„Gehorsam“ von Saskia Boddeke und Peter Greenaway

Judentum, Christentum und Islam – alle drei großen monotheistischen Weltreligionen kennen den Mythos Abrahams, der auf Gottes Befehl hin dazu bereit ist, seinen eigenen Sohn zu opfern. Unter dem Titel „Gehorsam“ widmete sich das Jüdische Museum Berlin vom 22. Mai bis 15. November 2015 dieser Thematik in einer Sonderausstellung.

Die von Filmemacher Peter Greenaway und der Künstlerin Saskia Boddeke gestaltete Ausstellung in 15 Räumen stellte Gemälde, Skulpturen und rituelle Objekte verschiedenen Film- und Soundinstallationen sowie Projektionen gegenüber. Es ging dabei vor allem um Fragen der Identifikation, mit der Rolle des Opfers, des Täters und des Zuschauers im Angesicht von Grausamkeit und Krieg.

 

Greenaway, Kampmeyer, Kugelmann: "Gehorsam. Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke und Peter Greenaway", Kerber Verlag 2015 (Foto: Angelika Schoder)

Greenaway, Kampmeyer, Kugelmann: „Gehorsam. Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke und Peter Greenaway“, Kerber Verlag 2015 (Foto: Angelika Schoder)

 

Die Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

In insgesamt 15 Räumen setzte sich die Ausstellung mit verschiedenen Aspekten der Abraham-Isaak-Ismael Thematik auseinander. Empfehlenswert ist hierzu die Kritik von Maria Männig, die am 27. Mai 2015 bei Art[in]Crisis veröffentlicht wurde, welche einen lesenswerten Einblick in die verschiedenen konzeptionellen Schwerpunkte der Ausstellung bietet. An dieser Stelle soll daher ergänzend nur noch einmal auf die Filminstallation „I’m Isaac / I’m Ishmael“ der Multimedia-Künstlerin Saskia Boddeke eingegangen werden.

Kinder und Jugendliche waren im Vorfeld der Ausstellung dazu aufgerufen, sich zu filmen und mit ihrem Videomaterial selbst Teil der Installation zu werden, die letztendlich zu Beginn der Ausstellung „Gehorsam“ zu sehen war und gleichzeitig deren „Herzstück“ bildete. Die Teilnehmer an diesem Installationsprojekt mussten sich entscheiden: Mit welchem der beiden Söhne von Abraham wollten sie sich identifizieren – mit Isaak oder mit Ismael? Saskia Boddeke betonte hierzu im Interview mit Mirjam Wenzel im Blog des Jüdischen Museums Berlin:

„Für mich sind Isaak und Ismael die wichtigsten Figuren der gesamten Erzählung. Sie symbolisieren die Kinder, die das Recht haben, beschützt zu werden und in einer Welt ohne Krieg zu leben.“

Boddeke war es wichtig zu betonen, dass sich Kinder und Jugendliche aus der ganzen Welt mit dieser Perspektive auf die biblische Erzählung identifizieren könnten. Isaak uns Ismael werden für die Künstlerin gewissermaßen zum Symbol für alle Kinder, die unter Krieg und Gewalt leiden. Ihre Installation entfernt sich damit inhaltlich von der biblischen Erzählung, denn das Religiöse rückt in den Hintergrund. Vordergründig geht es der Künstlerin um junge Menschen und der Bedrohung ihres Lebens und ihrer Sicherheit durch Krieg:

„Anstelle des Gehorsams, der Gott und seinem Willen gezollt werden soll, fragen wir danach, inwieweit wir der Logik unserer Gesellschaft bzw. dem gesellschaftlichen Druck gehorchen, die uns anhält zu erhalten, was wir haben“, so Boddeke im Interview.

Ziel ihres Konzeptes war es, dass sich der Besucher beim Gang durch die Ausstellung zunehmend unwohler fühlen sollte. Während zu Beginn der Ausstellung noch nach einer Identifikation mit Isaak oder Ismael gefragt wurde, also mit den beiden Kindern, sollte im Verlauf der Ausstellung die Frage nach der Identifikation mit Abraham aufkommen, der bereit war sein Kind zu opfern. Schließlich sollte auch hinterfragt werden: Wie würde man sich selbst verhalten, wenn ein anderes Kind geopfert wird? Saskia Boddeke erläuterte ihre Intention damit, dass am Ende der Ausstellung der Schmerz derjenigen, deren Kinder geopfert werden, zu „unser aller Schmerz“ werden sollte.[1]

 

Saskia Boddeke & Peter Greenaway: Are you an Isaac or an Ishmael?
Quelle: Luperpedia Foundation / YouTube

 

Das Künstlerbuch zur Ausstellung von Saskia Boddeke und Peter Greenaway

Ergänzend zur Ausstellung „Gehorsam“ erschien im Mai 2015 das gleichnamige Künstlerbuch im Kerber Verlag, das aus zwei Bänden besteht: zum einen ein Bildband und zum anderen ein Begleitband mit Quellen und Theorietexten sowie den Bildnachweisen. Die Klappen des Bildbandes sowie einzelne Seiten zeigen Filmstills aus Saskia Boddekes Installation „I’m Isaac“. Diesen zeitgenössischen Porträtfotos von Kindern und Jugendlichen aus aller Welt werden Ausschnitte historischer Bilder und Fotografien gegenübergestellt, die sich mit dem Isaak-Motiv oder einer Mutter-Sohn bzw. Vater-Sohn-Beziehung beschäftigen. Das Bildmaterial stammt aus verschieden Kulturkreisen und aus unterschiedlichen Jahrhunderten, etwa Denis Dailleux‘ „Mütter und Söhne“ (Ägypten, 2012-14), Marc Chagalls „Die Opferung Isaaks“ (1960-66), Tizians „Abraham opfert Isaak“ (1542-44), Francisco de Zubaráns „Agnus Dei“ (1635-40) oder DCs „Picture Stories from the Bible“ (1943).

Der Begleitband stellt zunächst die Texte zum biblischen Mythos einander gegenüber: das vom Judentum und Christentum rezipierte 1. Buch Mose (22: 1-19) sowie den Text des Koran (Sure 37: 99-109). Letzterer schildert die Erzählung in leicht abgeänderter Form, wie Angelika Neuwirth in ihrem Beitrag „Koranische Neulektüre der Akeda“ in der Publikation darlegt.[2] In ihrem Vorwort gehen Margret Kampmeyer und Cilly Kugelmann auf die verschiedenen Interpretationen des Mythos in den drei Religionen ein, wobei sie sich u.a. mit der Begrifflichkeit auseinandersetzen.

Angesprochen wird etwa die Differenz zwischen der „Bindung Isaaks“ (hebräisch „Akedat Jitzchak“) und der Betonung des verhinderten Opfers und der christlichen Bezeichnung als „Opferung Isaaks“, also des vollzogenen Opfers im Hinblick auf den Tod Christi. In diesem Zusammenhang wird auch auf das islamische Opferfest verwiesen, das an den Mythos anknüpft.[3] Weiterhin werden Bezüge zu religiösen Festen dargelegt sowie die Bedeutung der mit dem mythologischen Ereignis verbundenen Orte. [4] Nicht zuletzt wird auch die Vielschichtigkeit des Begriffs bzw. des Konzepts von „Gehorsam“ diskutiert.[5]

Kampmeyer und Kugelmann betonen schließlich, dass der Mythos um Isaak und Abraham heute – abgesehen von seiner religiösen und philosophischen Bedeutung – in erster Linie für menschliche Grenzerfahrung stehe. Bilder hätten hieran einen entscheidenden Anteil, wie es weiter heißt, wobei bis ins späte 19. Jahrhundert der christliche Blick dominieren würde, da es in der jüdischen und muslimischen Tradition nur wenige Darstellungen biblischer Szenen gäbe. Die Vorstellung des Mythos als „psychologisches Drama über Tod und Gewalt“ sei, so die beiden Autorinnen, v.a. durch zwei künstlerische Darstellungen geprägt: zum einen „Die Opferung Isaaks“ von Caravaggio aus dem Jahr 1603 und zum anderen das gleichnamige Gemälde von Rembrandt van Rijn aus dem Jahr 1635. Die Bilder stünden dabei für zwei unterschiedliche Zugänge zum Thema: die aggressive Seite von Befehl und Gehorsam und dem gegenüber das seelische Konfliktpotenzial des Glaubensbeweises.[6] Der Bildband, der begleitend zur Ausstellung „Gehorsam“ erschienen ist, zeigt entsprechend Werke, die diese unterschiedlichen Zugänge repräsentieren.

Die Folgenden Beiträge des Begleitbandes von Ed Noort, Jon D. Levenson, Angela Neuwirth, Helmut Hoping und Omri Boehm befassen sich schließlich detailliert mit der Bedeutung des Mythos für Judentum, Christentum und Islam hinsichtlich verschiedener Aspekte und Deutungsebenen.

 

Das Künstlerbuch zur Ausstellung „Gehorsam. Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke und Peter Greenaway“, herausgegeben von Peter Greenaway, Margret Kampmeyer und Cilly Kugelmann im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin, ist im Mai 2015 im Kerber Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7356-0067-7).

 

>>> Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des von MuseumLifestyle initiierten #artbookfriday. MusErMeKu dankt dem Kerber Verlag für die kostenfreie Überlassung des Rezensionsexemplars.

→ Unsere Beiträge zum #artbookfriday

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Fußnoten:

[1] Saskia Boddeke: „Ihr Schmerz wird unser aller Schmerz sein“. Interview mit Mirjam Wenzel, In: Blogerim – Blog des Jüdischen Museums Berlin, 20.03.2015

[2] Angelika Neuwirth: „Koranische Neulektüre der Akeda“, In: Gehorsam. Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke und Peter Greenaway“, Hg.v. Peter Greenaway, Margret Kampmeyer und Cilly Kugelmann im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin, Kerber Verlag 2015, S. 36-45.

[3] Margret Kampmeyer und Cilly Kugelmann: „Bindung, Opferung, Schlachtung – oder das Ereignis, das nicht stattgefunden hat“, In: Ebd., S. 11

[4] Ebd., S. 12

[5] Ebd., S. 13

[6] Ebd., S. 13f

 

Bild: Greenaway, Kampmeyer, Kugelmann: „Gehorsam. Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke und Peter Greenaway“, Kerber Verlag 2015 (Foto: Angelika Schoder) – Begleitband (links): Michelangelo Medizi da Caravaggio: „Die Opferung Isaaks“ (Detail), um 1603, Uffizien, Florenz – bpk / Scala; Bildband (rechts): Saskia Boddeke: Installation „I am Isaac“

Header-Bild: Angelika Schoder – Jüdisches Museum Berlin, 2016

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