eintritt möglich ist, werden diverse Besuchergruppen vom Museum ausgeschlossen. Statt dessen sollte jedem der Museumsbesuch zu jeder Zeit ermöglicht werden, etwa durch eine dauerhafte Berücksichtigung bestimmter unterrepräsentierter Zielgruppen bei den Eintrittspreisen.

 

  • Orientierungshilfen für neue Zielgruppen anbieten

Für Museen gilt oft ein unausgesprochener Verhaltenscode. Zwar weisen Schilder oft darauf hin, in der Ausstellung etwa nicht zu fotografieren oder Kunstwerke nicht zu berühren. Doch es gibt auch eine Reihe weiterer Regeln, deren Unkenntnis bei neuen Besuchern zu Missverständnissen führen kann, was gleichzeitig auch andere Besucher stört. Um dies zu vermeiden, sollten neuen Zielgruppen „typische Museumsregeln“ freundlich vor einem Besuch erklärt werden, nicht erst wenn sie dagegen verstoßen.

 

  • Explizit neue Zielgruppen ansprechen und aktiv zu einem Museumsbesuch einladen

Museen können aktiv neue Zielgruppen ansprechen und sie dazu einladen, das Programm mitzugestalten oder Wünsche zu äußern. Wenn die Menschen erst einmal Kontakt zum Museum hatten, zeigen sie vielleicht auch in Zukunft Interesse an dessen Programm und werden zu regelmäßigen Besuchern.

 

  • Zielgruppengerechte Kommunikation und Werbung

Wenn für neue Ausstellungen immer nur in den gleichen Magazinen und Zeitungen mit einer bestimmten Leserschaft geworben wird, werden sich so kaum neue Zielgruppen ansprechen lassen. Die Herausforderung besteht darin, auch diejenigen über das Angebot des Museums zu informieren, die bestimmte Medien nicht nutzen.

 

  • Die Einbeziehung des gesamten Museums

Die Initiative und Bereitschaft, neue Zielgruppen in das Museum zu bringen, darf nicht nur von der Museumspädagogik ausgehen. Auch Kuratoren müssen involviert sein, da Ausstellungen auch auf die Bedürfnisse nicht-klassischer Museumsbesucher zugeschnitten werden müssen. Ebenso muss die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit das Ziel mittragen und die Kommunikation entsprechend anpassen. Und letztendlich muss auch das Aufsichtspersonal geschult sein, um auf alle möglichen auftretenden Fragen freundlich reagieren zu können.

 

⇒ Rebecca Herz, MuseumNext: How can museums contribute to dialogue about social justice when we are exemplars of segregation?


 

Twitter des Monats

Girl’s Own advice

Lebertran hat noch immer geholfen! Der Twitter-Account @GilsoOwn überträgt Ratschläge aus Zeitungen der 1880er und 90er Jahre auf aktuelle Probleme des 21. Jahrhunderts und ruft regelmäßig zum #CaptionContest viktorianischer Illustrationen auf. Auch eine Möglichkeit, historische gesellschaftliche Konventionen zu vermitteln.

 

 @GirlsOwn


 

Instagram des Monats

Museum of Portable Sound

Ästhetisch ist der Instagram-Account des Museum of Portable Sound leider eine Katastrophe – dabei ist die Idee dahinter eigentlich sehr originell, denn es geht hier um Kulturvermittlung durch Geräusche. Gründer, Leiter und Kurator des tragbaren Klang-Museums ist der Künstler und Museologe John Dannenberg. Die Sammlung des Museums, bestehend aus Geräuschen aus der ganzen Welt, bewahrt er in einem alten iPhone auf.

Obwohl das Format ungewöhnlich erscheint, ist das seit 2015 bestehende Museum of Portable Sound wie ein klassisches Museum aufgebaut. Es gibt eine feste Sammlung zu vier Themen: 1) Naturwissenschaft, 2) Forschung und Technologie, 3) Raum und Architektur, sowie 4) Kunst und Kultur. Diese Hauptthemen gliedern sich wiederum in 21 Abschnitte zu spezifischeren Themen. Bei der Erstellung der Exponate wurde Dannenberg von drei weiteren Kollegen aus England, den USA und Ägypten unterstützt.

Die Highlights des Museums sind Geräusche, die in anderen Museen aufgenommen wurden, etwa eine Spieluhr aus dem 18. Jahrhundert im Ashmolean Museum in Oxford oder Regen auf dem Museum of Broken Relationships in Zagreb. Schon bei dem Gedanken an diese Geräusche entstehen sofort Bilder im Kopf. Schade, dass das Museum of Portable Sound noch niemanden gefunden hat, der diese Bilder in einen ansprechenden Instagram-Account überträgt.

 

@museumofportablesound


 

Tumblr des Monats

*Ready Mades / Awol Erizku

So ganz glücklich ist Awol Erizku nicht darüber, dass er nun weltweit als „Der Fotograf von Beyoncé“ bekannt ist. Sein Foto der Sängerin inmitten von Blüten mit Schwangerschaftsbauch und einer Gardine auf dem Kopf gilt als erfolgreichstes Instagram-Bild aller Zeiten mit Likes im 8-stelligen Bereich. Der 28-jährige Yale-Absolvent Erizku interessiert sich allerdings weniger für Social Media, sein eigener Instagram-Account ist mittlerweile privat. Was bleibt ist sein Tumblr – und eine anti-Trump-Ausstellung mit dem Titel „Make America Great Again“, die jetzt am 20. April in London eröffnet hat.

 

*Ready Mades / Awol Erizku


 

⇒ alle MusErMeKu – Nicht-Newsletter – im Überblick

Header-Bild: Angelika Schoder – Saint-Denis, 2017

Ein Gedanke zu „Kulturvermittlung bei Instagram, elitäre Museumskonzepte und ein tragbares Museum

  1. Pingback: Kunstvermittlung bei Instagram? - Kulturbloggerin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.