#allmymovies – Shia LaBeoufs Selbstinszenierung

„Kunst ist nicht der Beipackzettel der Realität,
sondern das Ticket für ein anderes Sehen,
vielleicht sogar ein anderes Leben.“
[1]

Tagelang, mit nur kleinen Unterbrechungen, sah sich Shia LaBeouf alle Filme an, in denen er seit seiner Kindheit mitgespielt hatte. Insgesamt 27 mal begegnete sich der Schauspieler selbst, und zwar in chronologisch umgekehrter Reihenfolge. Mit dabei: das Publikum – vor Ort im New Yorker Angelika Film Center und online via Livestream bzw. unter dem Hashtag #allmymovies. Ein rund 60 Stunden andauerndes Projekt zwischen Selbstinszenierung und Authentizitätsanspruch…

 

#allmymovies – Sekundenschlaf und Pizza

Der Mann sieht ein bisschen aus wie ein Penner, der sich in ein Kino geschlichen hat. Mit seinem fusseligen Bart, eingemummelt in einen weißen Kapuzenpulli und eine grüne Parka-Jacke, starrt er müde auf eine Leinwand. Vor ihm ist eine Kamera aufgebaut, die die ganze Zeit sein Gesicht filmt und jede Regung live ins Netz überträgt. Manchmal schließt er die Augen, nur um nach kurzem Sekundenschlaf wieder hochzuschrecken. Manchmal isst er Pizza. Dabei faltet er die Pizzastücke der Länge nach in der Mitte, um sie besser herunterschlingen zu können. Wenn er einen Schluck aus seinem Softdrink-Becher nimmt, spuckt er danach die Eiswürfel zurück in den Becher. Während der Film vor ihm weiter über die Leinwand flimmert, stochert er gedankenverloren mit der Zunge in seinen Zähnen – die Pizzareste haben sich dort festgesetzt.

 

Selbstinszenierung im Livestream

Shia LaBeouf war der bestbezahlte männliche Hollywood-Schauspieler in den Jahren 2009 und 2010. Fünf Jahre später, nachdem er u.a. mit Regisseuren wie Oliver Stone (Wall Street, 2010), Robert Redford (The Company You Keep, 2012) oder Lars von Trier (Nymphomaniac, 2013) zusammengearbeitet hatte, verzichtete er nun auf das inszeniert-werden und inszenierte sich selbst – oder auch nicht. Das Projekt, das vom 10. bis zum 13. November 2015 umgesetzt wurde und unter dem Hashtag #allmymovies von Fans besonders bei Twitter rege kommentiert wurde, war ein Versuch, größtmögliche Authentizität herzustellen. Nachverfolgen ließ sich LaBeoufs Selbstbetrachtung deshalb nicht nur via Livestream über die Plattform newhive, sondern auch persönlich vor Ort.

Der kostenlose Zutritt zum Kinosaal, in dem der Schauspieler Stunde um Stunde gegen die Müdigkeit und gegen die Scham bei besonders schlechten Filmen ankämpfte, schaffte eine Nähe, die LaBeouf in einem späteren Interview als fast familiär bezeichnete. Ein Film-Marathon bei dem gemeinsam gelacht, zusammen gekichert und kollektiv weggedöst wurde. Aus Urheberrechtsgründen wurde der Livestream ohne Ton übertragen, d.h. für das Online-Publikum ließ sich nur anhand der Zeit abschätzen, welcher der insgesamt 27 Filme gerade im New Yorker Kino gezeigt wurde. Am Ende des letzten Films stand der Schauspieler aus seinem Kinosessel auf und verließ, begleitet vom Applaus der etwa 50 anwesenden Besucher, den Saal. Das kollektive Erlebnis des gemeinsamen Filmeschauens zerstreute sich damit schlagartig wieder in Star und Publikum.

Im Blog der Streamingplattform inszenierte sich der Schauspieler im Anschluss an das Projekt weiter – diesmal nicht mehr als Objekt vor der Lifestream-Kamera, sondern als Teil des von ihm mitbegründeten Künstlerkollektivs LaBeouf, Rönkkö & Turner. Im Interview betonte er nur wenige Tage nach #allmymovies:

„I can’t articulate how big this was. I don’t even know yet. All I know is I feel the weight of it. […] Once you press play on your life and you open up and there’s that vulnerability and not only are people getting the artistic side of you but they’re getting the human side of you, watching that, you’ve shared everything.“ [2]

Nicht zuletzt seit Essena O`Neill fragt man sich aber, wie viel Emotion wirklich authentisch ist und wie weit Kalkül reichen kann. Hat sich Shia La Beouf in diesen drei Tagen vor der Kamera und im Kinosaal wirklich seinem Publikum geöffnet und echte Verletzlichkeit gezeigt – tatsächliche Authentizität? Eine andere Art des Sehens wurde dem Publikum mit dem Projekt sicherlich ermöglicht – die Frage ist aber, ob der Zuschauer hier wirklich einen Einblick in ein anderes Leben des Schauspielers hatte, in dem dieser nicht spielt sondern einfach er selbst ist.

LaBeouf proklamierte dies zwar wiederholt, doch zeigten sich hiervon nicht alle überzeugt. Guardian-Journalist Jordan Hoffman war sich etwa nach seinem Kinobesuch sicher: „He is a performer, and this was a performance.“ [3] Auch David Ehrlich vom Rolling Stone, der ebenfalls vor Ort war, bezeichnete das Projekt als „the best performance of Shia LaBeouf’s career“. Gespielte Authentizität also, die sich noch bis in das anschließende Interview fortsetzte. Am Ende lieferte #allmymovies damit vermutlich also eher einen Beipackzettel zur Realität, in der eine Medienplattform promotet wurde – nicht mehr und nicht weniger.

Die Liveübertragung wurde teilweise aufgezeichnet und kann hier gestreamt werden.

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Screenshot vom 12.11.2015

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Fußnoten:

[1] Boris Pofalla: Beipackzettel des Realen, In: FAZ, 15.11.2015, Nr. 46, S. 53

[2] Shia LaBeouf, 16.11.2015, In: newhive: #ALLMYMOVIES: a Conversation With LaBeouf, Rönkkö & Turner

[3] Jordan Hoffman: Shia hell? Watching LaBeouf watching LaBeouf, In: The Guardian, 11.11.2015

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