Ben Vautier im Museum Tinguely – Ist alles Kunst?

Nach unten gekrümmt, nach oben gebogen, gerade gereckt: Die Rede ist von Ben Vautiers „Bananen“. Ein ganzer Raum wurde im Museum Tinguely mit diesen aus den Jahren 1958/59 stammenden Werken des französisch-schweizerischen Künstlers ausgestattet. Keines der Bilder zeigt gelbes Obst. Eine „Banane“ ist eben nur dem Namen nach eine Banane – und im Fall von Ben Vautier sind es oft kaum mehr als ein paar Striche, eine phallische Form mit schlichter schwarzer Umrandung.

Neben diesen „recherche des formes“ zeigt die Ausstellung „Ben Vautier. Ist alles Kunst?“, die vom 21. Oktober 2015 bis zum 22. Januar 2016 in Basel zu sehen ist und die – unfreiwillig oder nicht – mit dem 80. Geburtstag des Künstlers zusammenfällt, rund 500 Werke. Vielleicht sind es auch nur 400, es ist schwer den Überblick zu behalten. Das meiste davon scheint Plünn zu sein, also Kleinigkeiten, Krimskrams und dazwischen immer wieder ironische Botschaften. Fast alles aus Ben Vautiers Sammelsurium scheint dabei die Frage aufzuwerfen: Ist alles Kunst?

 

„What’s your statement?“ und Tim Etchells Projekt „And For The Rest“

Bekannt ist Ben Vautier nicht primär für seine „Bananen“. Heute wird der 1935 in Neapel geborene Maler und Performance-Künstler in erster Linie mit seinen prägnanten Schriftbildern in Verbindung gebracht, die er direkt aus der Farbtube mit Acryl auf die Leinwand schreibt. Diese Statements provozieren, hinterfragen und verwirren. In einer der zahlreichen audio-visuellen Sationen, die im Hauptraum der Ausstellung „Ist alles Kunst?“ im Museum Tinguely verteilt sind, betont der Künstler, der als Pionier der Fluxus Bewegung gilt, dass er Menschen mit eben solchen Statements bewundert. „What’s you statement?“ fragt Ben Vautier fordernd. Wer auf diese Frage erst einen halben Tag erklären müsse, habe eigentlich keine Position. Dann lieber ein T-Shirt mit der Aufschrift „FUCK YOU“ – das sei ein Statement, so der Künstler.

Bei seinem Besuch in Basel, bei dem Ben Vautier selbst Hand an seine Ausstellung im Museum Tinguely gelegt hat – übrigens die erste umfassende Retrospektive in der Schweiz – müssen ihm in der Stadt zahlreiche Plakate aufgefallen sein. Ganz nach seinem Geschmack kommuniziert jedes Plakat ein Statement. Weiße Plakate mit schwarzer Schrift zeigen an rund 400 Orten in der ganzen Stadt rätselhafte Textfragmente und Aussagen. Die Botschaften sind auf Englisch, Französisch und Deutsch, es geht um Sehnsucht, um die Erinnerung an ein anderes Land, um Wünsche und Träume. Zu lesen ist hier etwa:

„Mir fehlt der Montag. Ich möchte den Montag wieder haben.“

„Did you know that you can forget your mother tongue? It can happen faster than you think.“

„Nach dem Glück suchen, weil das Glück kommt und geht.“

Hinter der Plakat-Aktion steht der Brite Tim Etchells. In seinem Projekt „And For The Rest“ gibt der Künstler Menschen in Basel eine Stimme, die zwar hier leben, aber kein Wahlrecht besitzen. Die Plakate sind an Stellen präsent, wo zuvor Schweizer Politiker für ihre Parteien warben. Wer politisch quasi unsichtbar ist, soll auf diese Weise zumindest Sichtbarkeit erhalten – wenn auch anonym.

 

Die Kunst des in Frage stellens

Tim Etchells Plakate geben keinen Hinweis auf ihre Zugehörigkeit zum Künstler – anders ist es bei Ben Vautier. Fast alles trägt seine Signatur: Ben – „Je signe tous“. Sein Ansatz folgt Marcel Ducamps Prinzip der Ready-mades: Einzig die Signatur des Künstlers definiert ein Kunstwerk. Ben Vautier hinterfragt alles: Haltungen, Statements, Banalitäten und immer wieder auch sich selbst und seine eigene Arbeit. Roland Wetzel, Direktor des Museum Tinguely, bezeichnet Ben Vautier gar als „Ikonoklast“, der sich selbst am wenigsten verschone: „Kaum ein Künstler seiner Generation reflektierte die Hinwendung zur Realität – die ’nouvelles approches perceptives du réel‘ – radikaler als Bruch zwischen einem modernistischen und einem zeitgenössischen Kunstverständnis“, so Wetzel in seinem Vorwort zum Ausstellungskatalog. Ben Vautier spüre dabei augenscheinlichen, aber auch unterschwelligen Widersprüchen nach: „Die bis heute anhaltende Konjunktur des ‚Ego‘ als existenzielle Triebfeder; das altbackene Konzept der Erfindung, des Neuen, des Originals, das uns heute noch anklebt wie ein Teig; die Tatsache, dass alles (und nichts) Kunst sein kann.“[1]

 

Das ist alles nur Plünn

Die erste Hälfte der Ausstellung wurde von Andres Pardey kuratiert, der neben den „Bananes“, die Ben Vautiers frühe Suche nach einer eigenen Formensprache dokumentieren, besonders „Le magasin“ einen zentralen Platz einräumt. Die Installation ist ein kleiner Raum im Raum – ein Konstrukt des „Laboratoire 32“, einem Plattenladen mit Galeriebereich in Nizza aus den 1960er Jahren, in dem sich die lokale Kunstszene traf. Das „magasin“ ist über und über bedeckt mit Schnickschnack und Ben Vautiers Schriftbildern, die wie Schilder ihre Botschaften verkünden.

Zunächst war nur die Fassade des Ladens aufwändig gestaltet, diese wurde maßstabsgetreu im Jahr 1972 im Musée National d’Art Moderne / Centre Georges Pompidou in Paris rekonstruiert. In den Jahren 1980 und 1994 kamen dann rechts und links neu gestaltete Seiten und die Rückseite hinzu. Schließlich wurde „Le magasin“ zu einem komplexen Objekt, das verschiedene Facetten und Ideen Ben Vautiers thematisiert – ein bisschen, als könnte man dem Künstler in seinen Kopf schauen, wobei das Betreten verboten ist.

Auf der Hälfte der 1.200 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche konnte sich der 80-jährige selbst austoben. Die Ausstellung quillt hier über von Objekten und Bildern: „In Basel / Werde ich versuchen, alles vollzuhängen / Es soll brechend voll werden / sodass man / eine halbe Stunde oder eine Stunde braucht, / um alles zu sehen. / Ich fühle mich besser, wenn ich viel zeige“, fasst Ben Vautier sein Konzept zusammen.[2] In 30 Räumen und Themen zeigt der Künstler eine Fülle an Bildern und Objekten, u.a. seine Keramiken, die meist eine Art Monsterköpfe darstellen. Der unglasierte Ton wird dabei mit kleinen Plastikfiguren bestückt, feststeckend in einem Skistiefel oder einem alten Lederschuh.

Dominierend sind natürlich Ben Vautiers Schriftbilder, mit Botschaften wie „la mort est simple“, „warum Kunst?“ oder „Ben ist scheise“. Als Besucher kann man sich den Aussagen nicht entziehen – sie stellen sich regelrecht in den Weg, etwa in Form einer Leiste auf Kopfhöhe in einem Durchgang zwischen zwei Räumen. Die Leiste verkündet: „Übung für Ihr Ich: Bücken Sie Sich vor Ben Vautier.“ Dabei geht es eher um den Besucher als um den Künstler, denn dieser ist nicht nur „le plus important“, sondern zugleich auch „more important than nobody“, wie seine Schriftbilder verkünden.

 

„Die zeitgenössische Kunst / ein Ego-Spiel“

Im Katalog zur Ausstellung wird von Roland Wetzel betont, dass Ben Vautier vom Museum Tinguely 30.000 Euro erhält – „plus alle Spesen, Aufwendungen und Entschädigungen für weitere Mitarbeiter/innen und Helfer“. Ben Vautier kommentiert das Honorar selbst mit der Aussage: „Basel mache ich nicht wegen des Geldes / Nicht wegen 30000 € / vielleicht um des Ruhmes willen / damit man mich nicht vergisst“.[3] Ein klares Statement. Vielleicht ist auch das Kunst.

 

Ben Vautier. Ist alles Kunst?

Museum Tinguely
21. Oktober 2015 bis 22. Januar 2016

 

>>> Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Bloggerreise #bskunstreise15. Die Reise wurde von Art & Design Museums Basel / Basel Tourismus initiiert und finanziert.

Header-Bild: Angelika Schoder, 2015

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Fußnoten:

[1] Roland Wetzel: Ben Vautier – Ist alles Kunst?, In: Museum Tinguely (Hg.): Ben Vautier. Ist alles Kunst?, Kehrer Verlag 2015, S. 7

[2] Ben Vautier: Auf den Punkt bringen, In: Ebd., S. 57

[3] Ebd., S. 47

2 Antworten auf „Ben Vautier im Museum Tinguely – Ist alles Kunst?“

  1. Liebe Angelika, du bist ja schneller als die Feuerwehr! Ich doktore noch an irgendwelchen Zeilenabständen herum und schon bin ich verlinkt 6 Minuten nach der Veröffentlichung! Danke! Ich habe mich gefreut, dich kennenzulernen. Wir sollten im Kontakt bleiben. Herzliche Grüsse aus Stuttgart, Andrea

    1. Liebe Andrea,
      gerne! 🙂 Das war eigentlich jetzt eher Zufall, dass es so schnell ging – meistens dauert es bei mir länger bis ich Zeit finde, alle Blogs zu lesen, die immer auf meiner Leseliste stehen. Übrigens: Tolle Fotos im Beitrag! Das Wetter hätte auch nicht besser sein können.

      Viele Grüße, Angelika

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