Auf den Spuren von Freya und Helmuth James von Moltke

Ein Weizenfeld im Spätsommer, Kohlköpfe im Beet, ein Familienfoto und Blicke in einen Garten: Ein vermeintliches Idyll in blassen Farben. Die Bilder im Fotoband „Abschiedsbriefe“ wirken trüb, verschlafen und melancholisch. Die Brieffragmente, welche die Fotografien begleiten, stammen aus der Feder des Ehepaares Freya und Helmuth James von Moltke und geben Einblicke in eine Liebesbeziehung, welche die Zeit des Nationalsozialismus nicht überdauerte.

 

Zu den Hintergründen des Fotobands

Helmuth James von Moltke wuchs in einem aufgeklärt-konservativen Umfeld als ältester Sohn eines Generalfeldmarschalls im niederschlesischen Kreisau auf. Im Jahr 1931 heiratete der Jurist die Kölner Bankierstochter Freya Deichmann. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde von Moltke als Kriegsverwaltungsrat in das Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht in Berlin verpflichtet, seine Frau Freya verwaltete hingegen den Gutshof der Familie in Kreisau. Hinter einer zunächst nach außen hin angepassten Fassade plante Helmuth James von Moltke gemeinsam mit Gleichgesinnten die politische, wirtschaftliche und soziale Neuordnung Deutschlands.

Ab 1940 fanden regelmäßige Treffen statt, wobei von Moltke als eine der zentralen Figuren in der Gruppe galt, die schließlich als „Kreisauer Kreis“ bekannt werden sollte. Die bürgerlich-zivile Widerstandsgruppe, zu der neben Persönlichkeiten wie Peter Yorck von Wartenberg, Carl Dietrich von Trotha oder Alfred Delp auch von Moltkes Frau Freya gehörte, traf sich meist in unterschiedlicher Besetzung in kleinen Gruppen und richtete sich gegen das nationalsozialistische Regime aus dem sozialdemokratischen, konservativen, aber auch christlichen Lager heraus.

Am 19. Januar 1944 wurde Helmuth James von Moltke verhaftet, weil ein Denunziant aufdeckte, dass er versucht hatte einen Bekannten vor einer drohenden Verhaftung zu warnen. Zunächst kam von Moltke ins KZ-Ravensbrück, Ende September 1944 wurde er in das Strafgefängnis Tegel verlegt. Zwischenzeitlich hatten die Ermittlungen zum misslungenen Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 auch von Moltkes Engagement im Widerstand zu Tage gebracht.

In Tegel begann er seiner Frau Freya heimlich Briefe zu schreiben. Überbracht wurden die Briefe von Harald Poelchau, dem Gefängnispfarrer, der sie aus dem Gefängnis nach draußen schmuggelte und in seiner Wohnung an Freya übergab. [1] Schon in den Jahren zuvor hatte das Ehepaar von Moltke über Briefe kommuniziert, da Helmuth ab 1935 in Berlin arbeitete und Freya sich um den Gutshof in Kreisau kümmern musste.

Auch nach seiner Festnahme durch die Nationalsozialisten und während seiner Haft im Gefängnis des KZ-Ravensbrück riss die Korrespondenz nicht ab. [2] Doch die Briefe aus der Zeit, in der Helmuth in Tegel inhaftiert war, unterscheiden sich von der vorherigen Korrespondenz, denn das Ehepaar hatte erst die Vorahnung und später die Gewissheit, dass Helmuth ein Todesurteil erwartete. [3] Am 23. Januar 1945 endet schließlich von Moltkes Korrespondenz an seine Frau – an dem Tag, an dem er in Plötzensee durch den Strang hingerichtet wurde.

 

Anja Putensen: "Abschiedsbriefe - Auf den Spuren von Freya und Helmuth James von Moltke", Kerber Verlag 2015 (Bild: Angelika Schoder)

Anja Putensen: „Abschiedsbriefe – Auf den Spuren von Freya und Helmuth James von Moltke“, Kerber Verlag 2015 (Bild: Angelika Schoder)

 

Emotionale Fragmente von Freya und Helmuth James von Moltke

Anja Putensen zeichnet in ihrem Fotoband „Abschiedsbriefe“ das Schicksal von Helmuth James von Moltke in seinen letzten Lebensmonaten nach, vom Spätsommer und den ersten Wintermonaten 1943 in Niederschlesien bis hin zu seiner Verhaftung am 19. Januar 1944, seiner Inhaftierung und seinem Tod. Im Buch wechselt das herbstliche Dorfidyll mit Feldern und Waldlandschaften zu Bildern des schneebedeckten Gutshofs in Kreisau, später zu Zellenblöcken und Gefängnisräumen, bis hin zu Bildern des ehemalige Volksgerichtshofs sowie der Hinrichtungsstätte Plötzensee. Die menschenleeren Fotografien zeigen keine Brüche, keinen Kontrast zwischen dem Leben mit seiner Frau Freya in Niederschlesien, seinem Gefängnisalltag und schließlich dem Todesurteil. Vielmehr verfolgt Anja Putensen mit ihren sachlichen Bildern einen kontinuierlichen Weg, der weniger die tatsächliche Realität nachzeichnet und eher wie eine blasse Erinnerung an die historischen Orte und Lebenssationen zu sein scheint.

Begleitet werden die oft tristen Fotografien von emotionalen Brieffragmenten, die parallel auf Deutsch, Englisch und Polnisch wiedergegeben werden – letzteres ein Verweis auf die Heimat des Ehepaars von Moltke im polnischen Kreisau, dem heutigen Krzyżowa. Die sehr knappen Textstellen sind Liebeserklärungen, die sich jedoch nie unmittelbar auf die Fotografien beziehen. Vielmehr betonen sie das gemeinsame Glück und die Beständigkeit der Liebe, ungeachtet der Umstände.

Die Textfragmente aus dem Fotoband „Abschiedsbriefe“ stammen aus dem von Ulrike und Helmuth Caspar von Moltke im Jahr 2011 herausgegebenen Buch „Helmuth James und Freya von Moltke: Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel, September 1944 – Januar 1945“, das den transkribierten und fast vollständigen Briefwechsel des Ehepaars von Moltke aus der Zeit enthält, in der Helmuth im Gefängnis Tegel auf seinen Prozess und schließlich auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartete. Ergänzt wird die Briefedition außerdem durch eine umfangreiche historisch-einordnende Einleitung, die in ähnlicher Form auch dem Fotobuch „Abschiedsbriefe“ von Anja Putensen gut getan hätte.

Das kürzlich erschienene Buch enthält nämlich nur ein sehr knappes Vorwort mit historisch nicht ganz korrekten Ausführungen, etwa wenn von Stauffenbergs Attentat auf Hitler als „ebenfalls militärischer Widerstand“ bezeichnet wird [4], wo der „Kreisauer Kreis“ um das Ehepaar von Moltke doch im bürgerlich-zivilen Umfeld angesiedelt war.[5] Insofern kann der Fotoband „Abschiedsbriefe“ aus dem Kerber Verlag als Ergänzung zur 2011 bei C.H.Beck erschienenen Edition der vollständigen Briefe des Ehepaars von Moltke gesehen werden, der die Bilder der historischen Ereignisse in ihrer Stimmung aufgreift und in die Gegenwart transportiert, eine vertiefende Lektüre jedoch eher anregt, als ersetzt.

 

Der Fotoband „Abschiedsbriefe – Auf den Spuren von Freya und Helmuth James von Moltke“ von Anja Putensen ist im September 2015 im Kerber Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7356-0097-4).

 

>>> Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des von MuseumLifestyle initiierten #artbookfriday. MusErMeKu dankt dem Kerber Verlag für die kostenfreie Überlassung des Rezensionsexemplars.

→ Unsere Beiträge zum #artbookfriday

_________________

Fußnoten:

[1] Dazu: Helmuth Caspar von Moltke und Ulrike von Moltke (Hg.): „Helmuth James und Freya von Moltke: Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel, September 1944 – Januar 1945“, München 2011, S. 9

[2] Ebd., S. 13

[3] Ebd., S. 18

[4] In der englischen Übersetzung ist im Bezug auf das Stauffenberg-Attentat hingegen unzutreffend von einem „example of opposition to the military regime“ die Rede. Beim Nationalsozialismus handelte es sich jedoch nicht um ein Militärregime. Die polnische Version des Textes konnte nicht überprüft werden. Siehe: Vorwort zu Anja Putensen: „Abschiedsbriefe – Auf den Spuren von Freya und Helmuth James von Moltke“, Kerber Verlag 2015

[5] Auch wenn sich Mitglieder des „Kreisauer Kreises“ schließlich dem Zirkel um von Stauffenberg anschlossen, lehnte von Moltke bis zuletzt den gewalttätigen Widerstand ab. Dazu: Der Kreisauer Kreis, In: Kreisau Initiative – http://www.kreisau.de/de/kreisauer-kreis/ (19.10.2015) und Helmuth Caspar von Moltke und Ulrike von Moltke (Hg.): „Helmuth James und Freya von Moltke: Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel, September 1944 – Januar 1945“, München 2011, S. 64 (Brief an die Söhne vom 11.10.1944)

 

Header-Bild: Angelika Schoder, 2016

2 Gedanken zu „Auf den Spuren von Freya und Helmuth James von Moltke

  1. Michelle van der Veen Antworten

    Liebe Angelika,

    vielen Dank für die ausführliche und kritische Besprechung des Büchleins „Abschiedsbriefe“. Deine Anmerkung zur fehlenden bzw. nicht ganz korrekten historischen Einordnung ist ein wichtiger Hinweis. Beim nächsten Buch dieser Art werden wir da stärker drauf achten. Umso besser, dass es einen Band zu den Moltkes gibt, mit dem man sich das fehlende Wissen aneignen kann.

    Das Fotoprojekt macht die Orte künstlerisch erfahrbar und konserviert sie auf eine eigene Weise, die ein wissenschaftlicher Band sicher nicht leisten kann.

    Viele Grüße aus Bielefeld

  2. Angelika Schoder Autor des BeitragesAntworten

    Hallo Michelle,

    ich finde den Fotoband eine sehr gelungene Ergänzung zur Briefedition. Durch die Bilder werden die Emotionen der Briefe aufgegriffen und noch einmal anders vermittelt. Die Idee der Künstlerin hat mich auf jeden Fall sehr angesprochen.

    Viele Grüße
    Angelika

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.