Gemälde wie Zombies – Marlene Dumas in der Fondation Beyeler

Apartheid, Pornografie, der Tod von Ulrike Meinhof – die Künstlerin Marlene Dumas, geboren 1953 in Kapstadt, setzt sich in eindringlichen, teils träumerischen, teils alptraumhaft wirkenden Bildern mit Menschen und menschlichen Abgründen auseinander.

Vom 31. Mai bis zum 6. September 2015 zeigt die Fondation Beyeler nun ihre Werke in der Ausstellung „The Image as Burden“.

„Paintings tell stories
like zombies walk the earth.
I moved slowly from
the faces to the bodies.
From the eyes to the skin.
From the word to the flesh.“

Marlene Dumas, 1989

Die Ausstellung „The Image as Burden“ in der Fondation Beyeler wurde in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin konzipiert. Beteiligt waren zudem das Stedelijk Museum in Amsterdam, wo die Ausstellung vom 6. September 2014 bis zum 4. Januar 2015 zu sehen war, und die Tate Modern in London, wo „The Image as Burden“ vom 5. Februar bis zum 10. Mai 2015 gezeigt wurde. Die Schweiz ist nun die letzte Station der Ausstellung.

 

Die Darstellung als Last

Die Konzeption der Ausstellung folgt in der Fondation Beyeler einer chronologischen Ordnung – stets orientiert an der Entwicklung, die Marlene Dumas als Künstlerin vollzog. Das Spektrum reicht hier von Collagen aus ihrer frühen Schaffenszeit in der Mitte der 1970er Jahre, bis hin zu Gemälden, die erst vor wenigen Monaten entstanden sind. Der Titel der Ausstellung bezieht sich dabei auf das 1993 entstandene Gemälde „The Image as Burden“, das eine nackte dunkle Figur zeigt, die eine helle Figur mit blauem Gesicht trägt. Inspiration für das Motiv war eine Filmsequenz aus George Cukors Film „Camille“ aus dem Jahr 1936. Der Film wiederum basiert auf der „Kameliendame“ von Alexandre Dumas.

Die Darstellung der beiden Körper auf dem Bild „The Image as Burden“ könnte eine Liebesszene zeigen, es könnte aber auch ein toter Körper sein, der hier getragen wird – eine Anlehnung an eine Pietà-Darstellung. Das Bild bietet einen weiten Interpretationsspielraum – so wie die meisten Werke der Künstlerin. Teilweise drängt der Titel die Interpretation in eine bestimmte Richtung, häufig erweitert er aber eher die Möglichkeiten einer Interpretation. „Die Darstellung als Last“, wie der Titel des Bildes – und der Titel der Ausstellung – übersetzt werden könnte, verweist auf die Intention der Künstlerin, stets zu hinterfragen, wie ein Werk die Vorstellungen des Betrachters anregt, aber wie es gleichzeitig auch die Vorstellungen des Künstlers vermittelt.

 

Politische Gewalt und Rassismus

Als gebürtige Südafrikanerin wurde Marlene Dumas geprägt vom System der Apartheid. Politische Gewalt und die von Rassismus bestimmte Gesellschaft, in der die Künstlerin aufwuchs, zählen zu den Motiven, mit denen sie sich in ihren Werken auseinandersetzt. Generell dienen sehr häufig Fotografien als Vorlage, welche die Künstlerin aus Zeitungen und Zeitschriften ausschneidet und sammelt; daneben nutzt sie Film-Stills, selbst fotografierte Bilder und Polaroids.

Sie greift die Abbildung der Realität auf, verfremdet diese aber, was den Bildern etwas sehr persönliches und emotionales verleiht. Oft wirken die Personen in Dumas‘ Zeichnungen und Gemälden aus dem Zusammenhang herausgelöst. Vor hellen oder dunklen abstrakten Hintergründen erscheinen sie bedrohlich, hilflos oder verloren. Wichtig für die Künstlerin ist dabei auch, sich damit auseinanderzusetzen, wie ein Motiv durch die Verarbeitung zu einem Gemälde verändert wird.

Ein solches Motiv, das Markene Dumas mehrfach umsetzte, beruht auf einem Foto des Time Magazine aus dem Jahr 1961, das Pauline Lumumba zeigt, die um ihren ermordeten Mann trauert, den ehemaligen Premierminister der Republik Kongo. Im Jahr 1982 schuf Dumas hierzu die Collage „Drie Vroue en ek / Three Women and I“; mehr als 30 Jahre später folgten im Jahr 2013 die beiden Gemälde „The Widow“. Die Werke zeigen sehr gut, wie die Interpretation der Künstlerin das Motiv immer wieder unterschiedlich erscheinen lässt, auch wenn es sich stets um die gleiche Bildvorlage handelt. Über die beiden Gemälde und ihre verschiedene künstlerische Darstellungsweise sagte Marlene Dumas in einem Interview mit dem t-magazine der New York Times (20.08.2014):

„For my paintings I tend to zoom into some aspect of a photograph, but in this case I decided to make two paintings based on two versions of the photograph of Pauline Lumumba, both in a very simple documentary style, with only the crops and colors changed to create different moods. In the bigger painting, you don’t see anyone’s feet, so they seem not to be walking. The smaller painting is more impressionistic. There is something biblical about the image; I like the way it’s hard to tell if the people in the crowd are with Pauline or against her.“

 

Zwischen nackter Unschuld und Pornografie

Unschuldige Nacktheit zeigt sich in dem Bild „The Painter“ (1994), das auch dem Katalog zur Ausstellung „The Image as Burden“ als Titelbild dient. Marlene Dumas malte hier ihre kleine Tochter; Vorlage war ein Foto, welches das Mädchen beim Spielen mit Farbe zeigt. Mit Farbe hatte sich das Kind auf den Bauch ein großes Kreuz gemalt – doch Dumas‘ Bild weicht hier von der Vorlage ab. Im Entstehungsprozess verwischte die Künstlerin die noch nasse Farbe des Kreuzes wieder auf der Leinwand, was auf dem Körper der dargestellten Figur ein seltsames inneres Leuchten erzeugt.

Der Blick des Mädchens ist ernst – auch dies ist eine Abweichung zur Vorlage, denn auf dem ebenfalls in der Ausstellung zu sehenden Originalfoto hat Dumas‘ Tochter einen anderen Gesichtsausdruck. Statt dessen erinnert „The Painter“ eher an ein Selbstportrait – nicht zuletzt auch wegen des Titels, der auf Marlene Dumas zu verweisen scheint.

Immer wieder sind nackte Körper – insbesondere Frauenkörper – ein Thema im Werk von Marlene Dumas. Besonders in den ’90ern setzte sie sich dazu mit Bildvorlagen aus Pornoheften und -filmen auseinander. Die Bilder sind explizit, wie z.B. „Fingers“ (1993), wobei die Künstlerin die Darstellung dennoch so gestaltet, dass man nicht wirklich etwas Genaues erkennen kann, wenn man das Motiv näher betrachtet. Der Farbauftrag ist flüchtig, teils verschwommen, teils flächig intensiv.

Andere Werke aus dieser Schaffensperiode lassen mehr Raum für unterschiedliche Assoziationen, bis hin zur völligen Ablösung der menschlichen Gestalt, wie in dem Bild „The Shrimp“ (1998). Die Tusche wurde hier direkt auf dem Papier mit Wasser gemischt, die Künstlerin bewegte dabei das Papier, um die Form des Motivs zu erzielen. Der nackte Frauenkörper lässt sich so kaum noch erahnen. Auch hier nimmt die Benennung des Werks wieder maßgeblichen Einfluss auf den Betrachter, denn erst der Titel lässt unwillkührlich das segmentierte Schalentier erkennen.

 

Konzepte von gewaltvollem Tod

In nur wenigen Bildern setzt sich Marlene Dumas unmittelbar mit Gewalt auseinander. Das direkteste Werk ist „Dead Girl“ (2002), das einen brutal zugerichteten Kopf einer jungen Frau zeigt. Als Vorlage diente der Künstlerin ein Zeitungsausschnitt, in dem es um den gewaltsamen Tod einer Terroristin nach einer misslungenen Flugzeugentführung in den 1970er Jahren ging. Die schwarzen Haare des Frauenkopfes füllen das Bild aus, auf ihrer Kleidung sind leuchtend rote Flecken, das Blut auf ihrem Gesicht ist geronnen und dunkel.

Zwei Jahre später entstand das Bild „Stern“ (2004). Benannt nach der gleichnamigen Zeitschrift zeigt „Stern“, ebenso wie „Dead Girl“, das Porträt einer Frauenleiche. Diesmal ist es ein Foto der toten Ulrike Meinhof, das Marlene Dumas als Vorlage für ihr Werk diente. Die RAF-Terroristin hatte man 1976 erhängt in ihrer Zelle im Gefängnis Stammheim gefunden. Die Künstlerin malt den blassen Kopf mit den schwarzen Striemen um den Hals vor einem schwarzen Hintergrund, mit dem die schwarz-roten Lippen des Kopfes seltsam zu verschwimmen drohen. Auch Gerhard Richter hat übrigens das Bild der Zeitschrift Stern als Vorlage genutzt und es in seinem Gemäldezyklus „18. Oktober 1977“ verarbeitet.

Duch die chronologische Gliederung von „The Image as Burden“ kann sich der Ausstellungsbesucher intensiv mit den verschiedenen thematischen Schwerpunkte von Marlene Dumas‘ Schaffen auseinandersetzen, kann nachvollziehen wie sich ihr Fokus im Laufe der Zeit verändert hat und wie sie mit ihren Gemälden Geschichten erzählt, die wie Zombies auf der Erde wandeln.

 

Marlene Dumas: „The Image as Burden“

Fondation Beyeler
31. Mai – 6. September 2015

 

>>> Der Ausstellungsbesuch fand im Rahmen der Bloggerreise #kbreise15 statt, die von der Kunsthalle Karlsruhe, der Karlsruhe Tourismus GmbH sowie Art & Design Museums Basel initiiert und finanziert wurde.

Header-Bild: Angelika Schoder, Fondation Beyeler – Basel, 2015

4 Gedanken zu „Gemälde wie Zombies – Marlene Dumas in der Fondation Beyeler

  1. Anke von Heyl Antworten

    Klasse Beitrag, liebe Angelika,

    du hast die wichtigsten Bilder noch einmal herausgehoben und die Zusammenhänge aufgezeigt. Da kommt die Komplexität dieser Künstlerin zum Vorschein. Sie ist übrigens ein Thema im Zentralabitur in Deutschland. Das hängt sicher auch mit ihrer polititschen Aussagekraft zusammen. Es ist eben nicht nur ein weiterer Beitrag zur Kunst. Sondern auch das Reflektieren über gesellschaftliche Strukturen, das über die Kunstszene hinaus Gültigkeit hat.

    Nochmal mehr ein Grund, sich mit der Künstlerin zu beschäftigen!

    Herzliche Grüße
    Anke

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Anke,

      danke für das Kompliment! 🙂

      Ich wusste nicht, dass Marlene Dumas im Abitur thematisiert wird – sehr spannend zu wissen. Gerade ihre Auseinandersetzung mit Rassismus bietet hier sicher viele Diskussionspunkte, aber sicher auch ihre Darstellung von Terroristinnen. Das wäre eigentlich interessant zu erfahren, worauf hier in den Lehrplänen eingegangen wird.

      Ich gebe zu, dass ich vor der Ausstellung nicht so viel von Marlene Dumas gehört hatte – außer dass ich ihren Namen kannte, weil sie eine Zeit lang die teuerste zeitgenössische Künstlerin war. Nach der Ausstellung werde ich aber ab jetzt in Museen nach ihren Werken die Augen offen halten.

      Viele Grüße
      Angelika

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