Im Land der Einhörner – Das Mindestlohn-Praktikum

In einem fernen wunderschönen Land, in dem Einhörner über rosa Wolken galoppieren, gibt es sie: Geisteswissenschaftler, die für ein Praktikum im Bildungs- und Kulturbereich den Mindestlohn bekommen. Pro Monat fast 1.500 Euro – mitunter ist das mehr, als so mancher Promovierte in einem Volontariat erhält. Doch gibt es diese Praktikanten wirklich?

Kennt zumindest jemand eine Person, die von jemandem gehört hat, dessen Cousine mal mit jemandem in einem Seminar war, dessen Bruder angeblich usw. … ? Ein Mindestlohn-Praktikum scheint schwer zu finden zu sein…

 

Einhörner, Bigfoot oder das Bernsteinzimmer

Grundsätzlich sind Institutionen, die Praktika anbieten, seit dem 1. Januar 2015 dazu verpflichtet den Mindestlohn zu zahlen. Auf Anfragen, wie ein Praktikum vergütet ist, wird auch stets pflichtgemäß angegeben, man zahle den Mindestlohn, wie z.B. die Klassik Stiftung Weimar, die fortlaufend 2 bis 3-monatige Praktika im Referat Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing ausschreibt. In einem Tweet vom 7. September 2015 bestätigten sie: „Wir entscheiden in erster Linie nach Qualifikation und halten uns an das seit dem 01.01.2015 geltende Mindestlohngesetz.“

Seit über 9 Monaten gilt nun der Mindestlohn für Praktikanten – also auch für Geisteswissenschaftler, die im Bildungs- und Kulturbereich Erfahrungen sammeln möchten. Die neue Regelung könnte damit denjenigen zugute kommen, die zuvor meist für Praktika nicht oder nur sehr gering bezahlt wurden. Doch profitieren Praktikanten in dieser Branche wirklich? Mehr als 9 Monate nach Einführung des Mindestlohns ist es Zeit nachzufragen: Finden sich Geisteswissenschaftler, die bisher den Mindestlohn für ein Praktikum im Kultur- und Bildungsbereich erhalten haben?

Die Suchanfrage bei Twitter wurde insgesamt 147 Mal geteilt und brachte es auf eine Reichweite von 12.210 (Stand 15.09.2015, 23:45 Uhr). Auch bei Facebook habe ich die Suche in der Gruppe „Geschichte und Kulturwissenschaften“ (mit über 3.300 Mitgliedern) geteilt. Ebenso wurde ein Verweis auf meine Suchanfrage von der Facebook-Seite Kulturmanagement.Net geteilt. Gekoppelt an einen Link zu diesem Blog brachte es der Beitrag auf eine Reichweite von 7.911 (Stand 15.09.2015, 15:12 Uhr). Auch wenn die Reichweite dem verlinkten Blogartikel gilt, so lässt sich vermuten, dass zumindest ein gewisser Anteil der User, denen der Beitrag angezeigt wurde, auch die Suchanfrage nach Mindestlohn-Praktikanten im Kultur- und Bildungsbereich gesehen hat.

 

Screenshot vom 15.09.2015 zur Verfügung gestellt von Kulturmanagement.Net

Screenshot vom 15.09.2015 zur Verfügung gestellt von Kulturmanagement.Net

 

Ungeachtet der zielgruppenrelevanten Reichweite, welche die Suchanfrage erzielte: Bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags ließ sich niemand finden, der für ein Praktikum im Bildungs- und Kulturbereich den Mindestlohn erhalten hatte. Ein Twitter-User fragte sogar, ob es nicht aussichtsreicher sei, Einhörner, Bigfoot oder das Bernsteinzimmer zu suchen. Scheinbar hatte er Recht…

 

Mindestlohn im Praktikum – Nur unter bestimmten Bedingungen

Vermeintlich sollte es im Kultur- und Bildungsbereich zahlreiche Praktikanten geben, die Anspruch auf den Mindestlohn haben. Dies trifft z.B. auf diejenigen zu, die ein freiwilliges Praktikum absolvieren, das über 3 Monate hinaus geht. Der Mindestlohn wird auch fällig, wenn jemand mit einem abgeschlossenen Studium ein freiwilliges Praktikum aufnimmt. Dies würde etwa auf Masterstudierende zutreffen, die in den Semesterferien praktische Berufserfahrung sammeln möchten, denn diese verfügen mindestens über einen Bachelor-Abschluss. Der Mindestlohn müsste auch an Praktikanten gezahlt werden, die die Zeit zwischen dem BA-Abschluss und einem Masterstudium überbrücken möchten. Auch Praktikumsinteressenten, die vor dem Studium bereits eine Berufsausbildung abgeschlossen haben, müssten den Mindestlohn erhalten – sogar wenn sie sich zur Zeit des Praktikums erst im BA-Studium befinden.

Da es zahlreiche geisteswissenschaftliche Studiengänge gibt, in denen kein Praktikum vorgesehen ist, spricht man hier von freiwilligen Praktika. Wobei die Freiwilligkeit nicht unbedingt gegeben ist, wenn man bedenkt, dass man für den Berufseinstieg zwangsläufig praktische Erfahrungen nachweisen muss, wenn man überhaupt eine Chance  auf dem Arbeitsmarkt haben möchte. Im Prinzip besteht also doch eine Praktikumspflicht – die aber eben nicht durch eine Studienordnung geregelt wird, sondern durch die Anforderungen des Arbeitsmarktes.

 

Das Mindestlohn-Praktikum als Mythos

Neben den erwähnten „freiwilligen“ Praktikumsinteressenten gibt es auch eine Reihe an Bewerbern, die ein sogenanntes Pflichtpraktikum absolvieren müssen. Hierzu zählen etwa geisteswissenschaftliche Studiengänge an Fachhochschulen, bei denen oft ein Praxissemester im Umfang von 6 Monaten vorgesehen ist, oder duale Studiengänge, die ebenfalls mehrmonatige Praxisphasen vorsehen. Hier gilt der Mindestlohn nicht. Zudem sind auch freiwillige Praktika unter 3 Monaten vom Mindestlohn befreit, wenn der Praktikant noch keine abgeschlossene Berufsausbildung oder keinen Studienabschluss hat. Ein BA-Student würde für ein 2 bis 3-monatiges Praktikum z.B. keinen Mindestlohn erhalten.

Grundsätzlich sind Institutionen, die Praktika vergeben, verpflichtet, den Mindestlohn zu zahlen. Dies bringt aber einen erheblichen Teil der Institutionen im Kultur- und Bildungsbereich in Bedrängnis, denn ihnen fehlen oft die Mittel dafür. Einige Institutionen der Branche verzichten daher seit der Einführung des Mindestlohns gänzlich auf Praktikanten, z.B. die Museen der Stadt Bamberg. Andere behelfen sich damit, dass sie nur Pflichtpraktikanten annehmen. In gewisser Weise könnte man hier sogar Verständnis dafür aufbringen, denn sollte man nicht diejenigen bevorzugen, die zum erfolgreichen Studienabschluss ein Praktikum zwingend benötigen?

 

Die Praktikanten von gestern werden zu den Volontären von heute

Auffällig ist, dass seit dem 1. Januar 2015 Bewegung in den Bildungs- und Kultursektor kam – und zwar nicht in positiver Hinsicht. Wo früher noch Praktika bis zu 6 Monaten möglich waren, werden heute oft nur noch maximal 3 Monate angeboten, um die „Gefahr“ des Mindestlohns zu reduzieren. In seinem Artikel „Arbeit machste freiwillig“ berichtet Philipp Krechlak sogar von einem Fall, bei dem ein 6-monatiges Praktikum aus „interner Notwendigkeit“ auf 2 Arbeitsverträge aufgeteilt wurde, um den Mindestlohn zu umgehen. Das Praktikum, nun gesplittet auf je 3 Monate, lief natürlich dennoch an der gleichen Institution 6 Monate in Vollzeit.

Scheinbar ist es außerdem bereits bei einigen Institutionen vorgekommen, dass statt Praktika nun „Kurzzeit-Volontariate“ von 6 bis 12 Monaten angeboten werden. Durch diese können frühere Langzeitpraktika in gleichem Umfang ersetzt werden, ohne den Mindestlohn zahlen zu müssen. Wer jetzt argumentiert, dass Volontariate – im Gegensatz zu Praktika – ein Ausbildungsverhältnis sind, sollte bedenken, dass keine Institution nachweisen muss, inwiefern tatsächlich ausgebildet wird. Ausbildungspläne oder eine feste Erfassung von Weiterbildungsmaßnahmen gibt es im Kultur- und Bildungssektor oft nicht.

 

In einer Pressemitteilung des Arbeitskreises Volontariat im Deutschen Museumsbund vom Februar 2015 heißt es dazu:

„Das Ausbildungskonzept Volontariat sollte dazu dienen, praktische Kenntnisse nach dem Studium zu vermitteln. Der Begriff „Volontariat“ ist jedoch rechtlich nicht definiert, die Rahmenbedingungen oder das Gehalt sind von der Vertragsform und damit vom Gutdünken des jeweiligen Arbeitgebers abhängig. Als Ausbildung deklariert, fehlt es an strukturierten Ansprüchen auf Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen, während sich zugleich der Mindestlohn umgehen lässt. […]

Im Hinblick auf das MiLoG birgt die Gesetzeslücke beispielsweise die Gefahr, dass Praktikumsstellen in allen kulturellen Bereichen vermehrt als Volontariate ausgeschrieben werden. Praktika, die länger als drei Monate dauern, müssen seit dem 01.01.2015 mit Mindestlohn vergütet werden. Eine Anstellung von weniger als einem Jahr als Volontariat und damit als Ausbildung zu deklarieren, ist aber mehr als fragwürdig – vor allem wenn es keine festen inhaltlichen Regelungen gibt.“

 

Die Bundesregierung verweist in einem Artikel vom 17. Dezember 2014 darauf, dass mit dem Mindestlohn die „Generation Praktikum beendet“ sei. Das trifft in gewisser Weise im Kultur- und Bildungsbereich zu – allerdings nur insofern, als dass die Generation Volontariat an ihre Stelle gerückt ist.

 

Das magische Land der Einhörner

Natürlich gibt es auch Institutionen im Kultur- und Bildungsbereich, die mit dem Mindestlohnanspruch in ihren Ausschreibungen „werben“ und sich explizit sowohl an freiwillige Praktikanten als auch an Pflichtpraktikanten richten. Allein die Qualifikation würde bei der Auswahl der Bewerber den Ausschlag geben, wie es in diesen Fällen heißt. Wenn also potentielle Anwärter auf den Mindestlohn auch im Kultur- und Bildungsbereich ebenso berücksichtigt werden, wie gratis-Praktikanten, müssten es hier dann nicht Mindestlohn-Praktikanten geben?

Einige Branchen zahlen den Mindestlohn auch für Praktikanten, etwa in der Pharma- oder Chemieindustrie, in der IT-Branche oder im Wirtschaftsbereich. Auch in diesen Branchen gibt es Praktikumsstellen für Geisteswissenschaftler; der Mindestlohn wird hier meist sogar Pflichtpraktikanten gezahlt, z.B. bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Es gibt also durchaus Geisteswissenschaftler, die für ein Praktikum den Mindestlohn erhalten. Nur im Bildungs- und Kulturbereich hakt es. Hier scheint es nur Gerüchte um die Existenz von denjenigen zu geben, die von dem magischen Land erzählen könnten, in dem Einhörner über rosa Wolken galoppieren und in dem man für ein Praktikum, z.B. in einem Museum oder in einem Theater, den Mindestlohn von fast 1.500 Euro im Monat erhält.

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Fürth, 2012

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24 Antworten auf „Im Land der Einhörner – Das Mindestlohn-Praktikum“

  1. Genau aus dem Grund habe ich mich bis jetzt um Praktika gedrückt. Neben den Hausarbeiten, die dank neuer Regelungen jetzt am Ende der Semesterferien abgegeben werden müssen, auch noch Vollzeit arbeiten und das für lau? Nein, danke! Ein Herr aus der Medienbranche schaute mich mal sehr schockiert an, als ich am Ende des Vorstellungsgesprächs nach der Vergütung fragte und sagte ich würde schließlich nicht gratis arbeiten. Andere würden das ja tun und sogar Geld bezahlen um die gleichen Chancen zu haben…

    Hilfskraftstellen sind viel nützlicher weil sie studienbegleitend sind und nicht vom Mindestlohn ausgeschlossen sind. Allerdings braucht man auch länger um die gleiche Arbeitserfahrung zu sammeln. Und man muss sie erstmal finden und bekommen.

    1. Liebe Helen,
      leider sind die Stellen schwerer aufzutreiben als ein Praktikum, aber wer die Chance hat, sollte sie nutzen! Studentische Hilfskraftstellen haben auch bei Personalern einen guten Ruf, besser als das 5. Praktikum, das nur 4 Wochen dauert.
      Viele Grüße, Angelika

  2. Liebe Angelika,
    danke! Wunderbar! Da habe selbst ich nichts zu ergänzen – außer, dass ich mir solche Statements und Vorbildhaftigkeit von den großen Häusern und Vereinen wünschen würde, die den Sektor nach außen vertreten und nach innen, nun ja, Vorbild sein sollten.
    Liebe Grüße,
    Kristin

    1. Liebe Kristin,
      ich warte auf eine Kulturinstitution, die sich zu Wort meldet und bestätigt, dass sie nicht nur den Mindestlohn theoretisch anbieten, sondern den Fall auch praktisch in den vergangenen 9 Monaten hatten. Und ich frage mich, ob sich die Bundesregierung bei der Einführung des Mindestlohns das so vorgestellt hatte, wie es sich jetzt im Kulturbereich entwickelt. Man hätte es sich vielleicht denken können…
      Viele Grüße, Angelika

  3. Ich weiß, dass der DJV sich für einen Mindestlohn für Volontäre eingesetzt und die Bundesregierung es mit der Begründung abgelehnt hat, das seien Azubis. Was der Unterschied zum Praktikum sein soll, ist schwer zu sagen. Ich würde vermuten, dass das Problem im Vergleich zur freien Wirtschaft einfach zu unbedeutend ist und deswegen nicht gesondert behandelt wird – Schlupflöcher wie Kurzzeit-Volos hin oder her. Gerade bei öffentlich finanzierten Häusern fände ich es wichtig, dass sich die meist politischen Geldgeber dafür einsetzen, dass solche Standards eingehalten werden, und die entsprechenden finanziellen und strukturellen Konsequenzen ziehen. Stattdessen hat z.B. der Deutsche Bühnenverein, der die Arbeitgeber an deutschen Theatern vertritt, auf eine Ausnahme für diese plädiert, um weiterhin Praktikanten für 6 Monate oder mehr nicht bezahlen zu müssen – natürlich zu deren besten und weil es die Theaterlandschaft gefährden würde. Die Lobby für Arbeitnehmer in der Kultur ist einfach zu schwach und sie selbst treten kaum für sich ein oder erst, wenn es zu spät ist.

    1. Liebe Kristin,

      ja es stimmt, dass seitens entsprechender Institutionen auf eine Ausnahmeregelung vom Mindestlohn gehofft wurde bzw. man sich dafür eingesetzt hat, denn sonst würde man ja auf personelle Ressourcen verzichten müssen. Lustigerweise wird auch argumentiert, dass den Nachwuchskräften ja dann der so wichtige praktische Einblick ins Berufsleben fehlt. (siehe Deutscher Musikrat: http://www.nmz.de/kiz/nachrichten/deutscher-musikrat-achtung-stolperfalle-mindestloehne-fuer-praktikanten) Das klingt, als würde man den Praktikanten und Volontären doch nur einen Gefallen tun wollen, wenn man sie für ein Taschengeld (oder besser gratis) arbeiten lässt.
      Eigentlich müsste man konsequent sein und sagen: Die Stellen können nicht mehr angeboten werden und die Arbeit bleibt dann liegen. Vielleicht wird dann bewusst, was plötzlich fehlt…

      Viele Grüße, Angelika

  4. Ein kleiner Gedanke noch: Ich habe auch erst während meines Volos begonnen, mich kritisch mit diesen Umständen auseinanderzusetzen. Im Studium wurde uns vermittelt, dass es eben so ist – sowohl in Hinblick auf Praktika als auch auf Volontariate. Ich denke das ist bei vielen Professoren der Geisteswissenschaften drin und entsprechend fehlen den Studenten zu oft die Informationen, um Ausschreibungen hinterfragen zu können. Vielleicht war es beim Magister aber auch noch anders und wahrscheinlich ist das auch je nach Studiengang, Uni und Prof anders.

    1. Liebe Kristin,

      im Magister war es nicht anders. Es scheint ein Konsens darüber zu herrschen, dass es ganz selbstverständlich ist, dass die Praktika im Kulturbereich natürlich ohne Vergütung sind und dass Volontariate schon mal 1.100 Euro Brutto haben, was viel sei, schließlich gibt es in der Verlagsbranche ja auch Volos mit nur 800 Euro Brutto. Wenn man dann in Vorstellungsgesprächen für Praktika fragt, ob man so Chancen auf ein Volontariat hat, wird man belächelt. Wenn man später im Vorstellungsgespräch für ein Volontariat fragt, ob man danach eine Chance auf Übernahme hat, wird man sogar ausgelacht. Aber man habe danach ja „sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ – ist klar.

      Es gibt auf jeden Fall ein Bewusstsein dafür, wie die Arbeitssituation im Kulturbereich ist – aber irgendwie scheinen alle es so hinzunehmen, die Institutionen und die Studierenden gleichermaßen. Nur so funktioniert ja der Markt – Angebot und Nachfrage. Es müsste nur eine der beiden Parteien endlich anfangen, entweder das Angebot oder die Nachfrage zu reduzieren und schon würde Bewegung in die Branche kommen.

      Viele Grüße, Angelika

    2. So wie die meisten Unis mit ihren SHKs umspringen sollten die sich nicht grade aus dem Fenster lehnen…

  5. Liebe Angelika,

    es gibt da noch eine weitere Berufsgruppe, die ich gerade nicht in Deinem Text gefunden habe, die sogenannten studentischen Hilfskräfte.
    Da ich sehr viele Einrichtungen von innen gesehen habe und viele Kunsthistoriker kenne, kann ich sagen, dass die direkt einen Vertrag als studentische Hilfskraft in Museen bekommen haben. Wie der vergütet ist, weiß ich nicht.
    Aber das wäre auch sehr interessant in diesem Zusammenhang danach zu fragen.

    Liebe Grüße
    Wera

    1. Liebe Wera,

      es stimmt, dass ich die Hilfskraftstellen hier ausgeklammert habe. Vor Einführung des Mindestlohns waren diese Stellen auf jeden Fall unter Mindestlohnniveau vergütet (meist um die 6 Euro/h), aber damit deutlich besser als Praktikumsstellen. Aus meiner Erfahrung heraus hatten diejenigen mit entsprechenden Stellen später deutlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, als diejenigen, die nur eine Hand voll Kurzzeitpraktika absolviert haben.
      Leider weiß ich nicht, wie sich dieser Stellenmarkt nach Einführung des Mindestlohns entwickelt hat.

      Viele Grüße, Angelika

  6. Liebe Angelika,

    super, dass Du das Thema weiter verfolgst. Ich habe Ende 2013 live erlebt wie das Thema Mindestlohn in Museen diskutiert wurde, möchte hier allerdings mal keine nennen. Jedenfalls wird definitiv in vielen nun auf Praktikanten verzichtet bzw. es werden nur noch die von dir erwähnten Pflichtpraktika angeboten. Natürlich liegt das auch daran, dass man sich das Geld sparen will. Das Argument der knappen Mittel lasse ich nicht gelten, denn das ist ja albern. Dann kann man halt keine Praktika anbieten. Aber was ich festgestellt habe, ist dass der Mindestlohn vor allem eine Furcht vor Revolte der Volontäre in einigen Häusern ausgelöst hat, denn die könnten natürlich zurecht protestieren, wenn Praktikatrn mehr verdienen als sie selbst! Da Volontäre für die meisten Häuser auch ungleich wichtiger sind als Arbeitskräfte, immerhin bleiben sie zwei Jahre und kosten fast nichts, möchte man diese nicht verlieren oder gar mehr dafür zahlen müssen.
    Also machen wir uns nichts vor dem Kulturbereich hat es überhaupt nicht geholfen. Und die meisten meiner Freunde, die BWL oder Jura studiert haben, wurden auch vorher schon für Praktika bezahlt^^

    Liebe Grüße
    Michelle

    1. Liebe Michelle,

      völlig richtig. Während in anderen Branchen auch Praktikanten ganz selbstverständlich eine Vergütung für ihre Arbeit bekommen, hat man sich im Kulturbereich gerne damit arrangiert, dass Praktika ohne Vergütung angeboten werden. Hätte man hier wirklich etwas von Regierungsseite ändern wollen, wie groß angekündigt war, hätte man keine Schlupflöcher lassen dürfen, um den Mindestlohn zu umgehen. Und dazu zählen natürlich auch Volontariate. Es ist völlig absurd, warum es hier keine Mindestlohnpflicht gibt. Wieso sollte eine Vollleitstelle mit 50% von etwas vergütet werden?

      Leider wird immer gemahnt, der Kultursektor erleidet schlimme Einbrüche, wenn die Option auf diese günstigen Arbeitskräfte fehlt. Ähnliche Debatten gab es ja bei der Abschaffung der Wehrpflicht im Hinblick auf den Verlust der Zivieldienstleistenden. Statt dessen gibt es nun FSJ und Bundesfreiwilligendienst – insofern kann man davon ausgehen, dass auch für den Kulturbereich immer neue „Möglichkeiten“ gefunden werden, wie eine geringe Bezahlung gerechtfertigt wird.

      Viele Grüße, Angelika

  7. Ihr Lieben,
    leider gibt es scheinbar wirklich die Einstellung, man könne froh sein, dass man die Praktikums- oder Volostelle und damit eine Chance bekommen hat – trotz oft umfangreichen Vorerfahrungen.
    Hiwi-Stellen sind zwar schön und gut, aber auch keine Garantie. Es kommt ganz darauf an, was man da gemacht hat, und ob das zu der Stelle passt, auf die man sich bewirbt. Wenn man semesterlang nur dem Prof die Präsis gebastelt und Bücher aus der Bibliothek geholt hat (das war bei uns nicht selten), kann man damit später in einer Redaktion, in der Ausstellungskonzeption oder der P&ÖA nichts anfangen. Dann lieber einen hilfreichen Nebenjob außerhalb der Uni, aber auch die gibts nicht wie Sand am Meer.
    Bundesfreiwilligendienst ist auch so eine Sache. Da bekommt man kein Gehalt, sondern nur eine Aufwandsentschädigung von ca. 300 bis 400€, muss sich selbst krankenversichern, Wohnung bezahlen etc. – wohlgemerkt für ein Jahr und in Vollzeit, denn Teilzeit ist nur für über 27-Jährige möglich. Für die Zeit nach dem Abi mag das in Ordnung sein, aber nach dem Studium ein Unding. Ich weiß nicht, ob sich hier mit dem MiLoG etwas geändert hat, könnte mir aber vorstellen, dass das ein letzter Strohhalm ist, nach dem die Kultur bald greift.

    1. Liebe Kristin,

      die Einstellung, dass Praktikanten vor allem dankbar für die Chance sein sollten, die ihnen geboten wird, untermauert sicherlich den Anspruch es müsste nicht oder nur gering vergütet werden. Gerne wird ja auch bei Volontären immer betont, wie glücklich man sich doch schätzen könne, unter all den Bewerbern ausgewählt worden zu sein. Das wurde mir auch von vielen Bekannten berichtet.

      Und natürlich ist man auch glücklich, dass man es bis dahin geschafft hat. Aber das darf auch nicht blind dafür machen, dass man teilweise sehr anspruchsvolle und manchmal sogar körperlich harte Arbeit leistet und dafür nicht angemessen bezahlt wird. Fehlt nur noch, dass jemand auf die Idee kommt die „Ausbildung“ gegen Gebühren anzubieten.

      Viele Grüße, Angelika

  8. Liebe Angelika,

    vielen Dank dafür, dass du dieses Thema aufgreifst.

    Vor knapp 10 Jahren habe ich einen kleinen Beitrag über eine Podiumsdiskussion zu Praktika (anlässlich des kunsthistorischen Studierendenkongresses) gemacht und ich muss sagen, dass sich die Situation seither nicht grundlegend verändert hat: Damals hatte ich bereits zwei Praktika absolviert. Obwohl es ein finanzielles Desaster war, hatte ich das Gefühl, viel gelernt zu haben.
    In der Zwischenzeit sehe ich die ganze Angelegenheit immer kritischer. Die Chance, Praxiserfahrung zu sammeln mag bestehen, aber das Argument Ausbeutung wiegt einfach zu schwer. Damals wie heute spricht man in der Branche ungern darüber. Und wenn, dann wird das Praktikum überwiegend einseitig als Entgegenkommen von Seiten der Institution dargestellt. Auch scheint mir, dass besonders im Kunst- und Kulturbereich Idealismus zählen, es gilt als geradezu unfein, nach Geld zu fragen, besonders wenn man am Karriere-Anfang steht. Auch führt Wettbewerbsdruck dazu, sich dann doch in unbequeme Praktikumsverhältnisse zu fügen.
    Letztlich wird aber dadurch der ohnehin knappe Stellenmarkt für Geisteswissenschafter_innen noch stärker limitiert. Ich kann mir nach wie vor nicht vorstellen, dass die Praktikums-Rochaden, mit Hilfe derer Stellen eingespart werden, nachhaltig nützlich für die Institutionen sein sollen.

    Dass das neue Gesetz auf die geschilderten Weisen umgangen wird, ist traurig, war aber zu erwarten. Deine Recherche finde ich sehr erhellend, sie kann hoffentlich als Denkanstoß dienen.

    Es grüßt,
    Maria

    1. Liebe Maria,

      in der Tat hat sich in den letzten Jahren nicht viel im Kulturbereich verändert. Mein erstes studienbegleitendes Praktikum (natürlich unbezahlt) ist auch mittlerweile 10 Jahre her. Damals hatte ich übrigens nicht das Gefühl ich hätte irgendetwas gelernt und fühlte mich einfach nur ausgenutzt. Heute gebe ich das Praktikum nicht mal mehr im Lebenslauf an, weil es absolut sinnlos war. Ich bin mir sicher, dass es genau diese Art von sinnlosen Praktika viel zu oft gibt, wo man einfach nur arbeitet und nichts lernt. Und je mehr der Ausbildungsaspekt fehlt, umso gerechtfertigter ist eine angemessene Bezahlung. Schließlich funktioniert die Logik ja auch in die andere Richtung.

      Wie du schon schreibst, man spielt hier einfach mit dem Idealismus der Bewerber, dass es sich hier um den „Traumjob“ handelt. Zu sehr ist diese Einstellung „In der Branche ist das eben so“ verbreitet und auch die Studierenden haben das teilweise so verinnerlicht, dass es nicht mehr hinterfragt wird.

      Viele Grüße, Angelika

  9. Liebe Angelika, liebe Wera,

    zu den Hilfskraftstellen kann ich sagen, dass ich 12€ die Stunde verdient habe, was ein weiterer Grund war, die Idee eines Volos nachdem Abschluss abzulehnen! Warum sollte man nach dem Studium für weniger Geld arbeiten?! Naja aber die Bezahlung ist sicher sehr unterschiedlich.
    Für die Verlagsbranche kann ich sagen, dass dort viel passiert. Unter anderem durch Initiativen wie die „Jungen Verlagsmenschen“ die sich sehr sichtbar deutschlandweit einsetzen. Alle Volos die ich dort kenne bekommen 1600€ und mehr im Monat. Wenn jemand noch keine Erfahrung hat, finde ich das akzeptabel, wenn auch nicht berauschend!
    Selbstverständlich bleibt auch hier die Problematik der Anschlussstellen.
    Zu den Verträgen auf rein rechtlicher Ebene: ein Volontariat ist mit einem Sondervertrag geregelt, der damit per se genau wie Ausbildungen nicht unter das reguläre Arbeitsgesetz fällt. Ausbildungen sind allerdings meist tariflich geregelt und natürlich auch nicht mit Volos vergleichbar, da Azubis ja noch keinen Abschluss haben (in der Regel).
    Und problematisch bleibt auch, dass die meisten die Situation kennen, aber ungern auf die zusätzlichen Kräfte verzichten wollen. Ist dann doch jeder sich selbst am nächsten habe ich oft das Gefühl. Denn auch ein Direktor könnte natürlich sagen, dass unter seiner Führung keine unterbezahlten Volontäre eingestellt werden. Aber da sind wir wieder bei den Einhörnern!
    Viele Grüße
    Michelle

    1. Liebe Michelle,

      ich würde mir wünschen, dass besonders die großen Museen, die doch sonst in allem als Vorbilder für die kleineren gelten, hier ein Zeichen setzen würden, was Praktikanten und Volontäre angeht. Vielleicht könnten sie sich zu einem Aktionsbündnis „Faire Museumsjobs“ zusammenschließen. In der Wirtschaft gibt es ähnliche Initiativen, aber gerade im Kulturbereich – der ja immer als gesellschaftlich besonders relevant gilt – gibt es so etwas nicht. Traurig…

      Viele Grüße, Angelika

  10. Danke auch für diesen tollen Beitrag!

    Ich möchte noch hinzufügen, dass ich kürzlich bei meinem (inzwischen Ex-)Arbeitgeber extra an einer Einführung der Personalchefin zum Thema Praktikantenregelung teilnehmen musste. Das Fazit der Veranstaltung war, dass wir belehrt wurden, wie wir den Mindestlohn am besten umgehen, weil es ja natürlich „nicht im Interesse des Arbeitgebers sei, für Praktikanten Geld auszugeben“.

    Ich bin eigentlich ein großer Befürworter des Mindestlohns, weil ich finde, dass gute Arbeit auch entsprechend entlohnt werden muss. Leider gibt es da zu viele Schlupflöcher. Insbesondere Volontariate müssten definitiv anders bewertet werden.

    PS: Wenn man übrigens mal bedenkt, dass es sich tatsächlich um einen MINDEST-Lohn handelt, den man z.B. auch für extrem einfache Tätigkeiten bekommt, ist es eigentlich schon ein Unding, Leute mit Studienabschluss damit abzuspeisen. Als Studentische Hilfskraft erhielt ich bereits knapp 11 Euro pro Stunde….

    1. Hallo Freddy,

      man könnte vermuten, dass nicht nur in deiner früheren Institution eine solche Vorgabe bezüglich der Einstellung von Praktikanten gemacht wird. Der Bewerberpool ist auch hier ausreichend groß, um sich nur mit Pflichpraktikanten eindecken zu können und freiwillige Praktikanten nicht nehmen zu müssen. Wenn nicht von staatlicher Seite eine Regelung zum Mindestlohn getroffen wird, die auch freiwillige Praktikanten und Volontäre einschließt, habe ich keine große Hoffnung, dass sich im Kulturbereich in der nächsten Zeit etwas ändern könnte.

      Viele Grüße, Angelika

  11. Liebe Angelika,

    das wäre mal toll! Man könnte sogar sowas wie ein Qualitätssiegel vergeben, angelehnt an die Wirtschaft, sowas wie „Fairer Arbeitgeber – Faire Bezahlung“. Das gilt dann auch nicht nur für die unteren Berufsgruppen sondern für alle, denn es ist ja nicht so als würde sich das nicht durch alle Ebenen und Abteilungen ziehen. Ich habe festgestellt, dass die Vermittlung oft noch schlechter darsteht als die PuÖ oder das Marketing. Die meisten Museen, die ich kenne beschäftigen einen Pädagogen in Teilzeit und ansonsten ausschließlich Volos und freie Mitarbeiter. Auch das ist defacto ein Weg Ausgaben und Stellen zu sparen.

    Erst gestern habe ich wieder mit einer Mitarbeiterin eines der größten Häuser in Deutschland gesprochen, auch dort direkte Anweisung von oben nur „Pflichtpraktikanten“ anzustellen.
    Leider musste ich aber auch wieder feststellen, ohne jemanden persönlich angreifen zu wollen, dass viele die ein Volo hinter sich haben, beginnen das System zu rechtfertigen. Da hört man dann schnell, dass ja wenigstens Überstunden bezahlt werden und dass man das eben einfach machen müsse, wenn man im Museum arbeiten will. Ach ja und natürlich auch, man lernt ja soviel. Was sicherlich richtig ist, ich habe auch in meinen unvergüteten Praktika wahnsinnig viel gelernt. Trotzdem musste ich am Wochenende arbeiten um mir das Praktikum „leisten zu können“. Es würde allen helfen sich einzugestehen, dass das System besch**** ist! Punkt. Ohne Wenn und Aber. Auch als Manager oder Direktor lernt man jeden Tag dazu und niemals aus^^ die Rechtfertigung kann ich also nicht gelten lassen.

    Ich kenne übrigens um auch etwas positives zu sagen, viele die sich gegen eine Volo entschieden haben und trotzdem fantastische Jobs bekamen. Auch in der Kultur 😉

    Liebe Grüße
    Michelle

    1. Liebe Michelle,

      leider verklären einige im Rückblick ihre Praktika bzw. Volontariate, denn man war in einem netten Team, hat viel gelernt und konnte seinem Traumjob nachgehen. Und trotzdem ist die geringe (oder fehlende) Vergütung nicht angemessen – unabhängig der anderen Faktoren. Es wäre hilfreicher, wenn einige im Kulturbereich ihre eigene Situation deutlich kritischer bewerten würden und nicht einfach nur überglücklich wären, dass sie überhaupt eine solche Stelle bekommen haben.

      Und du hast Recht hier anzumerken, dass es im Kulturbereich auch durchaus ohne Volontariat geht! 😉

      Viele Grüße, Angelika

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