Alltag im Volontariat: Abteilungsleiter-Aufgaben zum Dumping-Lohn

Die meisten Volontariate oder Trainee-Stellen werden in Deutschland aktuell mit etwa 1.300 – 1.500 Euro brutto vergütet. Der ehemalige Volontär, mit dem wir für MusErMeKu ein Interview geführt haben, hatte es leider schlechter getroffen. Er bekam 1.100 Euro monatlich im Rahmen eines 2-jährigen Volontariats, das sind knapp 850 Euro netto. Was er in seinem Volontariat erlebt hat und ob er sich noch einmal für ein Volontariat entscheiden würde, erzählt er hier.

Bei MusErMeKu schreiben wir unregelmäßig über Arbeitsbedingungen im Kulturbereich und suchen auch immer wieder nach Interviewpartnern. Die Suche nach einem Praktikanten, der im Kultur- oder Bildungsbereich schon einmal den Mindestlohn bekommen hat, verlief bisher leider vergeblich. Stattdessen hat sich aber auf unserer Facebook-Seite via Direktnachricht ein ehemaliger Volontär gemeldet, um von seinen Erfahrungen im Volontariat zu berichten. Wir baten ihn um ein Interview.

 

Das Volontariat als steiniger Einstieg in den Beruf

Michael Thomas* ist Geisteswissenschaftler und gehört zum letzten Magister-Jahrgang, bevor an seiner bayerischen Uni alles auf Bachelor umgestellt wurde. „Ich wollte schon immer im Kulturbereich arbeiten und habe mir mit meiner Fächerkombination auch ganz gute Chancen ausgerechnet. Während des Studiums war ich auch im Ausland, habe Praktika in Kulturinstitutionen gemacht und war in einem studentischen Verein aktiv, der Kulturveranstaltungen organisiert hat“, erzählt Michael. Trotzdem zog sich die Bewerbungsphase nach seinem Studium monatelang hin.

 

„Es fing schon damit an, dass meine Studienfächer nicht im System auftauchten.“

„Ich hätte nie damit gerechnet, dass es so lange dauern würde eine Stelle zu finden. Ich habe mich nur auf Ausschreibungen beworben, auf die ich laut Stellenprofil eigentlich zu 100% gepasst hätte, meist Volontariate. Dann aber eine Absage nach der anderen zu bekommen, nicht mal eine Einladung zum Bewerbungsgespräch, das war hart“, so Michael. Er bekam in der Zeit Hartz IV und auch das Jobcenter ließ ihn einfach hängen. Michael hatte das Gefühl, dass das Amt mit ihm als Geisteswissenschaftler überfordert war: „Es fing schon damit an, dass meine Studienfächer nicht im System auftauchten. Der Sachbearbeiter wusste überhaupt nicht, was er bei mir eintragen soll. Entsprechend konnte er mir auch keine Stellen vorschlagen. Letztendlich hieß es ‚Na ja, Sie kümmern sich ja selbst.‘ Aber irgendwann hieß es auch ‚Wenn wir Ihnen etwas vorschlagen, müssen Sie alles annehmen, das wissen Sie?‘ Als Beispiel nannte der Jobcenter-Mitarbeiter dann Jobs wie Lagerist oder im Einzelhandel. Eine Weiterbildung oder Qualifizierungsmaßnahme wurde mir vom Amt nicht angeboten“, berichtet Michael.

Nach etwa 75 Bewerbungen, auf die nur Absagen folgten, und zwei furchtbaren Bewerbungsgesprächen, kam dann endlich eine Zusage für ein Volontariat – allerdings nicht für eine Stelle im wissenschaftlichen Bereich. Für Michael war es nicht die Traumstelle, aber besser als nichts, wie er sagt: „Ich dachte, dann hat man zumindest einen Fuß in der Tür. Auch wenn ich eigentlich lieber ein wissenschaftliches Volontariat gemacht hätte, aber ich wollte nicht, dass die Lücke im Lebenslauf noch größer wird. Wer weiß, wann ich etwas anderes gefunden hätte? Und ich wollte dringend weg vom Jobcenter. Es ging mir dabei nicht mal um Hartz IV sondern darum, dass ich mich da nicht weiter vom Sachbearbeiter herabwürdigen lassen wollte.“

 

„Ich war noch finanziell auf meine Eltern angewiesen, obwohl ich Vollzeit arbeitete.“

Die finanzielle Situation im Volontariat machte Michael zu schaffen. Er war so froh über die Jobzusage, dass er sich nicht getraut hätte, über das Gehalt nachzuverhandeln. „Durch Hartz IV vorher hatte ich dann im Volontariat natürlich keine finanziellen Rücklagen. Aber mit etwa 850 Euro netto wäre ich nicht alleine zurecht gekommen. In der Stadt, in der ich das Volontariat machte, waren die Mieten sehr hoch. Da hätte ich noch nicht mal die Mietkaution zahlen können“, so Michael. Seine Eltern halfen ihm aus, zahlten seinen Umzug, die Mietkaution und unterstützen ihn auch monatlich. „Ich war noch finanziell auf meine Eltern angewiesen, obwohl ich Vollzeit arbeitete. Wie kann das sein, wenn man einen Studienabschluss hat und das Gehalt dann nicht zum leben reicht?“, so Michael. Hätten ihm seine Eltern nicht noch finanziell unter die Arme gegriffen, hätte er sich das Volontariat wohl nicht leisten können.

 

„Ich habe da einfach voll gearbeitet. Von einer normalen Stelle war das nicht zu unterscheiden.“

Doch nicht nur mit der Bezahlung im Volontariat war Michael unzufrieden. Er bemängelt auch die fehlenden Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Andere Abteilungen hatte er im Rahmen seines Volontariats nicht kennengelernt und auch die Kollegen kümmerten sich kaum um ihn. „Ich habe da einfach voll gearbeitet. Von einer normalen Stelle war das nicht zu unterscheiden. Da ich der einzige Volontär in der Institution war, konnte ich mich auch nicht mit anderen austauschen. Es gab auch keine Vernetzung mit anderen Institutionen. Ich habe mich oft relativ allein gelassen gefühlt“, berichtet Michael.

Seine Aufgaben im Volontariat beschreibt er als sehr anspruchsvoll, teilweise sei er sich aber nicht sicher gewesen, ob seine Tätigkeiten nicht die Kompetenz eines Volontärs überschritten hätten. „Ich habe zum Beispiel manchmal alleine Pressetermine für die Institution begleitet oder wichtige Termine und Meetings in Vertretung meiner Chefin wahrgenommen. Manchmal habe ich mich dabei schon gefragt, ob das so sinnvoll war. Immerhin hätte ich im Namen meiner Institution doch nichts entscheiden dürfen.“

 

„Ich musste für meine Chefin zum Beispiel Publikationen oder Präsentationen vorbereiten. Mein Name tauchte da natürlich nirgends auf.“

Weiterbildungen konnte Michael kaum besuchen, denn es hieß immer, es sei kein Geld da. Stattdessen musste er Kollegen verschiedene Social Media Kanäle und den Umgang mit dem CMS der Website erklären, also selbst für andere Schulungen durchführen. „Social Media war ohnehin so ein Thema“, erzählt Michael. „Ich musste eine Social Media Strategie entwickeln und verschiedene Kanäle aufbauen. Zufrieden schien man am Ende damit dann aber nicht wirklich, denn die Kanäle hatten sehr wenig Fan-Zuwachs. Als ich darauf hinwies, dass ich auf Zuarbeit angewiesen sei was Inhalte betrifft, wurde einfach abgewunken. Man hat wohl erwartet, dass ich das als One-Man-Show allein stemme. Aber wie sollte das gehen, wenn mir die fachlichen Inhalte fehlen und keiner etwas zuliefert?“

Auch wenn Michael mehrfach betont, dass er froh war, wie selbständig er im Volontariat arbeiten konnte, fühlte er sich teilweise auch ausgenutzt. „Ich musste für meine Chefin zum Beispiel Publikationen oder Präsentationen vorbereiten. Mein Name tauchte da natürlich nirgends auf. Als wir für die Abteilung eine Übersicht unserer Aufgabenbereiche erstellen mussten, bekam ich außerdem mit, dass meine Chefin gewisse Aufgaben bei sich eingetragen hatte, obwohl ich die Aufgaben immer übernommen hatte“, so Michael.

 

„Mir war klar, die können mich garnicht behalten, selbst wenn sie wollten.“

Ob er sich wieder für ein Volontariat entscheiden würde? „Ja, definitiv. Für mich war das Volontariat ja tatsächlich der Einstieg in den Beruf. Nach dem Volontariat habe ich auch gleich eine Stelle gefunden, ich denke da war das Volontariat wichtig“, so Michael. Nur in einem Punkt würde er sich nichts mehr vormachen lassen, betont er. Man habe ihm nämlich in seiner ganzen Volontariats-Zeit gesagt, man würde ihn danach übernehmen. Dann sei ihm auch tatsächlich ein Vertrag angeboten worden, aber nur befristet für 4 Monate. Seine eigentliche Stelle wurde wieder als Volontariat ausgeschrieben. „Mir war klar, die können mich garnicht behalten, selbst wenn sie wollten. Die Leitung würde keine feste Stelle genehmigen“, erzählt Michael. Er vermutet, die 4 Monate wären für die Institution in erster Linie eine Überbrückung gewesen, bis er seine Nachfolge in alle Aufgaben eingearbeitet hätte.

Erst vor kurzem wurde Michaels Volontariatsstelle übrigens wieder über ein Onlineportal ausgeschrieben – diesmal sogar für 50% von TV-L 13. Michael ist nicht überrascht, dass ein Volontär dem nächsten folgt, freut sich aber, dass das Gehalt wenigstens erhöht wurde. Er fügt jedoch noch hinzu: „Das mit den 50% von TV-13 habe ich aber nie verstanden. Als würde man nach dem Volo dann TV-L 13 verdienen. Die meisten Leute, die ich in dem Bereich kenne, haben Gehaltsgruppen zwischen 9 und 11. Um ein Volontariat kam da übrigens auch fast keiner rum. Beinahe jeder musste da durch, obwohl man von den Aufgaben her eigentlich auch direkt in den Job hätte einsteigen können. Man lernt doch eh fast alles nur learning-by-doing.“

 

* Der Name des Interviewpartners wurde auf seinen Wunsch hin geändert.

Header-Bild: Angelika Schoder – Hamburg, 2016

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