Übertriebene Erwartungen an leere Museen, Lego-Studenten und Saurier mit kleinen Armen

MusErMeKu – best of – Nr. 07, 09/2016

– Frage des Monats: Was ist das für 1 Museums-Studie? –
– Thema des Monats: Wenn Museen bereitwillig auf Besucher verzichten –
– Twitter des Monats: Lego Grad Student –
– Instagram des Monats: The Canvas Project –
– Tumblr des Monats: T-Rex Trying… –

Ein Newsletter, der kein Newsletter ist.


Frage des Monats

– Was ist das für 1 Museums-Studie? –

Man könnte in einer Studie natürlich Äpfel mit Birnen vergleichen. Vor wenigen Wochen sorgte eine Museums-Studie allerdings für einige Diskussionen, weil sie im Prinzip Äpfel mit Rotkehlchen verglich. Beide sind zwar irgendwie „Baumbewohner“ – dann hört die Gemeinsamkeit aber auch schon auf. Man verglich also das Museumsdorf Düppel oder das Berliner Medizinhistorische Museum mit den Tate Museen in Großbritannien oder mit den MET Museen in den USA. Am Ende stellte man in etwa fest, dass Äpfel weder fliegen noch Eier legen können – ganz anders als Rotkehlchen. Letztere entsprechen hier den international führenden Museen im Bereich Digital-Strategie. Sie haben umfangreiche Websites, digitalisierte Sammlungen, ausgeklügelte Apps, gratis WLAN und sind auf allen nur erdenklichen Social Media Kanälen präsent, die gleich von mehreren Agenturen und einem Team von Mitarbeitern betreut werden. Die in der Museums-Studie untersuchten Berliner Museen haben vieles davon übrigens nicht. Äpfel und Rotkehlchen eben.

Dass der frühere Chief Digital Officer des New Yorker Metropolitan Museum of Art, Sree Sreenivasan, dort bis vor kurzem noch jährlich 328.900 Dollar verdient hat, setzt den Vergleich vielleicht etwas besser in Relation. Diese Summe dürfte umgerechnet die eine oder andere in der Museums-Studie untersuchte Institution wohl als gesamten Jahreshaushalt haben – wenn überhaupt. Ganz zu schweigen davon, dass sich manche der untersuchten Museen nie jemanden leisten könnten, der eigens eine Digital-Strategie konzipiert und koordiniert. Häufig ist nicht einmal Geld vorhanden, einen einzigen qualifizierten Mitarbeiter zu beschäftigen, der sich nur um Social Media Kanäle kümmern könnte. Wer findet für die Online-Kommunikation eine „individuelle Tonalität, gepaart mit kreativen Formaten“, wer kümmert sich um ein „durchdachtes Performance Management“ und um die „Verschränkung mit der Offline-Präsenz“ des Museums? Soll es der FSJ’ler machen, der frisch von der Schule kommt, der studentische unbezahlte Praktikant oder der Volontär, der für unter 1.500 Euro brutto Vollzeit arbeitet? Mehr ist bei manchen Museen finanziell nämlich nicht möglich, wenn es um digitale Kommunikation geht.

Auch wie für manche der in der Studie untersuchten Museen eine App finanziert werden soll – die je nach Funktion zwischen 30.000 und 90.000 Euro kosten kann (plus laufende Kosten für Aktualisierungen) – scheint für die Initiatoren der Museums-Studie ebenfalls nicht von Relevanz. Statt Grundinformationen, die sich auch auf Flyern und einfachen mobilen Websites abbilden lassen, sollten – so der Anspruch der Studien-Initiatoren – lieber App-basierte „Führungen, Exklusivinhalte, Angebote zur Parallelnutzung“ bereitgestellt werden. Darf es noch ein bisschen teurer sein?

Hauptsache es gibt „digitale Exponate“ und „Online-Terminals“ im Museum – und man kann im Vorfeld online Tickets kaufen. Ob das überhaupt Sinn für die jeweiligen untersuchten Berliner Museen macht, hinterfragt die Studie nicht. Stefanie Kinski, die u.a. für das C/O Berlin im Online-Marketing arbeitet, betonte dazu in einer Diskussion auf der Facebook-Seite von MusErMeKu: „Wenn z.B. das Museumsdorf Düppel einen Online-Shop und Online-Tickets hätte, dann wären sie viel weiter oben im Ranking? Das würde wenig Sinn machen. […] wenn es im Museum nicht zu langen Wartezeiten an der Kasse kommt, brauche ich kein Online-Ticket, damit ist dieses Kriterium aus Sicht der Besucher nicht relevant und verzerrt das Ergebnis.“ Auch Anika Meier fragt bei Monopol dazu: „[…] braucht tatsächlich jedes Museum einen Webshop oder gar eine App zu jeder Sonderausstellung? Oder würde ein solches Angebot ein kleineres Museum nicht vielmehr in den Ruin treiben?“ Die Antwort darauf ist einfach: Wer kann, der kann – und viele Berliner Museen können finanziell einfach nicht, auch wenn sie wollten.

⇒ Julia Dziuba, Tagesspiegel: Berlins Museen sind museumsreif


Thema des Monats

– Wenn Museen bereitwillig auf Besucher verzichten –

Angeblich meidet die Hälfte der Bevölkerung Museen wie der Teufel das Weihwasser. Nur 10% der Deutschen würden regelmäßig ein Museum besuchen, weitere 40% gingen immerhin ab und an dorthin. Allein diese Aussicht scheint einigen Museen wohl zu genügen. Wen interessieren schon die übrigen 50%, die noch nie eine Ausstellung gesehen haben? Nur weil die meisten Menschen zwischen 10 und 17 Uhr arbeiten, in der Uni oder in der Schule sind, scheint das noch lange kein Grund, die Öffnungszeiten zu verändern. Bei Abendöffnungszeiten kommen meist Mehrkosten für das Museumspersonal zusammen – und wer will das schon? Dann lieber regulär öffnen und in ein leeres Museum starren. #EmptyMuseum-Events sind schließlich im Trend – wenn doch nur Instagrammer kämen, um tagsüber die herrlich freie Sicht auf die Ausstellungsstücke festzuhalten!

Auch auf die Aura des Musentempels möchte so manch ein Museum scheinbar nicht verzichten. Man wünscht sich zahlungskräftiges, kultiviertes Publikum, das schick gekleidet andächtig vor Objekten verweilt und am Ende teure Kunstbände aus dem Museumsshop als Andenken kauft. Auf lange Sicht werden sich Museen aber so kaum über Wasser halten können, wenn 3 Mal im Jahr nur der pensionierte Oberstudienrat samt Gattin vorbei schaut. Wenn Museen neue – und vor allem jüngere – Zielgruppen für sich interessieren wollen, müssen sich grundsätzliche Strukturen ändern. Das umfasst nicht nur die Kommunikation, die über einen Newsletter und eine klassische Website deutlich hinaus gehen sollte. Im Prinzip muss bereits bei der Konzeption von Inhalten anfangen werden. Ausstellungen müssen zeitgemäße Fragen aufwerfen, auch provokant sein und v.a. innovativ umgesetzt werden. Zusammenhanglose, hübsche Bilder an der Wand will niemand sehen – am Ende nicht einmal der pensionierte Oberstudienrat nebst Gattin…

⇒ Tino Nowitzki, NDR: Keiner da? Mit dem Nicht-Besucher-Forscher im Museum


Twitter des Monats

– Lego Grad Student –

Spätestens seit dem „Lego-Movie“ bekennen sich auch gestandene Akademiker öffentlich zu ihrer Liebe für die kleinen Helden, die eine Welt aus stapelbaren Plastiksteinchen bevölkern. Fast so gut wie Lego-Batman, aber ein bisschen realistischer, ist der Lego Grad Student, der alles erlebt, was man als Student eben so macht. Ob Mensa-Besuche, die Paper-Präsentation im Seminar oder das Auflauern auf den Professor im Flur – der gelbe Plastik-Doktorand schlägt sich bei Twitter durch den Akademiker-Alltag…

⇒ @legogradstudent


Instagram des Monats

– The Canvas Project –

Im Canvas Project setzt Gabriel Nardelli verschiedene Figuren aus bekannten Gemälden im Alltag in Szene: Das Summer House von Barkow Leibinger in der Londoner Serpentine Gallery bekommt so eine historische Besucherin, Isländische Geysire dampfen aus René Magrittes Pfeife oder Botticellis Venus erkundet als Touristin London.

⇒ @the_canvasproject


Tumblr des Monats

– T-Rex Trying… –

Seien wir ehrlich: Wer nutzt noch regelmäßig Snapchat um sich Stories anzusehen? Wer nach wie vor nicht genug davon bekommen kann, findet in unseren letzten 6 Nicht-Newsletters Follow-Empfehlungen. Wer mehr Zeit im restlichen Internet verbringen möchte, findet ab jetzt an dieser Stelle statt Snapchat- nun Tumblr-Tipps. Unsere erste Empfehlung geht an T-Rex Trying – für alle, die Saurier mit besonders kleinen Armen gerne scheitern sehen.

⇒ T-Rex Trying…


alle MusErMeKu – Nicht-Newsletter – im Überblick

Header-Bild: Angelika Schoder – Hamburg, 2015

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