Berufsperspektiven für Geisteswissenschaftler – How low can you go?

„Was nichts kostet, ist nichts wert.“ Dieses Zitat stammt von Albert Einstein. [1] Schaut man sich die Gehälter in Berufen an, für die ein geisteswissenschaftliches Studium die Voraussetzung ist, welche Schlussfolgerungen lassen sich hieraus ziehen?

Märkte werden von Angebot und Nachfrage bestimmt; wo zu viel Angebot ist und zu wenig Nachfrage, sinken die Preise. Warum für etwas viel Geld ausgeben, was man auch günstig bekommen kann? Man hat schließlich nichts zu verschenken, man muss Mittel einsparen, Ausgaben reduzieren und wenn man schon keine Gewinne erwirtschaften kann, muss man zumindest das Defizit minimieren. In kaum einem Bereich ist das so zutreffend wie im Kultur- und Bildungswesen, also in den Branchen, in denen überwiegend Geisteswissenschaftler arbeiten.

 

Mit dem Zweiten bewirbt man sich besser

Im Frühjahr 2015 machte das ZDF in der Netzcommunity und auch in den Medien von sich reden. Man suchte eine/n „Sachbearbeiter/in (Corporate Social Media Manager)“. Das Wort „Sachbearbeiter“ beschreibt den Kern des Problems, wie Henner Knabenreich bei personalmarketing2null treffend feststellte, denn hieraus  lässt sich der Stellenwert ableiten, den das ZDF dieser Tätigkeit beimisst. Auch wenn der Begriff später aus der Stellenausschreibung entfernt wurde, der „Sachbearbeiter“ bleibt negativ im Kopf – zumindest denjenigen, die in Sozialen Netzwerken unterwegs sind, also der Hauptzielgruppe der Stellenausschreibung.

Umso trauriger erscheint jetzt die Stellenausschreibung der Stiftung Haus der Geschichte Bonn (u.a. bei H-Soz-Kult), denn auch hier wird ein/e „Sachbearbeiter/in für die Online-Redaktion (Entgeltgruppe 9b TVöD)“ gesucht. Bei der Stiftung blieb die Debatte um die Art und Weise der ZDF-Stellenausschreibung vor wenigen Monaten offensichtlich nicht im Kopf – oder war nicht bekannt. Wie sonst ist es zu erklären, dass wieder das Wort „Sachbearbeiter“ fällt? Wie ist es außerdem zu erklären, dass – genau wie beim ZDF – auch bei der Stiftung Haus der Geschichte Bonn zu lesen ist: „Von E-Mail Bewerbungen bitten wir Abstand zu nehmen.“ ?

Screenshot vom 02.09.2015 - http://www.hsozkult.de/job/id/stellen-11995

Screenshot vom 02.09.2015 – http://www.hsozkult.de/job/id/stellen-11995

 

An den erwarteten Qualifikationen wird nicht gespart

Ein Onlineredakteur, der sich nicht online bewerben darf und als Sachbearbeiter gilt – sorgt das bei potentiellen Bewerbern für positive Aufmerksamkeit und für einen Anreiz die Jobchance zu ergreifen? In jeder anderen Branche würden geeignete Kandidaten um diese Stelle einen großen Bogen machen. Doch es geht um den Kultur- und Bildungsbereich. Vom Traumjob für viele Geisteswissenschaftler schreckt weder die Berufsbezeichnung, noch der Bewerbungsweg und auch sicher nicht das Gehalt ab.

 

Folgende Anforderungen sollte ein Bewerber mitbringen:

„Gesucht werden Bewerber/innen mit einem abgeschlossenen Magister- bzw. Master-Studium der Geschichte, Politik- oder Medienwissenschaft mit nachgewiesenen Kenntnissen der deutschen Zeitgeschichte oder einem Magister- bzw. Masterstudium der Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Kulturgeschichte. Webaffinität, sicheres und zielgruppenspezifisches Schreiben, gute Kenntnisse in der Bildbearbeitung, Erfahrungen im Umgang mit Datenbanken und Content Management Systemen sowie ein ausgeprägtes technisches Verständnis sind Einstellungsvoraussetzung. Erwünscht sind Erfahrungen mit Medien in Ausstellungen.“

 

Für eine anspruchsvolle Tätigkeit, werden umfangreiche Qualifikationen vorausgesetzt, und zwar nicht nur ein einschlägiger Hochschulabschluss (kein B.A.), sondern auch praktische Kenntnisse, wie sie etwa im Rahmen eines Volontariats vermittelt werden. Die Ausschreibung legt nahe, dass es sich nicht um eine Einstiegsposition handelt, sondern um eine Position für Young Professionals mit erster Berufserfahrung (z.B. durch ein Volontariat.) Die Vergütung beträgt (laut Gehaltsrechner für den Öffentlichen Dienst – Entgeltgruppe E 9b, Stufe 1 im Bereich Bund, Tabelle 01.03.2015 – 29.02.2016) im Grundgehalt 2.586,77 Euro. Netto blieben in Lohnsteuerklasse I dann 1.692,55 Euro.

Fragt man Absolventen anderer Fachrichtungen oder diejenigen, die eine Berufsausbildung absolviert haben, ob dies ihrem Ermessen nach eine attraktive Vergütung sei, sollte man sich von deren Reaktionen nicht überraschen lassen. Fakt ist, Geisteswissenschaftlern erscheint diese Vergütung durchaus attraktiv, besonders wenn sie ihr Studium gerade abgeschlossen haben oder ein Volontariat mit einer Vergütung von meist zwischen 1.100,- und 1.550,- Euro absolviert haben – wohl gemerkt brutto.

Die Stiftung Haus der Geschichte Bonn wird sich keine Sorgen um einen Mangel an qualifizierten Bewerbern machen müssen. Es werden vermutlich auch zahlreiche Kandidaten mit abgeschlossener Promotion darunter sein, die bereit sind, für dieses Gehalt zu arbeiten. Alternativ lockt sonst eine zeitgleiche Ausschreibung für Volontariate in der selben Institution, für die eine abgeschlossene Promotion Bewerbungsvoraussetzung ist.

 

Angebot und Nachfrage für Geisteswissenschaftler

Der Kultur- und Bildungsbereich bleibt für die meisten Geisteswissenschaftler das Berufsziel erster Wahl, davon abgesehen, dass viele das Berufsfeld als einzig denkbares für ihre Qualifikation wahrnehmen, obwohl vergleichbare Stellen in anderen Branchen deutlich anders vergütet werden. Die Nachfrage nach Stellen im Kultur- und Bildungsbereich übersteigt dennoch nach wie vor bei weitem das Angebot. Verfolgt man die Jobbörse des Deutschen Museumsbunds fällt auf, dass zwar stets Volontariate angeboten werden, die auch häufig im Bereich zwischen TVöD 11 bis 13 (50%) angesiedelt sind, doch Anschlusstellen sind deutlich rarer.

Ein genauerer Blick auf diese Stellen zeigt zudem oft, dass sie mit Entgeltgruppe 9 oder 10 ausgeschrieben sind, insbesondere wenn es um Marketing/ Öffentlichkeitsarbeit (inklusive Social Media) im Museumsbereich geht. Stellen mit TVöD 13 sind in der Branche selten – und wenn, dann ist mehrjährige Berufserfahrung notwendig. Wie diese nach dem Volontariat erworben werden soll, bleibt ein Rätsel.

Gerade im Bereich Marketing/ Öffentlichkeitsarbeit/ Social Media klafft im Kultur- und Bildungsbereich eine große Lücke zwischen Volontariaten und Anschlusstellen. Wie zu Beginn erwähnt, scheint hier die Überlegung zu bestehen: Warum sollte man für etwas mehr Geld ausgeben, das man günstiger haben kann? Man betraut Praktikanten mit dem Community Management, Volontäre erarbeiten ganze Social Media Strategien und App-Konzeptionen. Häufig sind es zudem nicht die Institutionen, die ihre „Auszubildenden“ qualifizieren, sondern es sind die Praktikanten und Volontäre, von deren Social Media Kompetenz profitiert wird.

Statt ausgebildet zu werden (mit einer Vergütung unter dem Mindestlohn), ist in einigen Institutionen das Verhältnis eher umgekehrt: Der Praktikant erklärt den Mitarbeitern Twitter und der Volontär arbeitet andere in WordPress ein. Und wo auf jede Prakikums- und Volontärsstelle im Kultur- und Bildungsbereich mitunter 3-stellige Bewerberzahlen auflaufen, warum sollte man angemessen bezahlte Anschlusstellen einrichten? Es geht immer günstiger…

Der Wert von etwas wird oft daran bemessen, was es kostet. Wenn Geisteswissenschaftler im Bildungs- und Kulturbereich nur gering bezahlt werden, muss man aber die Frage stellen, was diese Qualifikation dort letztendlich wert ist.

 

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[1]  Aphorismus, 20. Juni 1927, Einstein-Archiv 36-582, In: Alice Calaprice (Hg.), Anita Ehlers (Übers.): Einstein sagt. München 1996, S. 125 – Nach: de.wikiquote.org/wiki/Albert_Einstein

Header-Bild: Angelika Schoder – Hamburg, 2015

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58 thoughts on “Berufsperspektiven für Geisteswissenschaftler – How low can you go?

  1. Tine Nowak Antworten

    Ähnliches erlebt man seit Jahren im Bereich der Museumspädagogik, die auch oft +/- TV9 ausgeschrieben waren und sind. Erstaunlich auch, dass TV13 dann oft Leitungsaufgaben beinhalten (wäre TV14). Manchmal wird auch das unterboten. Aktuell gibt es Museumsdirektor/innen-Stelle (allerdings in einem kleinen Museum) für TV11 im der Jobbörse des DMB.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Tine,
      das ist es eben – es gibt außer Volontariaten dann nur noch eine Hand voll TvL13 Stellen, diese dafür aber dann oft mit Leitungsaufgaben. Nach dem Volontariat brauch man sich hier nicht zu bewerben, da man Berufserfahrung braucht. Aber wie soll man diese sammeln, ohne passende Stellen? Davon abgesehen, dass, wie du schon erwähnst, eine Leitungsfunktion auch über der 13 angesiedelt sein müsste… Aber die Realität sieht eben oft anders aus, besonders im Kultur- und Bildungsbereich.

      Viele Grüße, Angelika

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Robert,
      ich könnte mir vorstellen, dass das im Gedenkstättenbereich eine absolut übliche Bewerberzahl ist… Absurd eigentlich.
      Viele Grüße, Angelika

  2. Pingback: Markierungen 09/03/2015 - Snippets

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Charlotte,
      mittlerweile ist das im Museumsbereich eher die Regel und keine Ausnahme. Viele Museen nennen eine Promotion auch als Voraussetzung in der Hoffnung, so den Bewerberansturm zu reduzieren. Dann hat man immerhin nur noch 80-100 und nicht mehr 300-400 Bewerber zu bewältigen. Und wenn man einen höher qualifizierten Bewerber für das gleiche Gehalt bekommt, warum auch nicht…? Es ist eine Art Fahrstuhleffekt (Ulrich Beck), der sich hier zeigt.

      Viele Grüße
      Angelika

  3. Caroline Gabbert Antworten

    Ich kann deine Empörung gut nachvollziehen, zumal die Reaktionen anderer Berufsgruppen auf die eigenen Honorare und Arbeitsbedingungen sehr verletzend sein können. Man gerät dann schnell in einen Rechtfertigungszwang. Aber: deswegen ist das Gras auf der anderen Seite ja nicht unbedingt grüner. (Versuche ich mir immer zu sagen 😉 )
    Und doch: das Gefühl, man arbeitet zu Dumping-Preisen, erscheint mir gerechtfertigt und durch die Strukturen des Kulturbetriebs mittlerweile etabliert. Wenn man noch nicht einmal den eigenen Unterhalt damit bestreiten kann, dann ist irgendwann das Ende dieser Tätigkeit erreicht.
    Ich warte (hoffe) immer noch, dass sich mal alle Unzufriedenen organisieren und eine Öffentlichkeit schaffen.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Caroline,

      auch im Hochschulsektor wird ja immer wieder in letzter Zeit darüber gesprochen, gegen die Befristungen und Schein-Teilzeitstellen zu protestieren. Aber der Protest bleibt bisher aus. Dort und auch im Kultur- und Bildungsbereich könnte man zwar sagen „Wenn sich niemand mehr bewirbt, dann werden sie schon sehen…“ – aber es werden sich immer Bewerber finden, die unter prekären Beschäftigungsbedingungen ihrem „Traumjob“ nachgehen wollen.
      Es stimmt schon nachdenklich, wenn man sich in bestimmten Bereichen den Fachkräftemangel anschaut und dann im Museumsbereich hört, dass auf eine Stelle (siehe Marie Hubers Kommentar) von 4-stelligen Bewerberzahlen hört.

      Viele Grüße, Angelika

  4. Kristin Oswald Antworten

    Liebe Angelika,

    ehrlich gesagt finde ich es wunderbar, dass du über solche Ausschreibungen nach wie vor aufregen kannst. Für viele – und ich schließe mich da nicht aus – gehören solche Stellen und das dahinterstehende Verständnis der ausgeübten Tätigkeit zum Alltag, möchte man in der Kultur arbeiten – wohlgemerkt ohne zu forschen, denn Forschung nimmt in der Wahrnehmung vieler Häuser eine völlig andere Stellung ein als Kommunikation.
    Nun finde ich die Bezeichnung Sachbearbeiter und auch den Postweg nicht so schlimm, beide werden nicht vom Personalverantwortlichen und auch nicht vom Abteilungsleiter festgelegt, sondern von den Vorgaben des öffentlichen Dienstes bestimmt – ähnliche wie zum Beispiel die SPK ihre Volontäre „wissenschaftlicher Museumsassistent in Fortbildung nennt“ oder sich Vologehälter und -konditionen oft an der Besoldung von Beamten in Ausbildung orientieren, obwohl heute niemand mehr nach einem Volo verbeamtet wird. Viel schlimmer sind aber, das gebe ich dir Recht, die immer geringeren Chancen auf Jobs oder Übernahme nach dem Volo oder die sinkenden Eingruppierungen trotz immer höherer Anforderungen auch in nicht-forschenden Tätigkeiten, die leider immernoch oft als nicht-wissenschaftlich betitelt werden. In meiner Zeit im AK Volontariat des DMB habe ich hier Argumente gehört, bei denen sich mir alles sträubt. Zwar können die Häuser oft nichts dafür, was für Stellen sie besetzen können, wohl aber, wie sie das tun, auf welche Qualifikationen Wert gelegt wird und wie es mit Aspekten wie strategischer Personalentwicklung, gezielten Weiterbilungen usw. aussieht. Da ist es zwar schön, Prof. Dr. zu sein, von Leadership muss man deswegen aber noch lange nichts gehört haben.
    Ich hege die Hoffnung, dass sich in den nächsten Jahren beim fachlichen Nachwuchs vielleicht mehr ein Gefühl für solche Dinge und eigene Ansprüche an einen guten Job entwickelt und die Häuser dann auch mal erfahren, wie es ist, wenn es nicht genügend Bewerber gibt oder die guten Leute wieder gehen wollen. Und dass die frei werdenden Stellen mit Menschen besetzt werden, die ein anderes Verständnis von Lohn, Aufgaben und Verantwortungsbereichen einer Kulturinstitution haben. Vielleicht gründe ich bis dahin doch noch ein Start-Up für „Bullshit Replacement Management in der Kultur“ 🙂

    Liebe Grüße,
    Kristin

    • Tine Nowak

      Mich stört auch nicht unbedingt der „Sachbearbeiter“, aber auch diese Stelle lässt sich unterschiedlich bergünden und entlohnen, vgl. die aktuelle Ausschreibung beim DMB Sachbearbeiter/in Haus der Geschichte und der Kunsthalle. Dass die Entlohnung selten so ist, wie die Eingruppierung es vorsieht: geschenkt. Dass die Museen gerne qualifizierte Mitarbeiter/innen wollen: klar. Aber dann sollte man in der Ausschreibung von TV 9 nicht einen Universitätsabschluss verlangen, sondern auch die Abschlüsse hineinschreiben, die der Eingruppierung entsprechen. Es werden sich ja doch alle anderen, Promotion eingeschlossen, bewerben.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Tine,
      aber stell dir vor, man würde in der Ausschreibung die Qualifikation noch erweitern, etwa einen FH-Abschluss oder Berufsausbildungen einbeziehen. Man müsste dann wahrscheinlich einen neuen Mitarbeiter einstellen, alleine um die dann noch höher ausfallenden Bewerberzahlen abzuarbeiten… :-/

      Viele Grüße, Angelika

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Kristin,

      fast jeder liest regelmäßig solche Ausschreibungen und nimmt es kopfschüttelnd hin – geht mir auch so. Aber diesmal riss mir der Geduldsfaden – kann sein, dass es am „Sachbearbeiter“ lag und daran, dass Assoziationen zur Debatte um die Stelle beim ZDF im Frühjahr bei mir wach gerufen wurden. Wie kann man nach der damaligen Debatte weiterhin den gleichen Fehler machen – inklusive dem Zwang zur Bewerbung per Post? Soll das Bewerber abschrecken? Vielleicht ja, denn in dieser Branche ist man vielleicht dankbar für jeden, der sich nicht bewirbt.

      Es geht mir auch nicht darum, wie sich die Stelle organisatorisch in die Personalanforderung einfügt, sondern um der Stellenwert, der im Begriff „Sachbearbeiter“ mitschwingt. Onlineredaktion hat mit sehr hoher Kreativität und Flexibilität zu tun, mit Wochenendarbeit und gefühlter 24h Einsatzbereitschaft. Die eigentlichen Anforderungen des Berufs werden weder durch die Stellenbezeichnung noch durch die Vergütung gespiegelt. Es fehlt seitens der Institutionen auch dass Bewusstsein, dass man in dem Beruf teilweise extreme Arbeitszeiten und auch eine extreme psychische Belastung hat.

      Es wäre wünschenswert, dass sich die Bedingungen ändern – aber ich befürchte in diesem Bereich wird es nie zu einem Fachkräftemangel kommen, wie in anderen Branchen. Da ohnehin die Stellen meist befristet sind, wird zusätzlich Druck ausgeübt – wer die Arbeitsbedingungen nicht hinnimmt oder mehr Gehalt will, wird dann einfach nicht verlängert. Ich bin da leider sehr pessimistisch…

      Viele Grüße, Angelika

    • Tanja Neumann

      Liebe Angelika, liebe Kristin, liebe Tine,

      ihr erinnert mich an einige „Angebote“, die ich dieses Jahr erhalten habe… Ja, ich habe eine Bezahlung nach TVÖD 9 abgelehnt. Ich bin sehr dankbar, dass ich in der glücklichen Lage war, das tun zu können. Die Begründung für diese Einstufung war, dass Teile (!) der Tätigkeit „sachbearbeitend“ – hier verstanden als Gegenteil von „kreativ“ – wären. Darunter fielen Dinge wie ans Telefon gehen, die Materialien fürs Marketing selbst bestellen, geschriebene Texte selbst ins Netz stellen etc.

      Ich habe seitdem eine Allergie gegen das Wort „Sachbearbeiter“ entwickelt. Nicht, weil mir ein Zacken aus der Krone bräche. In meiner persönlichen Wahrnehmung ist die Trennung in „sachbearbeitend“ und „kreativ“ oder „wissenschaftlich“ überflüssig. Wenn das Papier und die Druckerpatronen alle sind und das Licht aus, weil keiner die Stromrechnung bezahlt hat, findet keine Art von Arbeit mehr statt. Aber das Erlebnis hat mir klar gemacht, dass man leider in gewissen Kontexten dafür sorgen muss, dass solche „banaleren“ Tätigkeiten unsichtbar bleiben. Ich schreibe also gern Texte fürs Netz, aber wie die da hingekommen sind? Keine Ahnung. 😉

      Viele Grüße,
      Tanja

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Tanja,

      danke für deine Schilderung. Mir ist in der Vergangenheit etwas ähnliches passiert, wo mir eine TvL9 Stelle angeboten wurde und mir auch auf Nachfrage erklärt wurde, dass die Stelle ja keine höhere Qualifikation erfordere. Diese Stelle habe ich auch ausgeschlagen, denn ich dachte mir, dass sie mir die Stelle dann wohl „versehentlich“ angeboten haben… Man war dann ziemlich empört, dass ich abgelehnt habe. Vielleicht hätte ich ihnen gegenüber meine Empörung zum Ausdruck bringen sollen, dass sie mir die Stelle angeboten haben – und zwar auf eine Art die suggerierte, dass man mir einen großzügigen Gefallen täte. 😉

      Mag sein, dass der Hintergrund bei einigen Institutionen der ist, dass sie nicht mehr Mittel zur Verfügung gestellt bekommen und deshalb eine anspruchsvolle Tätigkeit nicht höher ausschreiben dürfen bzw. sie als Sachbearbeiterstelle deklarieren müssen. Das Problem ist aber, dass es sich tatsächlich oft um Stellen handelt, die wirklich weit über die reine „Sachbearbeitung“ hinaus gehen. Wer nur einen Sachbearbeiter zahlen kann, sollte aber bitte auch die entsprechenden Qualifikationen verlangen. Ein höherer Studienabschluss (der wissenschaftliche Kenntnisse und Fähigkeiten impliziert), einschlägige Berufserfahrung mit Medien, hohe Kreativität und mitunter ständige Einsatz- und Abrufbereitschaft klingen für mich aber nicht nach „Sachbearbeitung“.
      Die Frage ist auch, wie kann es sein, dass Volontariate mitunter als TvL13 deklariert werden – mit 50% selbstverständlich, da man ja in der „Ausbildung“ ist – und als Anschlusstelle gibt es dann, wenn überhaupt, nur TvL9 und 10 Stellen? Wo sind die TvL13 Stellen, für die man doch vorher noch als adäquat eingeschätzt wurde?

      Viele Grüße
      Angelika

    • Kristin Oswald

      Liebe Tanja, liebe Tine, liebe Angelika,

      natürlich sagt die Beschreibung „Sachbearbeiter“ aus, dass es nicht als kreative oder wissenchaftliche Tätigkeit eingestuft wird. Ich befürchte, dass das auch noch eine Weile so bleiben wird. Zum einen, weil vorher ein Verständnis und die Strukturen dafür geschaffen werden müssten, dass digitale Kommunikation intern und extern, die Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen und der Außenwelt verbindet und nicht nur das aufarbeitet, was die anderen, die Kreativen oder die Wissenschaftler im Haus machen. Schlagwort „vernetztes Museum“ von Sabine Jank. Ein wunderbares Konzept.
      Zum anderen habe ich auf der diesjährigen Bundesvolontärstagung Herrn Köhne, den Leiter des DMB, sprechen hören und wäre beinahe aus meinem Stuhl gesprungen. Er fände es angebracht, wenn nicht-wissenschaftliche Tätigkeiten schon im Volo geringer bezahlt würden und meint, wenn es z.B. aufgrund einer fehlenden Promotion nicht für die „richtige“ Arbeit im Museum reiche, müsse man sich eben mit P&ÖA/ Social Media und weniger Geld zufrieden geben. Und solange der Präsident des DMB eine solche Meinung vertritt und ich immer wieder erlebe, sich auch die AKs und AGs des DMB nicht zu schwierigen Themen äußern wollen, ja uns zum Teil bitten, nicht darüber zu schreiben, sehe ich ehrlich gesagt schwarz.
      Leider weiß ich keine Lösung. Ich denke, dazu sind viele Dinge notwendig. Ein anderes Museumsverständnis bei den Führungskräften, ein stärkeres Selbstbewusstsein bei den (potentiellen) Mitarbeitern und eine andere Wahrnehmung in Politik und Öffentlichkeit – hier werden solche Probleme ja kaum reflektiert. Lasst uns lobbyieren 🙂

      Liebe Grüße,
      Kristin

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Kristin,

      was soll man zu so einer Aussage wie von Herrn Köhne sagen? Ich würde darauf gerne entgegnen, dass wenn Presse- und Öffentlichkeitsarbeit als so gering eingeschätzt wird, warum man diese Stellen dann nicht jemandem mit Berufsausbildung gibt? Komisch dass diese Stellen aber immer für Bewerber mit abgeschlossenem Hochschulstudium ausgeschrieben sind, und zwar Master oder Magister – manchmal auch „Promotion erwünscht“. Bildungs- und Kultureinrichtungen würde ich wünschen: Wer „Sachbearbeiter“ bezahlt, soll auch Sachbearbeiter bekommen – nicht mehr. Und dann: Viel Erfolg damit! 😉

      Viele Grüße, Angelika

    • Tanja Neumann

      Liebe Angelika, liebe Kristin, liebe Tine,

      ehrlich gesagt finde ich die Einordnung von Presse, Social Media etc. als „sachbearbeitend“ schlicht kurzsichtig. Das könnte man vielleicht sagen, wenn die Inhalte tatsächlich – und zwar auch adäquat für das jeweilige Format aufbereitet – von den Kuratoren kämen, aber wo passiert denn das verlässlich? In der Praxis sieht es doch so aus, dass man selbst z.B. nach Objekten recherchieren muss, die man vorstellen könnte, und dann auch den Text dazu selbst verfasst. Wenn das Sachbearbeitung ist, dann ist im Museum grundsätzlich wenig zu tun, wofür man höhere Qualifikationen bräuchte.

      Und dass man ohne Promotion nicht für die „richtige Museumsarbeit“ in Frage käme, kann ich auch nicht unterstützen. Wie viele großartige Ausstellungen werden denn jedes Jahr von nicht promovierten Kuratoren gemacht? Damit will ich jetzt nicht den Wert einer Promotion schmälern. Aber auch das ist kein absoluter Wert – eine herausragende Dissertation über Glasmalerei in den Niederlanden (rein fiktives Beispiel) prädestiniert einen doch nicht, in einem Technikmuseum die Sammlung zu leiten oder für ein Stadtmuseum einen Katalog zu machen. Nicht jeder promovierte Wissenschaftler hat Talent dafür, sich in die Lage eines durchschnittlichen Besuchers ohne Vorkenntnisse zu versetzen – das gilt übrigens auch für viele nicht promovierte Kuratoren -, und das ist im Museum doch mindestens genauso wichtig wie ein guter Schreibstil. Ein Teil des Reizes, den die Arbeit im Museum für mich ausgeübt hat, war, dass ich in meiner Anfangszeit das Glück hatte, Kuratoren, Sammlungsleitern etc. zu begegnen, die keinerlei Scheu hatten, die Ärmel aufzukrempeln und mit anzupacken.

      Ich finde, man müsste sich vom Lebenslauf lösen und zumindest auch tatsächlich vorhandene und prüfbare Talente und Fähigkeiten in die Entscheidung mit einbeziehen. Bleibt jemand höflich, wenn ein Besucher unverschämt wird? Kann er einen super recherchierten, aber nun mal im wissenschaftlichen Duktus geschriebenen Text nehmen, die Informationen herausfiltern und daraus einen an die Zielgruppe(n) angepassten, knackigen Ausstellungs- oder Pressetext machen? Hat er eine Idee, wie man das neueste Problem in Sachen Ticketverkauf, Objektschutz oder Informationsfluss im Haus angehen könnte? Ist er bereit, auf die Leiter zu steigen und beim Aufbau zu helfen, wenn die Zeit drängt? Sowas wäre mir wichtiger, wenn ich Leute einstellen müsste. Und wenn man solche Leute gefunden hat, sollte man ernsthaft versuchen, sie zu halten…

      Aber ich stimme dir absolut zu, Angelika: Sollen sie gerne mal zwei Jahre lang tatsächlich Sachbearbeiter einstellen. Entweder haben sie Glück und erwischen Leute, die in ihre Rolle reinwachsen und vielleicht bald den Mut haben, sich auf besser bezahlte Stellen zu bewerben, oder es wird amüsant. 😉

      Liebe Grüße,
      Tanja

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Tanja,
      du beschreibst genau das Problem: Die tatsächlichen Anforderungen an den Beruf können sich nicht aus den Qualifikationen auf dem Papier ableiten lassen. Manchmal vermute ich, dass möglichst umfangreich benannte Qualifikationen bei Stellenausschreibungen einfach so viele Bewerber wie möglich abschrecken sollen. Damit man am Ende nur 100 Bewerbungen bearbeiten muss und nicht 800…
      Viele Grüße, Angelika

    • Kristin Oswald

      Liebe Tanja, liebe Angelika, liebe Tine,

      viele Eigenschaften und Fähigkeiten kann man schon aus einem Lebenslauf lesen – wenn man denn weiß, wie man ihn lesen muss, und sich die Zeit nimmt, nicht nach oberflächlichen Kriterien auszusortieren. Und wenn man weiß, welche Anforderungen die Stelle tatsächlich braucht. Das ist gerade wenn es um Social Media geht ein großes Problem. Kann der Direktor oder die Personalabteilung das einschätzen, es adäquat formulieren, anstatt andere Ausschreibungen zu kopieren, und es im Vorstellungsgespräch dann auch differenzieren? Führungsqualität, ein Gespür für das eigene Haus und die Aufgaben, gute interne Kommunikation und etwas Ahnung von Personalentwicklung würden bei vielen Punkten schon Abhilfe schaffen, denke ich.

      Viele Grüße,
      Kristin

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Kristin,
      man müsste allerdings voraussetzen, dass die Institutionen ausreichend Zeit hätten, sich mit dem Übermaß an Bewerbern intensiv zu beschäftigen. Wenn es teilweise 3- oder 4-stellige Bewerberzahlen gibt, besteht dann überhaupt noch die Chance Bewerbungsunterlagen richtig durchzulesen? Und nimmt man sich bei Vorstellungsgesprächen für die Kandidaten Zeit? Ich hatte Vorstellungsgespräche, wo ich mit 4-5 anderen Bewerbern wie ein Huhn auf der Stange saß und im 15-20 Minuten Rhythmus wurde einer nach dem anderen ins Gespräch gerufen. Ich kenne so viele, denen es bei Bewerbungsgesprächen im Kulturbereich ganz genau so ging. Teilweise scheint es, als gäbe es so viele Bewerber, dass man nur durch Zufall am Ende jemanden herauspickt.
      Viele Grüße, Angelika

    • Kristin Oswald

      Liebe Angelika,
      natürlich, für eine 2-Jahres-Stelle nimmt niemand diesen Aufwand auf sich, leider oft aber auch nicht für unbefristete Stellen oder solche mit viel Verantwortung. Gespräche, bei denen der Bewerber mehr von der Stelle versteht als der Chef, bei denen die Auswählenden sich kaum mit den Bewerbern beschäftigt haben und man völlig banale Fragen beantwortet, kennen wir glaube ich alle. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen 🙂
      Liebe Grüße,
      Kristin

  5. Marie Huber Antworten

    Ich werde nie das Antwortschreiben vergessen, was ich vor zwei Jahren auf eine Bewerbung beim Haus der Geschichte bekommen habe (Mitarbeiter für die Dauerausstellung in der Kulturbrauerei): „Aufgrund von 1237 eingegangenen Bewerbungen nimmt das Auswahlverfahren noch einige Zeit in Anspruch.“

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Marie,
      von einer 4-stelligen Bewerberzahl hatte ich noch nicht gehört – unfassbar! Es ist kein Wunder, dass in Anbetracht dieser großen Nachfrage die Anforderungen gegenüber der Vergütung immer weiter auseinander driften… Man erscheint offensichtlich als „attraktiver Arbeitgeber“ – ein Traum für jeden HR-Verantwortlichen.

      Viele Grüße, Angelika

  6. Cornelia Baddack Antworten

    Vielen Dank für den Beitrag, ich fühlte mich beim Lesen gleich besser, nachdem ich mich gestern über die Stellenausschreibung noch ziemlich geärgert hatte. Dazu fiel mir wieder etwas ein:
    Ich hatte mich Ende 2013 mal auf ein Volo beim HdG Bonn beworben und eine Absage erhalten. Diese fand ich durchaus nachvollziehbar, weil ich die erwartete „Museumsaffinität“ wirklich nicht überzeugend darlegen konnte. Allerdings haben mich damals schon die geforderten Qualifikationen insofern genervt, als der Ausbildungsgedanke eines Volos überhaupt nicht erkennbar war.
    Als dann aber die exakt selbe Stelle kurz darauf erneut ausgeschrieben wurde, war ich doch irritiert und habe mich der Personalstelle erkundigt, wie es sein kann, dass bei einer hohen (in der Absage erwähnten) Anzahl an Bewerbern kein geeignete/r Kandidat/in gefunden wurde. In der Antwort hieß es:
    „Das Auswahlverfahren für die Besetzung der Volontariate ab 1.2.14 wurde ergebnislos beendet, deshalb die Neuausschreibung. Neben der Promotion und nachgewiesenen Kenntnissen in der neuen deutschen Geschichte sollte in der Bewerbung auch eine Affinität zur Arbeit in einem Museum zu erkennen sein. [/| Viele Bewerbungen stehen nicht unbedingt für eine große Auswahl, da ca. 70 % der Bewerber/innen nicht über die geforderte Promotion verfügten oder sie in einer anderen Fachrichtung abgelegt haben. [/] Ich hoffe, Ihre (berechtigte) Irritation hat sich nun verflüchtigt.“
    Tja, irgendwie will sich meine Irritation über/durch das HdG nicht so ganz verflüchtigen – und ich bin wirklich kein nachtragender Mensch. 😉

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Cornelia,
      glücklicherweise sind in Museen zwischenzeitlich Volontariate immer häufiger zumindest nach einem groben Ausbildungsplan ausgerichtet und Schulungen, Weiterbildungen und z.B. Treffen mit anderen Museumsvolos sind fest vorgesehen. Insofern tut sich hier schon einiges, damit das Volontariat tatsächlich eine Ausbildung ist – was dann auch eine Bezahlung unterhalb des Mindestlohns erklären würde. Es stimmt aber auch, dass häufig Qualifikationen von Bewerbern gefordert werden, bei denen man sich fragt, was da noch ausgebildet werden soll. Hier zweifle ich dann schon, ob es gerechtfertigt ist, jemanden der so viel beherrschen soll unterhalb des Mindestlohns zu bezahlen.
      Die von dir erwähnte ergebnislose Bewerbersuche finde ich übrigens auch mysteriös. 30 Prozent geeignete Bewerber wäre in Anbetracht der hohen Bewerberzahl immer noch ein sehr großer Auswahlpool…

      Viele Grüße
      Angelika

  7. Kristin Oswald Antworten

    Es stecken einfach so viele falsche oder schräge Ansätze darin, wie man Stellen und Aufgaben in der Kultur bewertet. Zum einen ist ein Doktortitel an sich eine nur bedingt aussagekräftige Qualifikation, wenn es z.B. um P&ÖA- oder SoMe-Stellen geht. Zu sagen, wenn sich jemand Promoviertes auf eine TVÖD-9-Stelle bewirbt, ist er selbst schuld, kann ja nicht die Lösung sein und garantiert auch nicht, dass derjenige am besten für die Stelle geeignet ist. Zum anderen wird in der Kultur an der Eingruppierung der Wert der Aufgabe fest gemacht bzw. eine „Hierarchie“, die die Komplexität der Aufgabe nicht unbedingt widerspiegelt. Außerdem geht es ja nicht ums Geld allein, sondern, wie du sagst Angelika, darum, zu bemessen, welche Anforderungen und Entscheidungsverantwortungen eine Stelle mit sich bringt, wie flexibel sie gehandhabt werden muss, wieviel Weiterbildungsbedarf besteht und wie ich Mitarbeitern ihren Wert für mein Haus zeigen kann. Leider haben da die Führungskräfte im öffentlichen Dienst oft kaum Möglichkeiten, flexibel zu agieren, oft besteht aber einfach kein Bewusstsein dafür. Von internem Wissensmanagement und gleichbleibender Kommunikation bei ständig wechselnden Mitarbeitern will ich gar nicht anfangen.

    Ich habe in den letzten Jahren zwei Ausschreibungen gelesen, die bei mir das Faß zum überlaufen gebracht haben. Das eine war eine Museumsleitung für ein Thüringer Kleinstadt-Museum, eingruppiert TVÖD 6 und die Aufgaben beinhalteten Ausstellungskonzeption, Kasse, Putzen, Führungen, P&ÖA und Buchhaltung – also alles. Aber immerhin kein Hochschulabschluss als Voraussetzung. Das andere sind Volontariate beim der Kulturdirektion Rheinland-Pfalz. Die Ausschreibungen sind immer 2 Seiten lang und umfassen in der Archäologie: Hochschulabschluss und Promotion, Ausgrabungserfahrung, Kenntnisse der Archäologie aller Epochen und Sparten, der Denkmalschutzgesetze, der P&ÖA und Redaktion, der Restauration, der Ausstellungskonzeption, der Kulturpolitik – also kurz alle Tätigkeiten. Hier bin ich mir ziemlich sicher, dass es darum geht, Bewerber abzuschrecken.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Kristin,
      in der Tat fragt man sich manchmal, wer den teilweise gestellten Qualifikationskatalog erfüllen soll. Und sollte wirklich eine Person die geforderten Qualifikation aufweisen – warum sollte sie zu dem dazu angegebenen Gehalt arbeiten wollen?
      Ein anderer Aspekt ist das Arbeitspensum. Mitunter werden Aufgaben beschrieben, die in einer Vollzeitstelle mit 40 Stunden nicht zu schaffen wären. Lustig wird es dann zusätzlich, wenn die Stellen dann auch noch als Teilzeit mit 50 Prozent deklariert sind. Da fragt man sich schon, wie sich die Institutionen das vorstellen. Als würde man im Supermarkt den Einkaufswagen voll laden, weil man nichts mehr im Kühlschrank hat und alles dringend braucht, obwohl man weiß, dass man nur 10,- Euro dabei hat. Man geht dann mit den Einkäufen an die Kasse und hofft, dass man irgendwie damit durchkommt. Leider klappt das oft genug…

      Viele Grüße, Angelika

  8. Juliane Wünsche Antworten

    Liebe Angelika,

    vielen Dank für deinen Artikel und das du das Thema ansprichst. Das die Bezahlung im Kulturbereich meist in keinem Verhältnis zu den geforderten und geleisteten Aufgaben steht, ist leider traurige Realität. Deshalb kann ich leider nachvollziehen, warum es so viele Bewerber auf diese und ähnliche Stellen gibt. Die 1.629,55 EUR netto sind für alle, die nicht im öffentlichen Dienst arbeiten, oft ein „Vermögen“. Ich denke da zum Beispiel an Regisseure und Schauspieler aus der freien Theaterszene. Die sind froh, wenn sie bei den Besucherdiensten der Staatlichen Museen zu Berlin für 9,00 oder 10,00 EUR brutto arbeiten dürfen – z.B. als Aufsicht oder an der Telefonhotline und natürlich im Schichtdienst.

    Mit ihrer eigentlichen Arbeit verdienen sie nur Geld, wenn ihre Projekte gefördert und damit finanziert werden. Dafür müssen sie beim Projektantrag für die Berechnung des Arbeistaufwandes den Mindestlohn von 8,50 EUR ansetzen. Um Projekte durchzukriegen, kalkulieren sie dann oft viel zu knapp. Wenn das Projekt bewilligt wird, arbeiten sie für das Geld wesentlich mehr als eigentlich vorgesehen. Wie sich dann der Stundenlohn runterbricht, kann man sich ja vorstellen. In privat finanzierten Theaterhäusern, Museen oder anderen Kultureinrichtungen kann man oft froh sein, wenigstens den Mindestlohn zu bekommen.

    Ich habe vor meinem Wechsel in den Kulturbereich als Eventmanagerin bei Daimler gearbeitet. Vor 7 Jahren habe ich dort dreimal so viel verdient wie heute. Ich stelle mir immer öfter die Frage: Wie lange möchte ich noch so weitermachen mit der Selbstausbeutung, nur um in dem Bereich zu arbeiten, der mir am meisten Spaß macht?

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Juliane,
      an Theatern ist die Situation auch mehr als schlimm, völlig richtig. Es sind wirklich „Traumjobs“ um die es sich handelt und sehr viele sind bereit, für ihren Traum enorme Abstriche zu machen. Das schlimme ist, dass der Kultur- und Bildungsbereich aufgrund einer Unterfinanzierung auf diese Mechanismen angewiesen ist.

      Viele Grüße, Angelika

  9. Christoph Antworten

    Liebe Angelika,

    ich finde es schön, wenn immer wieder über die aus der prekären Anstellung entstehenden Probleme diskutiert und berichtet wird und du machst hier auch ins besondere im Hinblick auf die zunehmende Abwärtsspirale in den Löhnen und den Scheinteilzeitstellen deutlich, wo vieles im Argen liegt.

    Dennoch denke ich, dass eine der wichtigsten Dynamiken nicht genug Beachtung findet: Die Abdeckung von dauerhaften, qualifizierten Aufgaben mit Volontär_innen und Praktikant_innen.

    Wenn immer mehr Aufgaben an Menschen in einer scheinbaren Ausbildung vergeben werden, steigt einerseits die Zahl derer, die so etwas schon einmal gemacht haben und dann eine Stelle danach suchen und andererseits sinkt die Zahl der Stellen für diese Leute. Es bleiben also im Extremfall nur noch zeitlich befristete, unterbezahlte Jungabsolventen und entfristete Volontariatsverwalter, die nur noch dafür sorgen, dass die Arbeit von diesen gemacht wird. Das sind dann die Leute mit den 13er Stellen mit Leitungsaufgaben. Die Schere geht also immer weiter auseinander.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Lieber Christoph,
      völlig richtig, bzw. wie oft kommt es sogar vor, dass Volontariate so abgestimmt werden, dass sie sich um ein paar Wochen überschneiden? Dann kann der Vorgängervolontär nämlich seinen Nachfolger einarbeiten – sehr praktisch für viele Institutionen, immerhin geht es teilweise um Aufgaben, für die niemand sonst die Übergabe machen könnte, weil die nötigen Kenntnisse fehlen (Schlagwort Social Media).
      Volontariate werden scheinbar schon lange nicht mehr angeboten, weil man jemanden nach Bedarf ausbilden möchte. Viel mehr scheint es häufig darum zu gehen, eine eigentlich vollwertige Stelle günstig zu besetzen. Ein Indiz für diese These liefert ein Blick in die Jobbörse des Museumsbunds. Wie oft wird hier alle 2 Jahre die identische Stelle ausgeschrieben? Wollte man die Stelle behalten, müsste man doch einfach den Volontär, den man 2 Jahre „ausgebildet“ hat, verlängern – und dann statt bisher mit 50 Prozent nun mit 100 Prozent bezahlen. Aber wie oft kommt das vor?

      Viele Grüße, Angelika

  10. Michelle van der Veen Antworten

    Liebe Angelika,

    ich freue mich sehr, dass du einen Artikel dazu veröffentlicht hast. Das Thema wird uns wohl noch lange beschäftigen. Ich bin jedenfalls nicht umsonst aus dem Museumsbetrieb ausgestiegen. TVöD 9 finde ich noch nicht so dramatisch wie die Leute, die ich kenne, die für TVöD 6 arbeiten, was eigentlich die Eingruppierung einer Sekretärin entspricht.

    Eine Sache fehlt mir allerdings ein bisschen bei der ganzen Diskussion, nicht nur auf deinem Blog, sondern generell. Bei all der berechtigten Aufregung über die Ausbeute in den Kulturinstitutionen gibt es, wie du so schön festgestellt hast, immer dreistellige Bewerberzahlen. Sorry, aber wenn sich keiner bewerben würde, würde sich schneller etwas verändern. Zu jedem Ausbeute-Verhältnis gehören zwei Seiten, das sollte man nicht vergessen! Und jetzt nicht gleich alle aufschreien bitte. Ich weiß, dass es nie so einfach ist, aber ich habe mich selbst früh dazu entschieden, kein Volo zu machen und bin damit ein Risiko eingegangen, dass sich definitiv ausgezahlt hat. Wenn sich viel mehr gegen die Bedingungen stellen, dann wird sich auch eher was ändern!

    Liebe Grüße
    Michelle

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Michelle,

      bei anderen Branchen – in denen hochqualifizierte Bewerber nicht so leicht zu finden sind – sieht man ja, wie es funktionieren kann. Gerade hier in Hamburg erlebe ich bei so vielen Veranstaltungen im IT und Gaming Bereich, dass immer darüber gesprochen wird, wie man ein attraktiver Arbeitgeber werden kann, weil man sonst keine entsprechenden Mitarbeiter findet. Und im Kultur- und Bildungsbereich? Da wird sich bei vielen Institutionen schon lange keine Gedanken mehr darum gemacht, wie man Bewerber von sich überzeugen kann. Wo andere grübeln, mit welcher tollen Jobkampagne und mit was für Anreizen sie auf sich aufmerksam machen können, kann man sich im Kultur- und Bildungssektor darauf verlassen, dass genug geeignete Bewerber froh sind, dass überhaupt eine Stelle frei ist. Das Label „Traumjob“ reicht als Bewerbungsanreiz für viele völlig aus.

      Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wo er sich bewirbt und zu welchen Konditionen er arbeiten möchte. Ich persönlich habe einiges hinter mir und bin zu dem Schluss gekommen: Diese qualifizierte Fachkraft ist dann mal weg. Aber wie gesagt, vielleicht muss jeder da seine eigenen Erfahrungen machen…

      Viele Grüße, Angelika

  11. Anke von Heyl Antworten

    Liebe Angelika,

    dein Artikel zeigt Vieles, was in der Kulturbranche im Argen liegt. Der Arbeitsmarkt der Geisteswissenschaftler ist schon seit Langem geprägt von dieser miesen Stimmung. Und das wirkt sich auf Vieles aus. Schade eigentlich. Da wird dann in Bewerbungen auch nicht auf Augenhöhe kommuniziert. Sondern es werden hierarchische Strukturen manifestiert.
    Ich bin skeptisch, ob sich das irgendwann mal ändern wird. Letztendlich ist alles auch immer die Frage des Geldes. Arbeit gibt es genug, wir können sie nur nicht bezahlen – das ist ein oft gehörtes Argument. So muss jeder für sich die Nische suchen. Ich habe vor nunmehr 13 Jahren beschlossen, mich diesem Bewerbungsstress zu entziehen und mich selbständig zu machen. Das war nicht immer einfach, aber ich bin heute sehr glücklich mit der Entscheidung.
    Was den Bereich Social Media angeht, so hoffe ich doch sehr, dass man da erkennt, wie wichtig Professionalität auf diesem Gebiet ist. Und Kontinuität.
    Schaun wir mal, wie sich das da entwickelt. Aber man hängt natürlich in genau derselben Mangelschleife.
    Es ist gut, das auch weiter zu beobachten, und einen gewissen öffentlichen Druck zu erzeugen, damit da vielleicht ein Umdenken einsetzen kann.
    Viele Grüße von Anke

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Anke,

      das Thema kam auch schon mal in deinem Beitrag „Kultur aus meiner Sicht“ (http://www.kulturtussi.de/kultur-aus-meiner-sicht/) zur Sprache. Das Zitat “Kultur ist, wenn man’s trotzdem macht” ist mir ja besonders aufgefallen. Genau dieses „trotzdem“ finde ich bei der Berufssituation für viele Geisteswissenschaftler so schlimm…

      Viele Grüße, Angelika

  12. Nadja Elia-Borer Antworten

    Endlich ein fantastischer Beitrag zu diesem diskursanalytisch differenzierten Thema, akribisch und konzise auf den Punkt gebracht. Naja, die Geisteswissenschafterinnen und -wissenschafter sollten ihre Berufung mit einer guten Portion Berufsstolz nach aussen und innen repräsentieren und keine Dumping-Löhne erzeugen geschweige denn bejahen. In der Schweiz wird nun schulpolitisch die Nachfrage und das Angebot staatlich derart geregelt, sodass es in ein paar Jahren vor allem MINT-Experten geben wird und damit (hoffentlich) weniger Akademiker mit einem geisteswissenschaftlichen Hintergrund. Bloss, bisher hat sich niemand konkret der Frage gewidmet, wie denn die Nachfrage und das Angebot in etwa zwanzig Jahren gestaltet sein wird. Hierfür könnte man diskursanalytisch geschulte Geisteswissenschafter zur Beratung beiziehen, denn diese verstehen sich auch im Feld der Kulturen und Gesellschaften.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Nadja,

      vielen Dank für die Schweizer Perspektive. Es gibt in Deutschland bereits einige Gebiete, die sehr stark reglementiert sind. Hier wird wirklich nur nach Bedarf ausgebildet, z.B. im Bereich Informationswissenschaft und Bibliothekswesen. Es scheint gut zu funktionieren, so dass fast jeder, der erstmal einen der wenigen Studienplätze besetzen konnte und das Studium erfolgreich abschließt, dann auch eine entsprechende Stelle findet. Auch Bibliotheken bilden in Deutschland fast immer nur Referendare aus, die sie dann auch wirklich übernehmen können. Im Prinzip müsste das System eigentlich auch von anderen Institutionen im Kultur- und Bildungsbereich übernommen werden: Es sollte nur dann ein Volontariat angeboten werden, wenn der am Ende „ausgebildete“ Volontär dann übernommen werden kann. Aber es geht eben teilweise nicht mehr um Ausbildung, sondern oft nur darum, eine Stelle günstig zu besetzen, um das Tagesgeschäft irgendwie am Laufen zu halten. Hintergrund ist die schlechte finanzielle Situation vieler Institutionen.

      Um so verwirrender ist es dann, dass in Deutschland immer mehr geisteswissenschaftliche BA- und Master-Studiengänge und auch Graduate Schools zur Promotion eingerichtet werden. Für welchen Arbeitsmarkt bildet man da aus? Auf den Homepages der Fachhochschulen und Universitäten heißt es dann immer: „Absolventen können in vielen verschiedenen Bereichen arbeiten: Bildungssektor, Kulturbereich, Journalismus, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit usw.“ Aber wo sollen so viele Stellen in all diesen Bereichen herkommen? Wo seit Jahren Mittel gespart und Stellen abgebaut werden, sollen dann alle Studierende der schönen neuen BA-, MA- und Promotions-Studiengänge unterkommen?

      Die Schweiz verfolgt hier einen wichtigen Ansatz, indem bereits schon schulpolitisch hierauf reagiert wird. Aber wie du auch richtig anmerkst: Das darf nicht dazu führen, dass Geisteswissenschaften irgendwann völlig verdrängt werden. Bildung und Kultur sind essentieller Bestandteil der Gesellschaft. Aber auch wenn man sich – besonders als Geisteswissenschaftler – wünschen würde, dass durch entsprechende Finanzierungen das Angebot im Kulur- und Bildungsbereich ausgeweitet oder zumindest stabilisiert wird (und damit Arbeitsplätze), ist es wahrscheinlich realistischer, dass zunächst die Nachfrage nach Arbeitsplätzen hinterfragt werden muss.

      Viele Grüße, Angelika

  13. Anke von Heyl Antworten

    Liebe Angelika,

    du hast recht. Das tut weh, dieses „trotzdem“ und ist irgendwie so ein blöder Galgenhumor.
    Gerade diskutiere ich mit der nächsten Generation. Über „lukrative“ Studiengänge. Das kann es natürlich auch nicht sein.

    Liebe Grüße
    Anke

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Anke,
      oh je, „lukrativ“ ist fast schlimmer als das „trotzdem“! Das kann es wirklich nicht sein. Ich empfehle statt dessen das Wort „praxisbezogen“. Denn die Stellenausschreibungen werden immer detaillierter und spezifischer, insofern sollte eine frühe Auseinandersetzung mit einem Bezug zur tatsächlichen Berufspraxis dazu gehören.
      Mit dir hat die „nächste Generation“ jedenfalls eine tolle Bezugsperson, die auch zum kritischen hinterfragen anregt! 😉

      Viele Grüße, Angelika

  14. Pingback: Umleitung: „Dit und Dat“ und ein böser Ton in Hagen. Lesen erwünscht … | zoom

  15. Annette Scholl Antworten

    UNPAID ART WORKERS – Ich möchte alle gerne dazu ermutigen, Infos und Themen zu teilen auf der Facebookseite, die ich dafür eingerichtet habe. Leider ist dort noch nicht viel traffic, obwohl das Thema doch so brennt… Ich bin M.A. Kunstgeschichte/Litwiss und bald 50 und habe auf dem Jobmarkt leider gar keine Chancen mehr… an die 50 erfolglose Bewerbungen machen einen dann doch etwas mürbe. Flucht nach vorne ist angesagt. Es geht wohl nur noch freiberuflich. VG Annette

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Annette,
      es ist auf jeden Fall wichtig, die schwierige Berufssituation im Kultur- und Bildungsbereich offen anzusprechen. Jeder, der sich hier Gehör verschafft, kann helfen ein Bewusstsein für die oft prekären Beschäftigungsbedingungen zu schaffen.
      Alles Gute, Angelika

  16. Sonja Dolinsek Antworten

    Ich möchte kommentarlos eine weitere skandalöse Stellenausschreibung hierlassen:

    „Am Freiburger Zentrum für Anthropologie und Gender Studies ist eine Stelle als wissenschaftliche_r Mitarbeiter_in zu besetzen (Stellenantritt spätestens zum 1.10.2015, Vergütung nach TV-L 13, 50%, ab 1.2.2016 Reduktion auf 25%). Wir suchen eine Person, die sich sehr gut in der Geschlechterforschung auskennt und Lust hat, die leitende Redaktion der Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien zu übernehmen.
    Den Ausschreibungstext finden Sie im Anhang und auf der Stellenbörse der Universität Freiburg:“

    https://www2.gender.hu-berlin.de/ztg-blog/2015/07/stellenausschreibung-koordination-der-freiburger-zeitschrift-fuer-geschlechterstudien/

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Sonja,
      die vollständige Ausschreibung scheint es nicht mehr zu geben, aber die Vergütung mit 25% im Kurztext scheint ja schon sehr „vielversprechend“…
      Viele Grüße, Angelika

  17. Janine Antworten

    Mir wurde in einem privaten Berliner Museum der gesetzliche Mindestlohn als Gehalt für eine Museumsführer-Stelle angeboten. Und das mit abgeschlossenem Masterstudium, Berufserfahrung und fließenden Fremdsprachen. Wohlgemerkt kostet eine Führung pro Person im Museum 20 €, kommen 10 Menschen zur Führung nimmt das Museum also 200€ pro Stunde ein, von denen ich dann 8,50€ bekommen würde.
    Ich habe mich beleidigt gefühlt und hätte wahrscheinich einfach gehen sollen. Statt dessen heuchelt man dann doch Interesse und ärgert sich später drüber. Es ist frustrierend.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Janine,

      danke für dein Feedback. Es ist unglaublich, mit was manche Institutionen versuchen durchzukommen. Eigentlich müsste man bei diesen Bedingungen klar sagen, dass es so nicht geht und dass man sich jemand anderen für die Stelle suchen solle. Aber man sieht oft einfach nur den Traumjob, denkt über die angespannte Arbeitsmarktsituation nach und an die zig anderen Bewerber, die sich um die gleiche Stelle reißen. Dann ist man zum Schluss sogar noch enttäuscht, wenn man eine Absage bekommt. Dabei sollte man eigentlich froh sein, dass man sich nicht so billig hergegeben hat und dass einem ein Job erspart bleibt, in dem man wahrscheinlich einfach ausgenutzt worden wäre.

      Viele Grüße, Angelika

  18. Daniel Antworten

    Wie, tolle Diskussion, danke für die Beiträge. Vielleicht um es kompakt nochmal zu sagen: Eingruppierung , Bezeichnung und Qualifikation stehen in einer Relation. Normalerweise wird jemand mit Hochschulabschluss per se in Gruppe 12 oder 13 eingruppiert. Deswegen „Sachbearbeitung“, damit ausdrücklich klar ist, dass man unterhalb seiner Qualifikation unselbständig arbeitet und deswegen weniger Geld bekommt.
    Spannend sind übrigens auch die gewährten Erfahrungsstufen und die 101 Argumente und Schlupflöcher, die für eine Rückstufung bei Jobwechsel oder mehr als zwei Jahre außerhalb des deutschen öffentlichen Dienstes (zB auf einer DAAD-Position im Ausland) herangeführt werden. Damit kann man als Postdoc in einer Senior-Position mit 20 Jahren Berufserfahrung ruckzuck finanziell auf Karriereanfang gesetzt werden.
    Das IEG suchte übrigens neulich eine/n VerwaltungsLEITER/IN (eingruppierungskeyword „Leitung“) auf E13 50% 2 Jahre befristet…
    Ich finde das eine schmerzhafte Entwicklung, wie sich Institutionen und vor allem Menschen mit Leitungsveranrwortung offenbar darin zu überbieten streben, das unlauterste Beschäftigungs-„Angebot“ zu machen.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Daniel,
      danke für den Verweis auf die Rückstufungsgefahr durch längere Forschungs- bzw. Lehraufenthalte im Ausland. Es ist wirklich kaum zu fassen, wie hier die Berufssituation aussieht und welche Stellen zu welchen Konditionen ausgeschrieben werden.
      Viele Grüße, Angelika

  19. Lucas Antworten

    Liebe Angelika, danke für den Artikel! Es ist gut und wichtig über die Zustände zu schreiben/sprechen. Es wurde eigentlich auch schon alles wichtige gesagt, ich möchte nur hinzufügen, dass es meines Erachtens ebenso wichtig ist die Empörung, deren Grundlage, denke ich, kaum jemand infrage stellen kann, sinnvoll zu kanalisieren. Dass beispielsweise die TV Gruppen permanent mit fragwürdigen Stellenausgestaltungen unterlaufen werden (gerade im Online-Bereich) hat auch etwas damit zu tun, dass sich die von der Ausschreibung angesprochenen Personen tendenziell eher bewerben als beschweren. Dabei ist, denke ich, allen klar, dass es bei über 500 Bewerbungen trotz der entsprechenden Profile nicht nur sprichwörtlich einem Lottogewinn gleicht die Stelle zu bekommen – und dass das etwas mit den betreffenden Personen macht, nämlich Dankbarkeit für inakzeptable Arbeitsbedingungen erzeugen, die teilweise in Widerspruch zu über Jahrzehnte erstrittenen Tarifordnungen stehen.

    Ich möchte hier nicht Werbung für meine Gewerkschaft machen, wohl aber Werbung für die Organisierung, denn daran geht meines Erachtens kein Weg vorbei wenn sich an diesen Umständen etwas ändern soll. Oder anders: die mangelnde Organisierung ist einer der Gründe, weswegen wir gerade im Kulturbereich mit derartigen Arbeitsbedingungen zu kämpfen haben. Ohne kritische Masse bleibt es bei Beschwerden. Das ist sicherlich ein saurer Apfel (gerade weil Gewerkschaften in diesem Bereich nicht attraktiv sind), in den man beißen muss, aber das ist immerhin besser als einen faulen Apfel zu essen.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Lucas,

      viele befinden sich wirklich in einer schizophrenen Situation: Man empfindet die Bedingungen, zu denen Stellen im Kultur- und Bildungsbereich ausgeschrieben werden, als Zumutung – und bewirbt sich trotzdem. Wie Janine es hier schon im Kommentar beschrieben hat, hat man teilweise auch nicht den Mut bei einem Bewerbungsgespräch offen anzusprechen, was man von den Arbeitsbedingungen hält, weil man hofft, die Stelle doch zu bekommen. Wer aber erst einmal eine Stelle in seinem Traumjob ergattern konnte (und mehr als Glück ist es bei 3- bis 4-stelligen Bewerberzahlen oft nicht), verfällt dann in die von dir erwähnten Dankbarkeit und blendet die Arbeitszeit, die Bezahlung, das Aufgabenpensum, Befristung usw. erst einmal aus. Eigentlich ist es fast ein Stockholm-Syndrom.
      In England gibt es eine deutlich ausgeprägtere Gewerkschaftskultur, z.B. im Museumsbereich – hier wird auch nicht zu knapp gestreikt. Ich könnte mich aber nicht daran erinnern, wann zum letzten mal in Deutschland in Museen gestreikt wurde… Um ehrlich zu sein, kenne ich auch in dem Bereich nicht viele Gewerkschaftsmitglieder.

      Viele Grüße, Angelika

  20. Philipp Krechlak Antworten

    Liebe Angelika,

    ich weiß nicht, ob ich es be(un)ruhigend finden soll, dass – wie du aufzeigst – dieses Problem auch ein Thema in anderen Zweigen des Kulturbetriebs (hier ja v.a. Museen & deren Umfeld) vorzufinden ist und nicht ein rein musik(theater)spezifisches ist. Beides vielleicht… mit einigem Bauchweh.
    Ich möchte dir noch meinen Beitrag im Sperrsitz der NMZ ans Herz legen, in dem es um einen Fall aus dem Musikbetrieb geht – wie ich finde, an der Grenze zum schwarzen Humor:
    http://blogs.nmz.de/wm2014/2015/05/01/arbeit-machste-freiwillig/
    Ich werde die Diskussion hier weiterverfolgen und mich ggf. nochmal hier (oder selbst bloggend) zu Wort melden!
    Philipp

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Philipp,

      ich kann absolut bestätigen, dass es im Museumsbereich nicht anders ist als im Theater bzw. Musiktheater-Bereich. Ich habe in Bayreuth Theaterwissenschaft mit Schwerpunk Musiktheater als Nebenfach studiert und kenne da fast so viele Leute wie im Museumsbereich, die alle mehr oder weniger das Gleiche berichten. Wobei mir im Theaterbereich die Befristungsproblematik und die ausufernden Praktika schlimmer erscheinen. Aber zum Thema Praktika folgt hier auch nochmal ein eigener Beitrag, denn das ist eine Problematik für sich…
      Vielen Dank für deinen Link und sehr gerne auch wieder, wenn du gebloggt hast!

      Viele Grüße, Angelika

  21. Pingback: #Bloggeburtstag | beruf:geschichte

  22. Freddy Antworten

    Großartiger Beitrag, du sprichst mir aus der Seele!

    Bei meiner Jobsuche war ich z.B. auch über zwei parallele Ausschreibungen bei einer musikwissenschaftlichen Forschungseinrichtung in Berlin gestolpert: Der wissenschaftliche Assistent (oder so ähnlich, bevorzugt natürlich mit Promotion) sollte dabei weniger verdienen als jemand auf der zeitgleich ausgeschriebenen Stelle eines Hausmeisters… Das sagt schon ziemlich viel aus.

    Ich schlage mich derzeit auf Jobsuche auch wieder mit der Problematik herum, mich nicht zu Dumpingpreisen zu verkaufen, aber je länger man sucht und je mehr Absagen kommen, desto mehr knickt man ein… Zumal wenn man dann hört, wie viele Konkurrenten es gibt. Ich versuche daher, eher in der Wirtschaft einen Fuß in die Tür zu kriegen, aber das ist ohne Beziehungen wohl auch kaum machbar.

    Meinen letzten Job (am Theater) habe ich v.a. auch aufgrund der unmöglichen Arbeitszeiten und der intellektuellen Unterforderung mit der Verwaltungsarbeit selbst beendet. Das war vielleicht im Nachhinein ein Fehler (v.a. wenn ich höre, dass ich über mein recht niedriges Gehalt wohl im Vergleich noch froh sein kann), aber ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Die NV-Bühne-Verträge sind auch so ein ausbeutendes Element (es ist ja auch sehr dehnbar, für wen diese angewendet werden). Leider tut niemand etwas dagegen. Die Lobby der Arbeitgeber ist da einfach stärker. Wenn ich gesehen habe, was gerade die älteren künstlerischen Angestellten in Chor und Orchester im Vergleich zu den Verwaltungsmitarbeitern verdienen (wohl gemerkt unbefristet), finde ich das wirklich wahnsinnig ungerecht. Aber immerhin haben sich diese Gruppen mit ihren starken Gewerkschaften dafür eingesetzt, also ist es vielleicht doch verdient. Ich wurde auch letztens sehr schräg angeschaut, als ich erwähnte, dass ich für Sonntagsarbeit natürlich keinen Zuschlag bekam. Ein Freund aus der Wirtschaft hielt es nicht für möglich…

    Bei der Jobsuche tut sich dann natürlich das Problem auf, dass aufgrund der immensen Bewerberzahlen die tatsächlichen Qualifikationen unwichtig werden. Letztendlich erhält man auch für Stellen eine Absage, auf die man eigentlich perfekt passen würde. Ich habe den Eindruck, dass Arbeitgeber dann eben lieber Leute einstellen, die sie schon persönlich kennen, auch wenn jemand anderes auf dem Papier besser passen würde. Ist ja auch irgendwie logisch, wenn man aus mehreren 100 Bewerbungen aussortieren muss. Ich kann nur hoffen, dass mir dann dieses Glück auch mal zu Gute kommt. Falls nicht, überlege ich mittlerweile, ob ich nochmal etwas komplett anderes studieren sollte. Das scheint fast der einzige Ausweg zu sein, auch wenn ich mir damit eingestehe, viel Lebenszeit verwirkt zu haben.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Freddy,

      danke für deinen Kommentar. Im Theaterbereich ist die Arbeitssituation sehr ähnlich zum Museumsbereich.
      Wie bereits in anderen Kommentaren erwähnt, sind die Bewerberzahlen einfach astronomisch und gefühlt gibt es nur 3 Möglichkeiten: Entweder man kennt jemanden und kommt über Empfehlungen zum Job, oder man hat einfach nur Glück und wird zufällig aus dem riesigen Bewerberstapel gezogen, oder man sticht mit einer ganz ungewöhnlichen Bewerbung aus der Masse heraus. Ich kenne fast nur Leute, auf die ersteres oder letzteres zutraf – oder die sich am Ende komplett anders orientiert haben und jetzt außerhalb des Kulturbereichs arbeiten. Ich kann verstehen, dass die letzte Variante eine unglaublich schwere entscheidung ist, wenn das Herz (und die ganze Qualifikation) so stark mit der Kultur verbunden sind.

      Viele Grüße, Angelika

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