Eliasson und Lampedusa: Über Wasser im Bucerius Kunst Forum

Wasser hat seit jeher Künstler in seinen Bann gezogen – als lebenswichtiges Element, als Sinnbild für die Kraft der Natur, als Medium, das ständig seine Form wandelt. Das Bucerius Kunst Forum stellt das Thema Wasser jetzt in das Zentrum einer Ausstellung, die – anders als vom Museumsmarketing angekündigt – mehr zu bieten hat als Turner und Eliasson.

 

Besucherkommentare zwischen Lob und Tadel

„Bis auf einige Fotos eine außerordentlich schwache, wässrige Ausstellung. Lohnt nicht den Besuch, noch weniger den Eintritt.“

„Bin enttäuscht. Badende Menschen sind immer entweder unvorteilhaft anzusehen oder halt so besonders neckisch, haha. Ansonsten hat jede Nordfahrt-Expedition bessere, informativere, künstlerische Wellen + Eisbilder gebracht. […]“

„Eine sehr abwechslungsreiche Ausstellung – schwierig die Auswahl zu treffen! Gelungene Präsentation besonders der alten Photographien und der verschiedenen Genres durch die Zeit. […]“

„Große Versprechungen. Große Enttäuschung“

(Besucherkommentare im Gästebuch)

 

Es steht außer Frage, dass Besucherkommentare in Gästebüchern oder auf Feedback-Bögen am Ende einer Ausstellung fast immer die ganze Bandbreite an Meinungen widerspiegeln. Im Gästebuch zur Ausstellung „Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson“, die vom 13. Juni bis zum 20. September 2015 im Bucerius Kunst Forum in Hamburg gezeigt wird, ist es nicht anders.

Wie üblich bei Ausstellungen, bei denen auch zeitgenössische Kunst – und v.a. auch Fotografie – gezeigt wird, reichen die Kommentare von „Das hätte ich selbst besser hinbekommen.“ bis hin zu Begeisterung und Lob. Doch eines fällt bei der Ausstellung, die in Social Media mit dem Hashtag #ÜberWasser begleitet wird, beim Lesen des Gästebuchs auf: Immer wieder ist von enttäuschten Erwartungen die Rede.

 

Die Themenschwerpunkte der Ausstellung „Über Wasser“

Es ist schwer zu sagen, warum so viele kritische Besucherkommentare zur Ausstellung hinterlassen wurden, denn die meisten gehen nicht auf den Grund für ihre Enttäuschung ein. Grundsätzlich ist die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum nämlich ausgewogen konzipiert und ansprechend gestaltet. Die dunkel gehaltenen Räume schaffen für die Werke eine konzentrierte Atmosphäre und die graphisch gelungene, wenn auch sehr reduzierte Wandbeschriftung, führt den Besucher gut durch die Themenbereiche.

Die sich über drei Räume auf zwei Etagen erstreckende Ausstellung „Über Wasser“ gliedert sich dabei in sieben Abschnitte, die je einen Aspekt des Elements Wasser beleuchten:

 

1) Tropfen

Die Ausstellung beginnt im ersten Stockwerk des Bucerius Kunst Forum mit der kleinsten sichtbaren Einheit des Wassers: dem Tropfen. Das Interesse am Tropfen als künstlerischem Motiv wurde erst im 19. Jahrhundert ausgelöst, als die Naturwissenschaft damit anfing, sich durch die fortschreitenden technischen Möglichkeiten der Mikroskopie intensiver mit Wasser auseinanderzusetzen. Künstler begannen schließlich damit, Wasser nicht mehr nur als Teil der Landschaft zu sehen, sondern sich mit spiegelnden Oberflächen und dem Abperlen, Abtropfen oder Aufprallen von Wassertropfen auf verschiedenen Ebenen zu beschäftigen.

Die Ausstellung zeigt hier etwa den Holzschnitt „Plötzlicher Regenschauer am Abend über der Ohashi-Brücke in Atake“ (1857) von Utagawa Hiroshige, welcher zu den ersten Werken gehört, das einen Regenschauer mit parallelen Schraffuren zeigte. Auch „COS 13“ (1961) von Yves Klein ist zu sehen, bei dem die Pigmenten des  International Klein Blue (IKB) mit Regen in Kontakt kamen.

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2) Wasser im Fall

Wechselhaftigkeit, das Erhabene der Natur, eine mitreißende Gewalt: Wasserfälle, reißende Ströme oder Kaskaden stellen seit dem 17. Jahrhundert ein beliebtes Motiv der Landschaftsmalerei dar. Die Ausstellung zeigt hier etwa Joseph Anton Kochs „Wasserfall im Berner Oberland“ (1796), ein Werk das als „heroische Landschaftsdarstellung“ bezeichnet werden kann, aber auch stereoskopische Aufnahmen der Niagarafälle der Bildagentur Underwood & Underwood (1890, 1902). Durch eine Säule in der Ausstellung, die mit drei Sehschlitzen versehen ist, kann der Besucher so anhand von drei Motiven den 3D-Effekt erleben, der schon um die Jahrhundertwende um 1900 durch Doppelaufnahmen das räumliche Sehen vortäuschte.

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3) Reflexionen

In diesem Ausstellungsabschnitt geht es um die Eigenschaft des Wassers, Licht zu reflektieren und somit seine Umgebung zu spiegeln. Künstler setzten sich diesbezüglich mit Effekten der Dopplung oder Verzerrung auseinander, mit der Spiegelung von Wasser und Himmel, aber auch mit Fragen nach Wirklichkeit und Abbild. An dieser Stelle versteckt sich der groß auf dem Ausstellungsplakat angekündigte William Turner. Doch es sind keine Meeres- oder Schiffszenen in der Ausstellung zu sehen, für die der englische Vertreter der Romantik so bekannt ist. Die Ausstellung des Bucerius Kunst Forum zeigt statt dessen die Schautafeln „Reflexionen und Lichtbrechungen auf einer durchsichtigen Kugel, halb gefüllt mit Wasser“ (um 1810).

Turner hatte die Tafeln für seine Vorlesungen zur Perspektivlehre an der Royal Academy angefertigt. Sie sind zweifelsohne ein gut gewähltes Exponat für den Ausstellungsteil zum Thema „Reflexionen“, befasst sich hier Turner schließlich mit den Eigenheiten der Reflexion in Wasser. Doch die prominente Plakatankündigung von Turner hatte wohl andere Erwartungen geweckt, immerhin war vor den Schautafeln bei meinem Ausstellungsbesuch von verschiedenen Besuchern die Äußerung „Das wars?“ zu hören. Vielleicht war dies ein Grund für die im Besucherbuch geäußerten Enttäuschungsbekundungen?

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4) Welle

Im Untergeschoss des Museums setzt sich die Ausstellung mit Darstellungen von Wellen fort. Hier beeindruckt besonders Katsushika Hokusais Farbholzschnitt „Die große Welle vor Kanagawa“ (um 1830) aus der Serie „Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji“. Es ist eines seiner berühmtesten Werke – und wohl auch eines der international bekanntesten Bilder japanischer Kunst aus dieser Zeit. Hokusai stellt hier die Welle und die hierdurch verdeutlichte Kraft des Wassers in den Vordergrund des Bildes, im Hintergrund wirkt der Berg Fuji hingegen verschwindend klein. Schneebedeckt und blau erscheint der Berg außerdem eher wie ein Teil des Wassers, das sich im Vordergrund ebenfalls zu weißen Gipfeln auftürmt.

Als Kontrast hierzu wirkt Claude Monets „Das Meer bei Antibes (Blick auf das Meer)“ (1888) in seinen schimmernden Farben, oder Gerhard Richters „Seestück (bewölkt)“ (1969), in der sich dem Betrachter die Weite des Meeres eröffnet.

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5) Eis und Schnee

Hier erwarten den Ausstellungsbesucher u.a. kleine Ölskizzen von Caspar David Friedrich. Die „Eisschollen“ (1821) dienten dem Maler zur Vorbereitung für sein Gemälde „Das Eismeer“, das in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist. Außerdem werden hier Fotografien von Olafur Eliasson gezeigt, der vom Museumsmarketing neben Turner als einer der Hauptakteure der Ausstellung „Über Wasser“ angekündigt wird.

Eliasson – einer der zur Zeit angesagtesten Künstler, der sich mit Phänomenen der Natur auseinandersetzt – ist hier nur mit einem Werk vertreten: „Melting Ice on Gunnar’s Land“ (2008), eine Serie aus zwölf 24 x 35,5 cm großen Bildern, mit der Eliasson das Schmelzen eines skulpturhaft wirkenden Eisblocks in der isländischen Landschaft dokumentierte. Ähnlich wie bei Turner scheint auch die kleine Fotoserie von Eliasson nicht ganz im Verhältnis zur prominenten Ankündigung des Museumsmarketing zu stehen, was vermutlich auch bei so manchem Besucher für Enttäuschung gesorgt haben dürfte.

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6) Menschen im Wasser

In diesem Abschnitt geht es um das Verhältnis des Menschen zum Wasser. Abgesehen von seiner symbolischen Bedeutung als Lebenselixier, wird Wasser hier in den meisten Werken als Element dargestellt, das einen absurden, ironischen oder spielerischen Blick auf Menschen ermöglicht. Gezeigt werden ebenso Bilder von David Hockney aus dem Portfolio „Twenty Photographic Pictures“, in denen Swimmingpools eine zentrale Position einnehmen, wie auch Fotos aus der Serie „Salt Lake/Salzsee“ (1986) von Boris Mikhailov, die vergnügt Badende in einem von Industrieanlagen umgebenen verschmutzten See im Süden der Ukraine zeigen.

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7) Unbezähmbares Element

Wasser als unbeherrschbare Naturgewalt, die den Menschen bedroht und Zerstörung mit sich bringt, steht im letzten Ausstellungsabschnitt im Zentrum. Neben Naturkatastrophen setzen sich die Künstler hier auch mit der Gefahr auseinander, die das Wasser für den Menschen bedeutet. In der Ausstellung vertreten ist hier etwa Otto Steinerts Bild „Schlammweiher (Saarland)“ (1953), das die zerstörerischen Folgen der Industrialisierung zeigt, aber auch Eva Leitolfs Werk „PfE4081-IT-161212“ (2012), das trügerisch unbewegtes Wasser vor der Küste von Lampedusa zeigt. Erst der zum Bild auf kleinen Zetteln zur Verfügung gestellte Text gibt einen Einblick in die Bedeutung des Werks. Auf dem Zettel ist zu lesen:

„About two hundred refugees from Eritrea and Somalia were picked up by the Italian coastguard off the island of Lampedusa on 6 May 2009. They were immediately deported to Libya on the basis of a bilateral agreement, without receiving any opportunity to apply for asylum.
The Italian Refugee Council located twenty-four of them and took their cases to court.

On 23 February 2012 the European Court of Human Rights ruled that the deportations had violated the European Convention on Human Rights, and ordered the Italian state to pay €15,000 in compensation to each of the twenty-two surviving applicants on the grounds that they had been exposed to the risk of inhumane treatment and torture in Libya and their countries of origin. The Court noted that more than 471 refugees had been deported to Libya under similar circumstances between 6 and 10 May 2009.
According to Amnesty International the verdict represented a turning-point for the protection of migrants on the high seas.

European Court of Human Rights, press release ECHR 075, 23 February 2012; Spiegel Online, 23 February 2012; Tagesschau, 23 February 2012; Deutschlandradio, 24 February 2012″

(Text von der Seite der Künstlerin)

 

Der Text wirkt umso erschütternder, da der beschriebene Fall und das sich darauf beziehende Gerichtsurteil bereits mehrere Jahre zurückliegt. Bis heute hat sich die Situation der Flüchtlinge, die versuchen über das Mittelmeer Europa zu erreichen, jedoch weiter zugespitzt. Eva Leitolfs Werk könnte damit kaum aktueller sein.

Hieran schließt sich thematisch das Video „How to reach Lampedusa“ (2007) von Federico Baronesse und Takuji Kogo an, das aus technischen Gründen wiederum im ersten Stock des Bucerius Kunst Forums zu sehen ist, in einem dritten Ausstellungsraum. Das Video zeigt Bilder von Touristen auf Lampedusa; eine verfremdete Computerstimme singt piepsend von der Schönheit der Strände auf Lampedusa und preist doppeldeutig an, man könne sich ein Boot mieten um zur Insel zu gelangen.

 

Museumsmarketing im Bucerius Kunst Forum

Wie erwähnt, schien die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum vielen Besuchererwartungen nicht zu genügen. Ein Grund hierfür könnte in der Hervorhebung von Turner und Eliasson liegen, die beide in der Ausstellung jedoch eigentlich keiner besonderen Betonung bedürften. Ebenso hätte man Gerhard Richter und Yves Klein hervorheben können, oder Claude Monet und Max Beckmann. Doch auch das hätte bei der gleichrangigen Proportionalität falsche Erwartungen geweckt.

Überraschenderweise wurde hingegen darauf verzichtet, die starke Präsenz japanischer Künstler zu betonen. Mit bekannten Werken des 19. Jahrhunderts von Utagawa Hiroshige und Katsushika Hokusai bis hin zu zeitgenössischen Fotografien von Naoya Hatakeyama und Hiroshi Sugimoto hätte eine Ankündigung eines solchen Ausstellungsschwerpunkts vielleicht eher Erwartungen erfüllen können.

 

Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson

13. Juni bis 20. September 2015
Bucerius Kunst Forum, Hamburg

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Hamburg, 2015

6 Antworten auf „Eliasson und Lampedusa: Über Wasser im Bucerius Kunst Forum“

  1. Hallo Angelika!

    Vielen Dank für den Einblick in die Ausstellung.
    Auf jedem Fall werde ich noch dahin gehen und mir meine eigene Meinung bilden.

    Gruß,
    Kirsten

    1. Liebe Kirsten,

      ich bin gespannt, wie du die Ausstellung findest!
      Vielleicht wirfst du auch einen Blick ins Gästebuch – mich würde interessieren, ob die Besucherkommentare auch weiterhin so stark unterschiedlich ausfallen.

      Mir persönlich hat die Gliederung der Ausstellung in 7 Aspekte sehr gut gefallen. Insbesondere die Thematisierung der Flucht nach Lampedusa zum Schluss der Ausstellung fand ich eine gute Ergänzung zur aktuellen Ausstellung „When there is Hope“ in der Hamburger Kunsthalle, in der auch Flucht und Migration aufgegriffen werden.

      Viele Grüße
      Angelika

  2. Liebe Angelika,

    also ein Marketingproblem sehe ich da überhaupt nicht, schließlich lautet der Titel der Ausstellung „Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner BIS Olafur Eliasson“. Das Wörtchen „bis“ kennzeichnet eigentlich sehr deutlich den Bogen der Ausstellung. Natürlich hätten sie auch zig andere Namen können, aber so grenzen diese beiden Namen auch den zeitlichen Horizont von 200 Jahren ein.
    Natürlich sind es auch Namen, die ziehen, aber ich habe nichts anderes erwartet und die Ausstellung ist wirklich gut auf den Punkt gebracht. Mir hat sie sehr gut gefallen, ein wunderbares Thema, dass sich auch Menschen erschließt, die weniger Ahnung von Kunstgeschichte haben. Allein dafür gibt es ein ganz großes Like von mir. 😉

    Liebe Grüße
    Wera

    1. Liebe Wera,

      ich persönlich fand die Ausstellung auch sehr gelungen, habe aber eben bei den Turner-Studien mitbekommen, dass da verschiedene (meist ältere) Besucher sich angemurmelt haben, ob es das mit Turner gewesen sein soll. Auch mein Besuch, mit dem ich in der Ausstellung war, fragte, ob dann noch mehr kommt und war etwas enttäuscht. Ein Blick ins Gästebuch zeigte auch einige überraschend negative Kommentare.
      Wie gesagt, sehr schade, dass da wohl einige Besucher andere Erwartungshaltungen an die Ausstellung hatten.

      Viele Grüße
      Angelika

  3. Liebe Wera,
    ich habe die Ausstellung sehr genossen und fand die ruhige und thematische Präsentation sehr gelungen . Aber jedem, dem ich sie ans Herz gelegt habe sagte ich: „Die Arbeiten der Titel-Künstler sind mit die schwächsten Werke. Schau dir den Rest an.“ Da decken sich also unsere Erfahrungen.
    Beste Grüße
    Inga

    1. Hallo Inga,
      danke für deinen Kommentar. Das meinte ich mit meinem Blogbeitrag – die Meinungen gingen stark auseinander. Besonders in der Ausstellung war die Enttäuschung der Besucher über die gewählten Turner und Eliasson-Werke zu merken und teilweise zu hören. Auch im Gästebuch klingt es an.
      Ich finde es sehr schade, denn auch mir hat die Ausstellung mit ihren Schwerpunkten insgesamt gut gefallen und ich finde sie absolut empfehlenswert. Aber gut, dass du es hier auch nochmal bestätigst, wie unterschiedlich die Reaktionen auf die Ausstellung sind.

      Viele Grüße
      Angelika

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