Kuratoreninterview mit Raphael Bouvier – Jean Dubuffet in der Fondation Beyeler

Der Franzose Jean Dubuffet (1901–1985), der die Bezeichnung Art brut prägte und sich von dieser Kunst beeinflussen ließ, gilt als einer der prägendsten Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Einfluß zeigt sich bis heute in der zeitgenössischen Kunst, etwa bei David Hockney, Jean-Michel Basquiat oder Keith Haring. 

Anhand von über 100 Werken präsentiert die Fondation Beyeler jetzt vom 31. Januar bis zum 8. Mai 2016 die erste große Retrospektive des Künstlers in der Schweiz im 21. Jahrhundert. Das Thema „Landschaft“ bildet hier das verbindende Element, das sich wie ein roter Faden durch das vielschichtige Werk Jean Dubuffets zieht. MusErMeKu traf den Kurator der Ausstellung, Raphaël Bouvier, vorab zum Interview und erhielt einen Einblick in das Konzept und die Hintergründe von „Jean Dubuffet – Metamorphosen der Landschaft“.

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Wo kann das Werk von Jean Dubuffet heute verortet werden – auch in Bezug zur Fondation Beyeler?

Raphaël Bouvier: Jean Dubuffet ist zweifelsohne einer der prägenden Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Für die Nachkriegszeit ist er bahnbrechend und wegweisend. Er hat ja relativ spät angefangen, erst etwa mit 40 Jahren entschied Dubuffet, sich ganz der Kunst zu widmen, dann aber wirklich intensiv und mit größter Leidenschaft. Er wurde dann relativ schnell rezipiert, interessanterweise zunächst vor allem in den Vereinigten Staaten. Zu Beginn der 60er Jahre war es schließlich Ernst Beyeler, der ihn praktisch für Europa „wieder entdeckte“ und in sein Programm aufnahm, also recht früh. Man muss wirklich sagen, dass Beyeler sicher einen wichtigen Beitrag dazu geleistet hat, dass Dubuffet auch in Europa Fuß fassen konnte.

Beyeler hat Dubuffet nicht nur früh sondern auch lange vertreten, eine Zeit lang hatte er sogar ein Art Exklusivrecht. Dubuffet ist der einzige  Künstler, der in der Geschichte der Galerie Beyeler diesen Status hatte. Nicht zuletzt wegen dieses engen Bezugs zu Ernst Beyeler ist Dubuffet für uns ein wichtiger Künstler, denn er ist auch entsprechend stark in der Sammlung der Fondation Beyeler vertreten mit Werken aus allen großen Schaffensphasen. Daher wollten wir – auch als Hommage an Ernst Beyeler – schon lange eine Dubuffet-Ausstellung machen.

 

Welches Konzept steht hinter der Ausstellung?

RB: Es ist eine retrospektiv angelegte Schau, aber gleichzeitig auch mit einer thematischen Fokussierung, und zwar auf das Thema Landschaft. Dies ist bei Dubuffet ein sehr weiter Begriff, kann sich für ihn doch potentiell alles in Landschaft verwandeln. Das war uns auch wichtig, denn wir wollten im Rahmen einer Retrospektive letztlich alle großen Themen in Dubuffets Schaffen integrieren, aber trotzdem eine Art Leitfaden durch die Ausstellung ziehen – anhand des Schwerpunktes „Landschaft“ sozusagen. So lässt sich auch zeigen wie Dubuffet etwa Gesichter und Körper, aber auch Objekte in Landschaften verwandelt.

 

Jean Dubuffet arbeitete mit verschiedenen Techniken. Wird die Ausstellung hier bestimmte Schwerpunkte haben?

RB: Der Akzent liegt auf Malerei, doch zeigen wir auch seine Skulpturen, die in einem Dialog zu den Gemälden stehen und sich mit diesen zum Teil sogar verbinden. Die Ausstellung wir auch Dubuffets Experimentierfreude  im Umgang mit neuen Techniken und Materialien vor Augen führen.

 

Das Werk von Jean Dubuffet ist ja sehr umfangreich. Welche Herausforderungen ergeben sich hieraus für die Planung der Ausstellung?

RB: Gerade sein Spätwerk ist immens, denn hier hat er wirklich obsessiv gearbeitet. Daher ist es wichtig, dass man bei ihm eine strenge Selektion trifft, denn man kann nicht alles zeigen. Aus diesem Grund war eine thematische Akzentsetzung sinnvoll, denn sonst öffnet sich sein Werk in alle Richtungen. Die Ausstellung bei uns wird also zwar umfangreich, aber nicht uferlos. Zudem wollen wir zeigen, dass Dubuffet ein Künstler ist, der gerade auf die Gegenwartskunst noch immer einen Einfluss hat. Obwohl er natürlich das Gegenteil eines „Hochglanz-Künstlers“ ist, wie etwa Jeff Koons. Es gibt beispielsweise eine Werkgruppe, in der Dubuffet mit kleinen Schmetterlingsflügeln arbeitet, die etwas vorausschicken, was Damien Hirst heute mit seinen „Butterfly Paintings“ macht. Künstlerische Bezüge zu Dubuffet finden sich auch bei jüngeren Künstlern wie David Hockney, Jean-Michel Basquiat, Keith Haring oder, in jüngster Zeit, Ugo Rondinone.

 

Wie wird die Ausstellung „Metamorphosen der Landschaft“ gegliedert sein?

RB: Die Ausstellung zeigt Dubuffets Werk in chronologischer Reihenfolge, beginnend mit seinen frühen Landschaften. Dubuffet arbeitete hier sehr farbintensiv, inspiriert von der Kunst von Kindern oder psychisch kranker Menschen, von künstlerischen Aussenseitern also. Zum einen wird an dieser Stelle das Thema der natürlichen Landschaft integriert, aber auch die Stadtlandschaft. Zum anderen geht es um frühe Körperdarstellungen, anhand derer ersichtlich wird, dass Dubuffet Strukturen der Landschaft auf den Körper übertrug.

Darüber hinaus gibt es in der Ausstellung eine Reihe von Themenblöcken die zeigen, wie sich der Künstler explizit mit der Landschaft auseinandersetzte, also auch mit der Materialität der Landschaft und mit der mentalen Dimension von Landschaft. Einige Bilder bezeichnete er daher auch als „Gehirnlandschaften“ – diese weisen tatsächlich gewisse Gehirnstrukturen auf. Es sind fast plastische bzw. skulpturale Arbeiten, so wachsen aus diesen Landschaften doch immer wieder Figuren aus der Farbe heraus. Hier zeigt sich, wie Dubuffet seine frühe Farblichkeit verließ, um mit Naturfarben zu arbeiten.

In der Ausstellung folgt dann ein Raum, in dem es um das Thema des Portraits geht. Dubuffet portraitierte verschiedene berühmte Literaten auf eine sehr unkonventionelle Art und Weise. Ihn zeichnet hier das Raue und Hässliche aus, aber auch das Ironische, Dekonstruktive und Antikonventionelle wird von ihm in den Porträts zelebriert. Es folgt eine Reihe von Frauenkörpern, die Dubuffet als auch „corps de dame paysagé“ bezeichnete, also verlandschaftlichte Körper. Hier interessierte er sich für das Material des Fleisches, das die Textur einer Landschaft annehmen kann oder an Erdstrukturen erinnert.

Ein weiterer Raum wird der Landschaft als Material gewidmet sein, denn Dubuffet arbeitete eine Zeit lang auch mit botanischen und tierischen Elementen, etwa mit getrockneten Pflanzen oder Schmetterlingsflügeln. Hieraus konstruierte er Landschaften, die zugleich auch zu Figuren werden konnten. Es wird zeigt, wie dies alles ineinander übergeht und wie eine Durchmischung der Bildgattungen erfolgt.

Die Ausstellung setzt sich bis zum Spätwerk Dubuffets fort und zeigt dabei auch den Bruch, den sein Zurückfinden zur Farbe in den frühen 60er Jahren darstellt. Hier gibt es eine große Werkgruppe mit dem Titel „Paris Circus“, welche die Rückkehr von der Landschaft zur Stadtansicht zeigt und damit auch eine erneute Farbexplosion. Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sein wird der große „L’Hourloupe“-Zyklus, eine gewaltige Werkgruppe an der Dubuffet fast 12 Jahre lang gearbeitet hatte. Er kreierte damit praktisch sein eigenes Universum, in dem er die Farben wieder auf Rot, Blau, Weiß und Schwarz reduzierte und auf modulare Formen anwendete.

Hier spielt auch das einzigartige Bühnenstück „Coucou Bazar“ eine entscheidende Rolle, das eine Art Gesamtkunstwerk darstellt. Dubuffet versuchte damit die Ideen der Malerei und der Skulptur auf performative und theatralische Art und Weise zu übertragen, um quasi ein lebendiges Gemälde zu schaffen. Dafür  schuf er Kostüme und kulissenartige Elemente und konzipierte auch die Choreographie und Musik für dieses Meisterwerk. In der Ausstellung wollen wir dieses umfangreiche Ensemble an Kostümen und Bühnenelementen im großen Rahmen zeigen. In dieser Größe wie in der Fondation Beyeler wird dies sonst nur ganz selten gezeigt. Auch werden im Rahmen der Ausstellung einzelne Figuren durch Performer und Tänzer wieder zum Leben erweckt.

Wir beschließen die Ausstellung mit Dubuffets letzten Werken, in denen er zum Teil nochmals über sein Schaffen reflektierte. Zu sehen sein werden hier seine Collagen aus ausgeschnittenen Leinwänden, die sehr großformatig sind und Tendenzen zum monumentalen Bild zeigen. Auch seine allerletzten Arbeiten werden zu sehen sein, die Dubuffet dahingehend konzipiert hatte, dass sie auch wirklich als letzte Arbeiten vor seinem Tod gedacht waren. Hier zeigt sich eine abstrakte Formensprache; es sind Bilder, die ganz reduziert nur noch aus wenigen Linien bestehen. Letztendlich werden wir so alle großen Themengruppen zu Dubuffet anhand seiner besten Werke zeigen, um so auch die Essenz seines so vielseitigen Schaffens vor Augen zu führen.

 

Vielen Dank für das Interview.

Die Ausstellung „Jean Dubuffet – Metamorphosen der Landschaft“ wird vom 31. Januar bis zum 8. Mai 2016 in der Fondation Beyeler zu sehen sein.

Mehr über die Ausstellung

 

>>> Das Interview mit Raphaël Bouvier wurde am 7. Juni 2015 im Rahmen der Bloggerreise #kbreise15 in der Fondation Beyeler geführt. Die Reise wurde von der Kunsthalle Karlsruhe, der Karlsruhe Tourismus GmbH sowie Art & Design Museums Basel initiiert und finanziert.

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Fondation Beyeler, 2016

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