Wackelige Aussichten – Noch nie war ein Job im Museum so unsicher wie heute

An so manchem Job im Museum klebt ein Verfallsdatum: Es ist das 2-jährige Volontariat, für das im Anschluss keine Chance auf Übernahme besteht. Es ist die Schwangerschaftsvertretung für ein Jahr, die dann wieder an die eigentliche Stelleninhaberin zurück geht. Oder es ist die Stelle, die nicht verlängert wird, weil das Budget der Institution gekürzt wird.

Für die Betroffenen ist es am Ende wohl immer das gleiche Gefühl, eine Mischung aus Bedauern und Sorge. Bedauern um die Aufgaben, die man trotz aller Widrigkeiten gerne übernommen hat, und Sorge darum, wie es nun weiter gehen soll. Denn die Branche ist heillos unterfinanziert, es werden kaum Stellen ausgeschrieben. Die Situation kann im Kulturbereich jeden treffen, auf jeder Karrierestufe. Jüngstes Beispiel ist ein Superstar der digitalen Museums-Szene: Sree Sreenivasan. Sein Fall zeigt: Noch nie war ein Job im Museum so unsicher wie heute.

 

Der abgesägte Revolutionär

Er wird oft als Vordenker der Szene bezeichnet: Sree Sreenivasan, bis vor kurzem noch Chief Digital Officer des Met, des New Yorker Metropolitan Museum of Art. Ein Blick auf seine Homepage jagt einem zwar Schauer über den Rücken, denn man fragt sich, ob er seine Site entweder seit 1998 nicht mehr verändert hat, oder ob er ein Anhänger des Trends Web Brutalism ist, der all den glatt gebügelten CMS den Rücken kehrt und sich wieder auf das gute alte HTML in Reinform beruft. Ungeachtet dessen wird Sreenivasan jedoch als eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Umfeld von Social Media und Museen betrachtet. Zudem zählt er aufgrund seines beachtlichen Netzwerks als einer der Top-Influencer in diesem Bereich.

Es galt als revolutionär, wie Sreenivasan die Website des Met neu ausrichtete: simplifiziert und optimiert für Mobilgeräte, zudem verzahnt mit der entsprechenden App. Gefragt nach den Benchmarks für das Konzept nannte der Chief Digital Officer in einem Interview nicht etwa andere, vergleichbare amerikanische Kunstmuseen. Statt dessen müsse man sich mit der Entertainment-Industrie messen, wie Sreenivasan noch im Februar 2016 betonte:

„People ask me: What is your biggest competition? Is it MoMA? Guggenheim?
Our competition is Netflix. Candy Crush. It’s life in 2016.“

Es galt ebenfalls als revolutionär, dass dank Sreenivasan in Social Media gepostete Bilder von Kunstwerken bzw. Selfies vor diesen als Werbung für das Museum gesehen und daher begrüßt wurden. Ebenso wurde auch seine Bereitschaft als bahnbrechend betrachtet, Digitalisate von Kunstwerken auch in hoher Auflösung auf der Museumswebsite zum Download zur Verfügung zu stellen, um das Interesse bei potentiellen Besuchern für die Kunst zu wecken.

Hinzu kam der Aufbau einer Community auf verschiedenen Social Media Kanälen und im Rahmen von Influencer-Kooperationen. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit Mediaberater und Fotograf Dave Krugman, mit dem 2014 das Konzept für #emptymet entstand. Hierbei handelt es sich um eine Reihe von Veranstaltungen, die es Instagrammern ermöglicht, außerhalb der Öffnungszeiten das menschenleere Museum zu erkunden und öffentlichkeits- bzw. werbewirksam darüber zu kommunizieren.

Sree Sreenivasan hatte innerhalb nur weniger Jahre viel für das Met erreicht. Seinen Job im Museum hat er nun dennoch verloren.

 

Wenn Budgetkürzungen den Job im Museum kosten

Am 17. Juni 2016 gab das Metropolitan Museum of Art bekannt, dass Sreenivasan nach 3-jähriger Tätigkeit das Museum bereits Ende Juni verlassen würde. Bezeichnend sind auch die beiden anderen Stellen, deren Besetzung gekündigt wurde: Neben dem Chief Digital Officer mussten auch Cynthia Round, Senior Vice President for Marketing and External Relations, und Susan Sellers, Head of Design ihre Posten räumen. Als Hintergrund dieser Entscheidung wurden Budgetprobleme genannt. Für das Museum gilt es, ein Defizit von 9-10 Mio. USD auszugleichen, wobei besonders Lohnkosten als Ursache für das Defizit identifiziert wurden. Zu der Entlassung der erwähnten führenden Angestellten und einer weiteren Reduktion des Personals kommt daher zusätzlich ein Einstellungsstopp im Museum, das an mehreren Standorten bisher rund 2.200 Mitarbeiter beschäftigte.

Diese Entwicklung zeigt, dass selbst das größte Kunstmuseum der USA und gleichzeitig eines der reichsten Museen der Welt mit 370 Mio. USD Jahresbudget sparen muss. Doch gespart wird nicht etwa bei Erweiterungsprojekten. So eröffnete das Metropolitan Museum of Art erst im März 2016 das Met Breuer, dem 17 Mio. USD Jahresbudget zur Verfügung stehen sollen. Gespart wurde auch nicht an einer neuen (und von vielen als völlig missglückt beurteilten) Marken-Kampagne, deren Kosten zwar nicht offen kommuniziert wurden, die aber als erheblich eingeschätzt werden. Gespart wird nun statt dessen an Mitarbeitern (die übrigens zum Teil für die umstrittene Marken-Kampagne mit verantwortlich waren).

 

Was tun, wenn der Job im Museum weg ist?

Sree Sreenivasan ist dafür bekannt, auf verschiedenen Plattformen im Netz seine „SreeTips“ zu verteilen. Dies sind meist Links zu Artikeln, die er mit dem Wort „USEFUL!“ kommentiert – immer groß geschrieben und mit Ausrufezeichen. Frisch auf dem Markt der Arbeitslosen angelangt, verriet er nun dem Online-Magazin Quarz seine persönlichen Tipps zum Thema Jobsuche:

  • 1) Baue dein Netzwerk, bevor du es benötigst
  • 2) Lasse dein Netzwerk frühzeitig wissen, dass du auf Jobsuche bist
  • 3) Zeige Persönlichkeit, auch wenn es Verletzlichkeit bedeutet
  • 4) Halte die Situation unter Kontrolle, indem du Informationen selbst steuerst
  • 5) Sei offen für Treffen und Vorschläge

 

Hinter diesen 5 Ratschlägen steckt die Kunst des Selbstmarketing, die Sreenivasan für sich perfektioniert hat. Am Tag der Bekanntgabe der Entlassungen durch das Metropolitan Museum of Art veröffentlichte er, entsprechend seiner Tipps, umgehend auf seinen reichweitenstarken Social Media Profilen (Tipp 1) die offizielle Mitteilung des Museums (Tipp 2). Bei Twitter teilte er etwa einen Link zu einem Facebook-Posting, in dem er seine Situation offen und ehrlich erläuterte (Tipp 3), direkt versehen mit einem eigenes dafür kreierten Hashtag: #sree3oh (Tipp 4). Hinter dem Hashtag verbirgt sich das Selbstmarketing-Konzept „Sree 3.0“, wobei Sreenivasan seine vorherigen Karrierestufen als Version 1.0 und 2.0 bezeichnet – zunächst 21 Jahre an der Columbia University, u.a. als Professor an der Columbia Journalism School, und danach die nun plötzlich beendeten 3 Jahre am Metropolitan Museum of Art. Dies suggeriert, dass es für ihn aufwärts geht – ein mögliches Job-Upgrade anstatt ein trauriger Fall in die Arbeitslosigkeit.

Neben einer Auflistung einer Reihe von jetzt geplanten Projekten (die Unterstützung seiner Frau bei ihrer Beratertätigkeit, Urlaub mit seinen Kindern und eine Vortragsreise durch Indien,  sowie das Schreiben eines Buches über persönliche und berufliche Veränderungen), ist der Kern seiner Selbstmarketing-Kampagne vor allem eines: ein Crowdsourcing (Tipp 5). Feedback seines Netzwerks via Social Media Kommentar ist dabei ebenso willkommen wie Ratschläge, die per Formular eingereicht werden können.

Richtig, Sreenivasan hat ein Formular eingerichtet, um Ratschläge aus seinem Netzwerk zu sammeln. Wobei sich hinter dieser Selbstmarketing-Kampagne in erster Linie eben klassisches Marketing verbirgt, denn in Wirklichkeit ist das „Sree 3.0-Formular“ die Aufforderung an alle Nutzer, ihre Mailadresse für ein Newsletter-Abo zu hinterlassen. Fast 1.000 Leute haben dies in den ersten knapp 3 Wochen nach Start der Kampagne bereits getan. Was für eine originelle Idee, eine Adressen-Datenbank aufzubauen und dadurch den eigenen Influencer-Status zu festigen!

 

Berufsperspektiven im Kulturbereich

Wer sich dafür entscheidet im Kulturbereich zu arbeiten, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Bereits Praktikanten müssen sich darauf einstellen, für eine Tätigkeit nicht den Mindestlohn, ja nicht einmal eine kleine Aufwandsentschädigung zu erhalten. Auch so mancher Volontär kann sich darauf verlassen, dass er eine Stelle antreten muss, in der er mitunter eher ausgenutzt als ausgebildet wird. Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt ganz besonders im Kulturbereich schließlich, dass Anforderungen an Jobsuchende immer weiter steigen, während die Entlohnung immer weiter sinkt.

Das Beispiel des Metropolitan Museum of Art zeigt nun einmal mehr, dass wenn gespart wird, der Rotstift zunächst beim Personal angesetzt wird. Um Sree Sreenivasan wird man sich jedoch hier keine Sorgen machen müssen. Leidtragend ist sicher nicht der frühere Chief Digital Officer, der aus seinem Jobverlust jetzt sogar Nutzen zieht und der durch sein umfangreiches Netzwerk schnell eine neue Position finden wird. Leidragend ist statt dessen das Met, das ihn wegrationalisiert hat.

Denn das Potential von Museen liegt nicht allein in ihren Beständen, in ihrer Architektur oder in schicken Sonderausstellungen. Das Potential liegt vor allem auch in den Mitarbeitern, die sammeln, forschen und vermitteln. Wenn der Kulturbereich es nicht schafft, qualifizierte Mitarbeiter zu binden, sie ja sogar noch aktiv vertreibt, sieht es für dessen Zukunft düster aus. Qualifizierte Fachkräfte finden nämlich auch außerhalb des Kulturbereichs eine Stelle – doch vielleicht findet der Kulturbereich irgendwann keine entsprechenden Fachkräfte mehr.

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Basel, 2016

7 Gedanken zu „Wackelige Aussichten – Noch nie war ein Job im Museum so unsicher wie heute

  1. Pingback: Immer weiter! | museumsvolos

  2. Bernd Holtwick Antworten

    Das Beispiel einer Museums-Führungskraft in Amerika sagt wenig über die Situation in Europa oder gar Deutschland. Die sehr zugespitzte These, dass Museen ihre qualifizierten Mitarbeiter vertreiben, belegt der Fall jedenfalls nicht sehr gut. Es wäre spannend, die Hintergründe der Personalentscheidung zu kennen, aber aus guten Gründen werden die nicht offen kommuniziert.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Über die Hintergründe der Personalentscheidung des Met könnte man nur spekulieren, einige Medien taten dies ja auch in Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Entlassung der drei Führungskräfte aus einem bestimmten Bereich des Museums.

      Im deutschsprachigen Raum gibt es wohl keinen so spektakulären Fall auf dieser Ebene. Jährlich passiert es aber, dass z.B. Volontäre und Trainees, die von Museen oder anderen Kultureinrichtungen ausgebildet wurden, nach ihrem Volontariat nicht verlängert werden. Es sind dann natürlich keine Entlassungen, denn die Verträge laufen (meist nach 24 Monaten) einfach aus. Kann man das nicht als die Vertreibung qualifizierter Mitarbeiter ansehen?

  3. Bernd Holtwick Antworten

    Hm, Museen können derzeit sicher nicht alle Volontäre übernehmen. Die Alternative wäre dann, nur noch so viele Volontariate anzubieten, wie es anschließend feste freie Stellen gibt – also in den meisten Fällen keine. Ist das ein Plädoyer, die Volontariate zumindest radikal einzuschränken?

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Das Volontariat-/Trainee-System muss definitiv reformiert werden. Es wird so massiv über Bedarf ausgebildet, das ist nicht im Ansatz nachhaltig. Im Bibliothekswesen wird z.B. viel näher am tatsächlichen Bedarf ausgebildet, deshalb gibt es auch so wenige Referendarstellen. Dafür haben diejenigen, die ausgebildet werden auch eine sichere Jobperspektive. Das wäre für den Museumsbereich eine Überlegung wert. Die aktuelle Situation, wo teilweise in manchen Institutionen kein einziger Volontär übernommen wird, aber alle 2 Jahre wieder neue Volontäre nachfolgen, suggeriert schon, dass es da vielleicht weniger um Ausbildung geht und mehr um günstige Arbeitskräfte… Auf die Idee könnte man kommen.

  4. Bernd Holtwick Antworten

    Klar, die Reduzierung der Volontariate ist eine durchaus nachvollziehbare Möglichkeit. Faktisch verlagert man damit den „Flaschenhals“ und signalisiert den Bewerberinnen und Bewerbern ca. 2 Jahre eher, dass die festen Stellen sehr knapp sind. An der Diskrepanz zwischen Stellenangebot und Stellensuchenden ändert das aber ganz grundsätzlich nichts.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Den Stellensuchenden wäre durch eine Reduzierung von Volontariaten aber damit früher klar, dass sie sich beruflich anders orientieren müssen. Besser diese Erkenntnis direkt nach dem Studium zu haben, als erst 2 Jahre später nach dem Volontariat. Zu viele denken: Erstmal ein Volontariat absolvieren, das sichert den Berufseinstieg in den Kulturbereich. So ist es aber leider nicht.

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