Westworld, Trump und der moderne Golem

Die amerikanische Serie „Westworld“ zeigt, wie sich die Schöpfung des Menschen gegen ihn selbst richtet. Es ist der jüdische Mythos des Golem, der hier thematisiert wird. Das Vorbild der Androiden, die ein Bewusstsein erlangen und eine Rebellion der Maschinen anführen, ist ein Geschöpf aus Lehm. Der Legende nach wurde diesem Wesen in einem mystischen Ritual Leben eingehaucht, woraufhin sich das Geschöpf vom vermeintlichen Helfer hin zu einer zerstörerischen Kraft wandeln kann.

Eine solche Wandlung wird übrigens auch Donald Trump zugeschrieben. Nicht nur amerikanische Medien vergleichen den orange-gebräunten Unternehmer mit dem mythologischen Lehmklumpen. Auch das Jüdische Museum Berlin scheut in der aktuellen Ausstellung nicht den Vergleich des designierten US-Präsidenten mit dem Golem.

 

Die Golem-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

„It is said that the golem lives everywhere and in all times.“

David Frishman, The Golem, 1922

 

Der Golem – Die Ursprünge einer Legende

Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Dieser Frage geht das Jüdische Museum Berlin vom 23. September 2016 bis zum 29. Januar 2017 in einer Ausstellung nach, die sich dem Mythos des Golem widmet – von seinen Ursprüngen, bis hin zur Rezeption in der modernen Popkultur. Gezeigt werden mittelalterliche Manuskripte, historische Zeichnungen, aber auch zeitgenössische Kunst, Comics und Computerspiele bis hin zu Video-Installationen.

Zurück geht die Legende des Golem dabei auf die jüdische Mystik des Mittelalters, welche die Erschaffung eines Golems als Versuch verstand, sich Gott anzunähern. Auf Hebräisch bedeutet Golem „unfertige Masse“; aus Staub oder Erde geformt, soll ein solches Geschöpf mithilfe von Beschwörungsformeln, rituellen Handlungen und einer bestimmten Kombination hebräischer Buchstaben zum Leben erweckt werden. Im Vordergrund steht hier der Schöpfungsakt – nicht die spätere Bestimmung der Schöpfung.

 

Die Golem-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

„Es findet sich im Golem keine Spur von gutem oder bösem Trieb und alle seine Handlungen sind nur die einer automatischen Maschine, die den Willen ihres Erzeugers erfüllt.“

Chajim Bloch, der Prager Golem, 1920

 

Westworld – Die Schöpfung von künstlichem Leben

Die Ausstellung thematisiert, neben dem aus Staub oder Erde geformten Vorbild, auch technologisch geschaffene Wesen. Es geht etwa um die menschenähnlichen Replikanten aus Ridley Scotts „Blade Runner“, um Androiden mit künstlicher Intelligenz aus Alex Garlands „Ex Machina“ oder um Isaac Asimovs Konzept des Roboters. Eine der zentralen Fragen, mit der sich viele Golem-Darstellungen beschäftigen, ist nämlich die, inwiefern ein Golem als Mensch gesehen werden kann. Er lebt zwar, befolgt aber ohne eigenen Willen die Befehle seines Schöpfers. Inwiefern kann aber ein solches Wesen wirklich kontrolliert werden – oder wird es irgendwann die Kontrolle an sich reißen? Das Jüdische Museum Berlin fragt in seiner Golem-Ausstellung nach dem Zusammenspiel von Verantwortung und Macht – und greift so auch die Fragestellungen auf, die im Zentrum der aktuellen HBO Serie „Westworld“ stehen.

Die Serie basiert auf einem gleichnamigen Science-Fiction Film nach einer Vorlage von Michael Crichton aus dem Jahr 1973. Es geht um einen Freizeitpark, in dem Androiden den brutalen Fantasien von Besuchern ausgesetzt sind, bis ein Computerdefekt dafür sorgt, dass sich die Maschinen gegen die Menschen richten. Anders als im Film, ist in der Serie aus dem Jahr 2016 der Aufstand der Androiden kein technischer Fehler. Vielmehr ist es ein Bestandteil der Schöpfung durch Programmierer – ein intendierter Nebeneffekt des Versuchs, künstliche Intelligenz zu kreieren, die ein menschenähnliches Bewusstsein erlangt. Am Ende steht die Konfrontation der Menschen mit ihren geistigen Kindern, die ihnen in jeder Hinsicht überlegen sind – körperlich, intellektuell, aber sogar moralisch.

 

Die Golem-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

„I could stand in the middle of Fifth Avenue and shoot somebody, and I wouldn’t lose any voters.“

Donald Trump, Sioux Center/ Iowa, 23.01.2016

 

Donald Trump – Die Verleihung von Macht

In seinem Artikel in der New York Times vom 22. November 2016 mit dem Titel „Donald Trump’s Demand for Love“ berichtete Journalist Frank Bruni von einem Pressegespräch mit dem zukünftigen US-Präsidenten Donald Trump. Der Milliardär hätte beständig unter Beweis gestellt, wie geltungssüchtig er sei – und sehnsüchtig nach Zustimmung und Anerkennung. Es fällt der Satz:

„There was a lesson here about his desire to be approved of and his hunger to be loved. There was another about the shockingly unformed, pliable nature of the clay that is our 70-year-old president-elect.“

Ein ungeformter Klumpen Lehm – ein biegsamer Golem, dem von Schöpfern (den Medien selbst?) Leben eingeflößt wurde, ohne ihm zugleich ein Bewusstsein zu geben?

Interessanterweise greift auch das Jüdische Museum Berlin die Idee von Donald Trump als modernem Golem auf. Gleich zu Beginn zeigt die Ausstellung ein Exponat, das für Trumps US-Präsidentschaftskandidatur steht, wie kein zweites: eine weiße Basecap mit dem Schriftzug „Make America Great Again“. Für Kuratorin Martina Lüdicke ist Trump eine Golem-Metapher der Gegenwart, ein „imaginierter Retter mit drohendem Kontrollverlust“. Zitiert wird hier der Journalist Neil Macdonald, der auf CBC News formulierte:

„Wie der Chelmer Golem […] scheint Trump mit jedem Fernsehauftritt und jeder wahnwitzigen Rede an Macht zu gewinnen. Und wie der Golem droht er jetzt, seine Schöpfer zu zerstören, sollte versucht werden, die magischen, ihm Leben schenkenden Buchstaben von seiner Stirn zu entfernen. Beim Golem war das der Name Gottes; bei Trump ist es ein weißes Baseball-Cap mit der Aufschrift ‚Make America Great Again’.“ [1]

Was bei der Konzeption der Ausstellung noch niemand wissen konnte: Der Golem Trump konnte am Ende von seinen Schöpfern nicht wieder in Staub verwandelt werden. Statt dessen wird er der 45. Präsident der USA, Staatsoberhaupt einer Atommacht.

 

Hg.v. Emily D. Bilski und Martina Lüdicke im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin, Kerber Verlag 2016

Der Ausstellungskatalog zur Golem-Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin erschien 2016 im Kerber Verlag

 

Der Begleitband zur Ausstellung „Golem“, herausgegeben von Emily D. Bilski und Martina Lüdicke im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin, ist im September 2016 im Kerber Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7356-0277-0). Der Band enthält, neben zahlreichen Abbildungen von Ausstellungsexponaten und einem vollständigen Objektverzeichnis, Texte u.a. von Isaac Asimov, Jorge Luis Borges, Cilly Kugelmann und Hanno Loewy.

 

Golem

Jüdisches Museum Berlin
23.09.2016 – 29.01.2017
#GolemBerlin
weitere Informationen 

 

>>> Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des von MuseumLifestyle initiierten #artbookfriday. MusErMeKu dankt dem Kerber Verlag für die kostenfreie Überlassung des Rezensionsexemplars und dem Jüdischen Museum Berlin für den Zutritt zum Museum.

 

→ Unsere Beiträge zum #artbookfriday

Fotos: Angelika Schoder – Golem, Jüdisches Museum Berlin, 2016

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Fußnoten:

[1] Martina Lüdicke: Das Basecap des Golem, In: „Golem“, Hg.v. Emily D. Bilski und Martina Lüdicke im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin, Kerber Verlag 2016, S. 38

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