Besser als Benedict Cumberbatch – Photobombing und Anti-Selfie

Photobombing kann Fotos ruinieren. Manchmal erfolgt es bewusst durch einen Verursacher mit Störungsabsicht, manchmal geschieht es unbewusst durch ein Versehen. In jedem Fall, egal ob im Hintergrund jemand alle Blicke auf sich zieht, oder sich etwas dreist in den Vordergrund vor die Kamera schiebt: das eigentliche Fotomotiv wird zur Nebensache.

Der britische Schauspieler Benedict Cumberbatch beispielsweise hat das Photobombing perfektioniert. Mittlerweile ist er mindestens so bekannt für seine legendären Photobombs bei Oscar-Verleihungen wie für seine Rolle als Sherlock. Doch nicht nur Personen können ein Motiv stören – auch Gegenstände neigen zum Photobombing, wie photobomb.tumblr.com eindrucksvoll zeigt. Auch die Fondation Beyeler nutzt jetzt den Photobob-Effekt für das Anti-Selfie und beantwortet hier im Beitrag einige Fragen dazu.

 

Anti-Selfie-Club

Karoline Luise aus der Kunsthalle Karlsruhe – Screenshot vom antiselfie.club (12.10.2015)

 

Das Anti-Selfie

Begleitend zur Ausstellung „Black Sun“, die vom 4. Oktober 2015 bis 10. Januar 2016 in der Fondation Beyeler gezeigt wird, verwandelt sich das Selfie, das oft auf Armlänge oder im Spiegel von sich selbst gemachte Foto, in ein Anti-Selfie – dank geometrischen Formen, die sich in bester Cumberbatch-Manier ins Bild drängeln. Auch in anderen Museen dreht sich im Moment alles um Selfies, etwa „Ego Update“ im NRW-Forum Düsseldorf (19.09.2015 – 17.01.2016) oder „Ich bin hier!“ in der Kunsthalle Karlsruhe (31.10.2015 – 31.01.2016), doch die Fondation Beyeler geht einen Schritt weiter.

Selfie-Fans und Selfie-Verweigerer gleichermaßen werden hier online zum Experimentieren und Interagieren eingeladen – am Ende winkt die Mitgliedschaft im Anti-Selfie Club. Der Club versammelt Selbstbildnisse mit Quadraten, Kreisen, Kreuzen und anderen Formen vor den Gesichtern der abgebildeten Personen. Die schwarzen geometrischen Figuren verweisen dabei auf Kasimir Malewitsch (1878 – 1935), den Inspirationsgeber der Ausstellung „Black Sun“.

 

Bitte legen Sie Ihr Handy weg!

Wer Mitglied im Anti-Selfie Club werden möchte, hat es – ganz im Sinne des Anti-Selfies – nicht leicht, denn das gängige Medium, um Selfies aufzuzeichnen, wird von vornherein nicht zugelassen. Wer die Seite antiselfie.club mit dem Smartphone aufruft, kann zwar die Galerie bereits angefertigter Bilder betrachten, doch wer mit dem Handy selbst ein Bild anfertigen möchte, hat Pech. Der Bildschirm verkündet: „Bitte benutzen Sie einen PC oder Laptop mit einer Webcam, um eine Anti-Selfie zu machen“. (Interessanterweise ist Anti-Selfie übrigens hier ein Femininum…) Mal eben ein Anti-Selfie von unterwegs, posierend vor dem Spiegel oder sogar noch mit Selfie-Stick ist demnach unmöglich bzw. dürfte mit dem PC oder Laptop schwierig werden. Allein schon durch diese technische Restriktion wird dem Nutzer verdeutlicht: Ein Anti-Selfie hat nichts mit dem herkömmlichen Selfie gemeinsam.

Kein Anti-Selfie ohne Webcam, soviel ist klar – doch auch der Browser muss am Ende stimmen. Das System arbeitet nur via Google Chrome oder Firefox. Wer dies berücksichtigt, kann schließlich loslegen und sich dem Photobombing der geometrischen Formen aussetzen. Mehrere Personen können gleichzeitig mit dem System interagieren – jeder erhält eine andere Form vor sein Gesicht platziert: ein Quadrat, einen Kreis, ein Kreuz usw. Bewegt man sich vor der Webcam, bewegen sich auch die Formen vor den Gesichtern. Eine Verfolgungsjagd beginnt, vor der es kein Entkommen gibt – außer man verdeckt das Gesicht (z.B. mit der Hand), denn dann verschwindet auch die Form.

Doch dann fertigt das Programm auch kein Anti-Selfie an und man wird zu einem neuen Versuch aufgefordert. Man platziert sein Gesicht also vor der Webcam, nimmt eine Pose ein – und wartet auf den Photobomb-Effekt der geometrischen Selfie-Störer. Wer schließlich mit dem Motiv auf dem Bildschirm zufrieden ist, betätigt den Auslöser – ein Timecode zählt von 3 rückwärts, dann wird der Schnappschuss erstellt. Nun kann das Bild gepostet werden und man wird Mitglied im Anti-Selfie Club.

 

Let’s Play mit dem „Schwarzen Quadrat“

Die Software zur Gesichtserkennung erkennt nicht nur Personen, sondern auch deren Abbilder. Fotografien funktionieren hier ebenso wie Gemälde. Einzig mit dem Abstand zur Kamera muss der Selfie-Kandidat etwas variieren, da die geometrischen Formen sich teilweise etwas vor dem Photobombing zieren. Gelegentlich kommt es auch vor, dass der letztendlich geglückte Schnappschuss gespiegelt dargestellt wird. Alles in allem funktioniert die Technik jedoch gut und verleitet zum Experimentieren.

Für diesen Beitrag etwa stand Karoline Luise von Baden Modell, der die Kunsthalle Karlsruhe zum 300. Stadtjubiläum eine Ausstellung gewidmet hatte. Die Fürstin hätte sich vermutlich heute selbst für Social Media begeistert, wie Sibylle Brosi, die Leiterin der Jungen Kunsthalle Karlsruhe, im Sommer in einem Interview mit MusErMeKu betonte. Und auch von ihr existieren historische „Selfies“. Insofern war Karoline Luise die perfekte Komplizin für eine Interaktion mit Malewitschs geometrischen Formen.

 

Was steckt dahinter?

Der Anti-Selfie Club macht nicht nur neugierig auf das Konzept, sondern auch auf die Technik, die sich dahinter verbirgt. Die Fondation Beyeler und die Agentur Moniker haben MusErMeKu hierzu die wichtigsten Fragen in einem kurzen Interview beantwortet:

 

Woher kam die Idee, Malewitschs zentrale Formen mit dem Thema Selfie zu einem Anti-Selfie zu kombinieren?

Fondation Beyeler: Vor 100 Jahren präsentierte Kasimir Malewitsch im Rahmen der Ausstellung „Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei 0,10“ 1915 in Petrograd sein ikonisches Gemälde „Schwarzes Quadrat“. Zum ersten Mal realisierte ein Künstler ein Gemälde, das nichts darstellen wollte. „Schwarzes Quadrat“ gilt als „Nullpunkt der Malerei“, verursachte 1915 einen Skandal und machte Suprematismus schlagartig bekannt. Die Provokation bestand auch darin, dass Malewitsch das Gemälde im sogenannten „Gotteswinkel“ präsentierte, der „roten“ oder „schönen Ecke“ des Raumes, die in der russischen Kultur den heiligen Ikonen vorbehalten war.

Der Anti-Selfie Club nimmt auf die allgegenwärtige Selbstdarstellung mittels Selfie auf Social Media Bezug und verhüllt zugleich das, was allen in unserer Zeit am heiligsten zu sein scheint: das eigene Bild. Die Ideeentwicklung des Anti-Selfie Clubs geschah in enger Zusammenarbeit mit dem interaktiven Design Studio Moniker in Amsterdam, das mit seinen Projekten unter anderem die sozialen Folgen von Technologie untersucht.

 

Wo verortet ihr die entstehenden Anti-Selfies im Bezug zum Selfie-Trend in den Sozialen Medien?

Fondation Beyeler: Das Selfie wird von unserer Gesellschaft als logische Entwicklung unserer Zeit online verstanden, in der wir versuchen, der Anonymität, die das Internet unterbreitet, zu entkommen. Das Anti-Selfie nimmt sich dessen auf ironische Weise an, indem dieser Drang nach Selbstdarstellung wieder anonymisiert wird. Das Interessante dabei ist, dass dennoch viele Anti-Selfie Club Members aktiv versuchen, den anonymisierenden Formen auszuweichen. Es wird zu ihrer Entscheidung, ob die User sich zu erkennen geben wollen oder nicht und die Frage offen lassen, ob wir bereit sind, dem Selfie-Trend zu widerstehen.

 

Wie erfolgte die technische Umsetzung von antiselfie.club?

Moniker: Browser sind für die Zwecke der Microsite des Anti-Selfie Clubs zu langsam, weshalb wir auf der Suche nach einer geeigneten Programmbibliothek auf die JavaScript-Bibliothek «jsfeat», die von Eugene Zatepyakin entwickelt wurde, stießen. Es ist ein äußerst optimierter Code von einem sehr talentierten Entwickler, der unsere Idee überhaupt umsetzbar machte. Ohne ein Demo seiner Bibliothek hätten wir niemals diese Idee vorgeschlagen. Dass es auf dem Smartphone nicht funktioniert, liegt daran, dass Apple die mobile Kamera für Webseiten nicht öffnet.

Vielen Dank!

 

Jetzt die Entscheidung: Soll das Selfie im Netz ein Schritt aus der Anonymität heraus sein oder als Anti-Selfie doch lieber wieder ein Schritt in Richtung einer Re-Anonymisierung? Wer sich für letzteres entscheidet:
⇒ Hier gehts zum Anti-Selfie Club

 

„Black Sun“ / „Auf der Suche nach 0,10 – Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei

Fondation Beyeler
4. Oktober 2015 bis 10. Januar 2016
weitere Infos

 

>>> Dieser Beitrag entstand im Vorfeld der Bloggerreise #bskunstreise15. Die Reise wird von Art & Design Museums Basel / Basel Tourismus initiiert und finanziert.

Header-Bild: Karoline Luise aus der Kunsthalle Karlsruhe (Foto: Angelika Schoder von der #kbreise15) – Screenshot via antiselfie.club vom 12.10.2015

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