Das 20. Jhd vor Gericht – Das Tribunal im Rahmen der ZKM-Globale

Eine Definition von Kultur funktioniert nicht ohne einen Verweis auf die Erinnerung – und auch die Kunst macht immer wieder die Erinnerungskultur zu ihrem Gegenstand. Anlässlich des 300. Stadtgeburtstags, den Karlsruhe in diesem Jahr begeht, widmen sich die Kunstmuseen in Karlsruhe daher verschiedenen erinnerungskulturell relevanten Aspekten, die in Bezug zur Stadtgeschichte stehen.

Während die Kunsthalle Karlsruhe etwa die Erinnerung an die Zeit als Residenzstadt im 18. Jahrhundert mit einer Ausstellung zur „Meister-Sammlerin Karoline Luise“ wach ruft, erinnert das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) an den Hintergrund seines Gebäudes, einer ehemaligen Waffenfabrik, und stellt aktuelle Bezüge her zur Rolle Karlsruhes als „Residenzstadt des Rechts“. Der Sitz des Bundesverfassungsgerichts, des Bundesgerichtshofs sowie der Bundesanwaltschaft wurde – als Prolog zu den Feierlichkeiten des 300. Stadtjubiläums – zum Schauplatz eines Tribunals. Angeklagt war das 20. Jahrhundert.

 

Das Tribunal

Vom 19. bis zum 21. Juni 2015 rief das ZKM / Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe zu einem „Prozess gegen die Verfehlungen des 20. Jahrhunderts und seine Verbrechen gegen Mensch, Tier und Natur“. Das Tribunal, eine „kritische Bestandsaufnahme des 20. Jahrhunderts“, setze sich aus einem Symposium, einer Panorama-Screen-Installation und einem begleitendes Filmprogramm zusammen. [1]

Irritierend erscheint zunächst, dass hier Völkermorde neben der Ausbeutung der Erde und der Ausrottung von Tierarten diskutiert werden sollten. Natürlich handelt es sich bei den diskutierten Themen grundsätzlich um Verbrechen, die von Menschen im 20. Jahrhundert begangen wurden, doch scheint es auf den ersten Blick verstörend, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit in einem Atemzug mit Verbrechen an der Natur genannt wurden. Eine Gleichsetzung der Verbrechen lag dem ZKM jedoch fern, das betont Peter Weibel, Vorstand des ZKM, Künstler und konzeptioneller Leiter des Tribunals, im Interview mit MusErMeKu:

 

Peter Weibel, Vorstand des ZKM und konzeptioneller Leiter des Tribunals, bei der Eröffnung des zweiten Tages - neben ihm der Gerichtshammer

Peter Weibel, Vorstand des ZKM und konzeptioneller Leiter des Tribunals, bei der Eröffnung des zweiten Tages – neben ihm der Gerichtshammer (Screenshot des Livestream – Angelika Schoder, 20.06.2015)

 

„Man kann Völkermorde, Massaker, Attentate und Verbrechen gegen Natur und Tiere grundsätzlich nicht vergleichen. Jedes Verbrechen wurde vor einem anderen Hintergrund mit einem anderen Zweck begangen, die kulturellen, historischen, politischen und nationalen Bedingungen sind ganz verschieden. Auch differieren die eingesetzten Waffen, die Opferzahlen und die gesellschaftliche und politische Wirkung der Verbrechen sehr stark. Natürlich ist ein Genozid eine andere Art von Verbrechen als das Ablagern von Atommüll, ein Attentat auf einen Politiker eine andere Form von Verbrechen als eine Vertreibung, die im Rahmen eines Kriegs veranlasst wurde – das steht außer Frage. Selbst innerhalb der jeweiligen „Verbrechenskategorien“ muss man differenzieren: der Holocaust ist anders zu behandeln als der Genozid von Ruanda oder an den Armeniern – alle diese Verbrechen sind unter anderen Bedingungen in einem anderen Kontext begangen worden, zogen sich über einen unterschiedlichen Zeitraum hin, umfassten unterschiedliche geografische Gebiete, hatten unterschiedliche Täter- und Opferzahlen etc. Insofern kann kein Verbrechen mit einem anderen gleichgesetzt werden.

Das Tribunal will die Verbrechen daher nicht gleichsetzen, sondern vielmehr darauf hinweisen, wie viele unterschiedliche Verbrechen im 20. Jahrhundert begangen wurden und dazu anregen, sich mit allen Verbrechen in ihrem individuellen historischen, kulturellen und politischen Kontext gleichermaßen auseinanderzusetzen. Es ist hierbei ein besonderes Anliegen, gerade auch die Verbrechen zu thematisieren, die nicht hinreichend in Gesellschaft und Politik aufgearbeitet wurden und auch in den Medien nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben und noch immer nicht bekommen, die ihnen gebührt (z.B. der Völkermord an den Herrera). Grundlegend ist jedoch die Überzeugung, dass allen Verbrechen eine gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit gebührt – auch wenn sie in verschiedenen Kontexten begangen wurden und unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden müssen. Denn jedes Verbrechen, dass Todesopfer fordert, die Natur zerstört oder eine Misshandlung von Tieren zur Folge hat, erfordert die Selbstreflexion des Menschen – eine Selbstkritik und eine Hinterfragung unserer Lebensgrundsätze und -bedingungen. Aus diesem Grund werden in den Vorträgen, den Filmen und der Panorama-Installation Verbrechen unterschiedlicher Bereiche und Wirkung thematisiert und vorgestellt“, so Weibel. [2]

 

Der Hintergrund

Das ZKM nennt eine Reihe an Gerichtsprozessen als Inspirationsquelle für das Tribunal, allen voran Franz Kafkas Roman „Der Process“ (1914/15). Die Hauptfigur in Kafkas Roman sieht sich hier einer absurden Bürokratie ausgeliefert und scheitert am Versuch, ein ihm unverständliches Ereignis – seine Verhaftung – zu bewältigen. Um die Aufklärung und Bewältigung des Unbegreiflichen ging es auch in den Nürnberger Prozessen (1945/46), die ebenfalls vom ZKM als Orientierungspunkt für das Tribunal genannt werden. Diese stünden „als erster internationaler Prozess gegen die Kriegsverbrechen beispielhaft für die juristische Verhandlung der individuellen Schuld an Vergehen gegen die Menschlichkeit“, so das ZKM.

Als weitere wichtige Einflüsse werden der dadaistische Scheinprozess André Bretons (1921) gegen den ins reaktionäre Lager abgedrifteten Schriftsteller Maurice Barrès genannt, bei dem eine Schaufensterpuppe als Angeklagter diente. Neben diesem Kunstprozess wird jedoch vom ZKM noch auf einen weiteren real existierenden Prozess verwiesen, und zwar auf das „Vietnam War Crimes Tribunal“ (1966/67), das in den folgenden Jahrzehnten immer wieder aufgegriffen wurde, um Menschenrechtsverletzungen juristisch zu verfolgen.

 

Die beiden Moderatoren des Tribunals: Raphael Zagury-Orly, Dozent an der Bezalel-Akademie für Kunst und Design in Jerusalem und Gastprofessor für Philosophie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, und Joseph Cohen, Dozent für Philosophie am University College Dublin und Gastprofessor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe

Die beiden Moderatoren des Tribunals: Raphael Zagury-Orly (li.), Dozent an der Bezalel-Akademie für Kunst und Design in Jerusalem und Gastprofessor für Philosophie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, und Joseph Cohen (re.), Dozent für Philosophie am University College Dublin und Gastprofessor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (Screenshot des Livestream – Angelika Schoder, 19.06.2015)

 

Die Ankläger

Dem ZKM gelang es, eine Reihe namhafter Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft für Vorträge im Rahmen des Symposiums des Tribunals zu gewinnen. Es sprachen unter anderem der Politikwissenschaftler Roger Berkowitz, Dozent für Politik und Menschenrechte am Bard College und Direktor des Hannah Arendt Center for Politics and Humanities, zum Thema „How to Love Our World: Hannah Arendt’s Judgement of Adolf Eichmann“; der Historiker Mihran Dabag, Direktor des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung und Professor an der Ruhr-Universität Bochum, zum Thema „Gestaltung durch Vernichtung. Weltanschauliche Rahmungen von Völkermorden im 20. Jahrhundert“; die Soziologin Saskia Sassen, Professorin an der Columbia University, unter dem Titel „Expulsions“ zum Thema Globalisierung und Migration; oder der Schriftsteller Peter Sloterdijk, Professor für Philosophie und Ästhetik sowie Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, unter dem Titel „Was geschah im 20. Jahrhundert“ über die Ausbeutung der Erde. [3]

 

Teilnehmer des Symposiums bei der Diskussion: Raffael Gross (li.), Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig und Direktor des Simon-Dubnow-Instituts, Jurist Claude Klein (Mitte li.), Emeritus der Hebrew University of Jerusalem, Norman Naimark (Mitte re.), Professor für Geschichte und Direktor Globale Studien der Stanford University, und Jan M. Piskorski (re.), Professor für Vergleichende Europastudien an der Universität Szczecin in Polen (u.a.)

Teilnehmer des Symposiums bei der Diskussion: Raffael Gross (li.), Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig und Direktor des Simon-Dubnow-Instituts; Jurist Claude Klein (Mitte li.), Emeritus der Hebrew University of Jerusalem; Norman Naimark (Mitte re.), Professor für Geschichte und Direktor Globale Studien der Stanford University; und Jan M. Piskorski (re.), Professor für Vergleichende Europastudien an der Universität Szczecin in Polen (Screenshot des Livestream – Angelika Schoder, 20.06.2015)

 

Die Wissenschaftler und Künstler von der Teilnahme zu überzeugen, war dabei sehr unproblematisch: „Es bedurfte keiner schweren Überzeugungsarbeit. Die meisten Sprecher waren begeistert und haben sofort zugesagt“, so Peter Weibel gegenüber MusErMeKu. Ein inhaltliches Briefing der Sprecher seitens des ZKM fand zuvor übrigens nicht statt.

Auch die Themen und das Vortragsformat (Buchvorstellung, wissenschaftlicher Vortrag, Werkpräsentation oder ähnliches) wurden im Vorfeld vom Veranstalter offen gelassen. Die Auswahl der Sprecher war nach Forschungsschwerpunkten und beruflichem Tätigkeitsfeld erfolgt. Da einige angefragte Wissenschaftler aus terminlichen Gründen abgesagt hatten, sei die Auswahl der Sprecher des Tribunals aber nicht repräsentativ, wie Peter Weibel im Interview betonte.

 

Jürgen Zimmerer, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg und Präsident des International Network of Genocide Scholars (INoGS), spricht zum Thema "The First German Genocide (1904–1908) in Context: Towards a Postcolonial Reading of Germany's Racial Century"

Jürgen Zimmerer, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg und Präsident des International Network of Genocide Scholars (INoGS), spricht zum Thema „The First German Genocide (1904–1908) in Context: Towards a Postcolonial Reading of Germany’s Racial Century“ (Screenshot des Livestream – Angelika Schoder, 19.06.2015)

 

Das Gesamtkonzept

Wie bereits angesprochen, umfasste das Tribunal nicht nur das Symposium sondern auch eine Installation und ein begleitendes Filmprogramm. Auf Panorama-Screens lieferte die von Peter Weibel konzipierte Installation mit dem Titel „Der kälteste Planet des Universums: Das menschliche Herz. Gewalt und Genozide im 20. Jahrhundert“ verschiedene Hintergrundinformationen zu den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die im Rahmen des Tribunals angeklagt wurden. In der Installation, die noch über das Tribunal hinaus bis zum 9. August 2015 im Panorama-Lab des ZKM zu sehen ist, werden rund 150 Ereignisse wie Völkermorde, Kriegsverbrechen, Bürgerkriege oder terroristische Anschläge aus dem 20. Jahrhundert mittels Text- und Bildmaterial dargestellt. Die chronologische Übersicht, in der mittels einer interaktiven Steuerung weitere Fakten und Bilder zu bestimmten Verbrechen abgerufen werden können, erinnert vom Konzept her stark an die „Crimes Against Humanity Exhibition“, die im Imperial War Museum London (IWM) vom Dezember 2001 bis zum Januar 2013 zu sehen war.

Ähnlich wie in der Ausstellung des IWM, bei der der Besucher selbst über die aktuellen Bezüge und Krisenherde reflektieren sollte, wird auch im ZKM die Reflexionsfähigkeit der Besucher angesprochen. „Der kälteste Planet des Universums“ thematisiert die unterschiedliche Darstellung, Einordnung und Bewertung der Verbrechen in den Online-Medien. Es zeigt sich, dass einige Verbrechen – etwa der Holocaust – mit umfangreichen Bildern und Hintergrundinformationen im Netz belegt sind, während andere Verbrechen kaum dokumentiert wurden. Hinterfragt wird in Peter Weibels Installation insbesondere auch die Verlässlichkeit von Daten, die über das Netz abrufbar sind. Hier zeigt sich eine starke Parallele zur „Crimes Against Humanity Exhibition“ des IWM, denn auch dort wurde die Darstellung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Medien thematisiert und hinterfragt. [4]

Neben der Installation bot das ZKM vom 19. bis zum 21. Juni auch ein begleitendes Filmprogramm im Rahmen des Tribunals, in dem im Schwerpunkt die Verbrechen an der Natur und an Tieren thematisiert wurden. Aufgegriffen wurde die Verschmutzung der Natur durch Müll und Umweltgifte, aber auch die Folgen der Nahrungsmittelproduktion und die Zustände in der Tierhaltung. Gezeigt wurden unter anderem „Monsanto: mit Gift und Genen“ (2008) von Marie-Monique Robin, „Albtraum Atommüll“ (2009) von Eric Guéret und „We feed the World“ (2005) von Erwin Wagenhofer.

Zum Konzept gehörte auch ein Livestream des Symposiums im Netz – eine konsequente Umsetzung des Anspruchs eines „Ereignisses im digitalen Zeitalter“, der mit der GLOBALE verbunden wird, in deren Rahmen das Tribunal stattfand. Zur Bedeutung des Livestream erklärte Peter Weibel auf die Nachfrage von MusErMeKu:

„Die Digitale Revolution beschert dem Museum neue Optionen, sowohl im Ausstellungsraum wie auch im Wissensraum des Netzes. Nicht nur neue Zugänge zu alten Inhalten, sondern auch neue Inhalte sollen geschaffen werden. Interessierte aus aller Welt sollen an der wissenschaftlichen Forschung teilhaben: Mit dem Livestream des Tribunals adressiert das ZKM nicht nur den Museumsbesucher im Realraum, sondern explizit auch den virtuellen Besucher“, so Peter Weibel.

 

Der Ort und die GLOBALE

Das ZKM bezeichnet den Veranstaltungsort des Symposiums als „Mahnmal der im Tribunal verhandelten Verbrechen“. Seit 1997 ist das ZKM in einem ab 1915 errichteten Industriebau untergebracht, einer ehemaligen Waffen- und Munitionsfrabrik. In der Rüstungsfabrik waren in der NS-Zeit tausende Zwangsarbeiter tätig, teils unter schlimmsten Bedingungen. Der „Hallenbau A“, ein 4-stöckiges Gebäude mit 16.500 m² Grundfläche, ist der letzte noch erhaltene Bau einer Werksanlage, die in Karlsruhe seinerzeit die Größe eines Stadtteils umfasste. Das Symposium zum Tribunal fand in einem der zehn Lichthöfe des Gebäudes statt, welches vom ZKM als „Ort der Menschenverachtung“ aufgrund seiner Rolle als Produktionsstätte von Massenvernichtungswaffen bezeichnet wird. [5]

 

Der Hallenbau des ZKM -Veranstaltungsort des Tribunals - als geschichtsträchtiger Ort der zeitgleich als Mahnmal fungiert

Der Hallenbau des ZKM -Veranstaltungsort des Tribunals – als geschichtsträchtiger Ort der zeitgleich als Mahnmal fungiert (Screenshot des Livestream – Angelika Schoder, 19.06.2015)

 

Im Rahmen der GLOBALE nimmt das ZKM den Baubeginn des Gebäudes vor 100 Jahren zum Anlass, sowohl der Baugeschichte als auch der Geschichte der ehemals hier ansässigen Munitionsfabrik zu gedenken. Das über 300 Tage angelegte „neue Kunstereignis im digitalen Zeitalter“, wie es das ZKM selbst bezeichnet, umfasst Installationen und Kunstwerke, Performances und Konzerte, aber auch Vorträge und Konferenzen. Das Tribunal fungierte als Prolog zur GLOBALE. [6]

 

#ZKMglobale: 19. Juni 2015 bis zum 17. April 2016

Mehr über die GLOBALE des ZKM

 

Bilder: Screenshots aus dem Livestream des ZKM (Angelika Schoder, 19. und 20.06.2015)

Header-Bild: Angelika Schoder, auf Basis eines Screenshots des Livestream

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Der Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade #KultDef, in der Tanja Praske nach Kulturdefinitionen fragt.

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Fußnoten:

[1] GLOBALE: Das Tribunal – Ein Prozess gegen die Verfehlungen des 20. Jahrhunderts, ZKM (20.06.2015)

[2] Das Interview mit Peter Weibel wurde via E-Mail am 16. Juni 2015 geführt, im Vorfeld der Veranstaltung.

[3] Das Tribunal – Themen und SprecherInnen, ZKM (20.06.2015)

[4] dazu: Angelika Schoder: Die Vermittlung des Unbegreiflichen. Darstellungen des Holocaust im Museum, Frankfurt a.M. 2014, S. 138-140.

[5] Christiane Riedel: 100 Jahre Hallenbau, Blog des ZKM (20.06.2015)

[6] GLOBALE: Das neue Kunstereignis im digitalen Zeitalter, ZKM (20.06.2015)

9 thoughts on “Das 20. Jhd vor Gericht – Das Tribunal im Rahmen der ZKM-Globale

  1. Pingback: Blogparade: "Kultur ist für mich ..." - Aufruf #KultDef

  2. Alexandra Antworten

    Liebe Angelika !

    Spannender Bericht über eine Veranstaltung, die ich leider nicht live verfolgen konnte – vor allem der Vortrag von Raphael Gross „Franz Kafka, Hans Kelsen und die Normativität des Bösen“ hätte mich sehr interessiert.

    Wurde am Schluss auch ein Urteil gefällt ? Oder wurde die Verhandlung geschlossen und die Entscheidung ergeht schriftlich ?

    Blickt man auf das Programm so wurden doch in erster Linie Vorträge gehalten, ich denke, dass hier eine noch stärkere Imitation bzw. Umsetzung eines Gerichtsprozesses auch nicht uninteressant gewesen wäre. Gerade im 20. Jahrhundert ist dermaßen viel passiert, da hätte sich noch viel mehr angeboten.

    Liebe Grüße
    Alexandra

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Alex,

      vielen Dank für deine Nachfrage!
      Ich möchte hier aber nicht vorgreifen, denn ich weiß, dass eure Kollegin Maria Männig von art[in]crisis noch ausführlicher zum Konzept kommentieren wollte. Sie war vor Ort im Publikum – das ja als Geschworene fungieren sollte – und wird daher hier noch ihr eigenes Urteil zum Gerichtsprozess fällen!

      Ich warte ihren Kommentar daher ab und diskutiere dann gerne mit – ich vermute unsere Eindrücke gehen in eine ähnliche Richtung…

      Viele Grüße
      Angelika

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Alex,

      vielen Dank für den Literaturtipp!

      Viele Grüße
      Angelika

  3. Tanja Praske Antworten

    Liebe Angelika,

    endlich komme ich dazu, mich bei dir für diesen gehaltvollen Beitrag zu #KultDef bedanken – dein 2. nach den Ausführungen zu #emptyhamburgerKunsthalle – also, einen doppelten Dank für deine tollen Posts!

    Ich wollte mir die Ruhe gönnen, deinen Post zu lesen, auch wenn es jetzt schon wieder recht spät ist. Das Symbosium wurde leider nicht via Twitter bzw. kaum und nicht moderiert begleitet. Eigentlich schade, da ein Thema wie dieses weitere Schauplätze und weitere Diskussionspartner verdient hätte. Musste schmunzeln als ich die Tweets mit Bild von Erwin Wurms Installation sah, sofort viel mir der eifrige Ordnungshüter ein, der Knöllchen verteilte.

    Nun, ich bin sehr neugierig was @mizzy_schnyder über die Veranstaltung schreibt. Du gibst hier schon einen sehr facettenreichen und spannenden Einblick – merci dafür!

    Herzlich,
    Tanja

    Spannend, was zur #ZKMGlobale gemacht wurde. Ich habe gerade auf Twitter nachgeschaut

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Tanja,

      mich hat das Tribunal sehr stark an eine klassische Konferenz erinnert: Namhafte Referenten, von denen man oft die wichtigsten Positionen aus ihren Vorträgen ohnehin schon im Vorfeld gelesen hatte; je nach Akzent und Vortragsqualitäten bietet sich Sekundenschlaf an; im Anschluss werden höfliche Fragen von anderen Vortragenden gestellt – typischerweise aber eher nicht aus dem Publikum. Was man in einem anderen (universitären) Rahmen als gelungene Konferenz bezeichnen könnte, war mir im Rahmen des Konzepts des Tribunals etwas zu wenig…

      Getwittert wurde kaum aus dem Publikum – Maria Männig gehörte zu den wenigen, was auch daran liegen könnte, dass man das Publikum teilweise als „nicht besonders zahlreich“ bezeichnen könnte. Leider haben auch die anwesenden Tribunal-Redner kaum begleitend getwittert, obwohl einige bei Twitter sind. Einzig das ZKM selbst hat die 3-tägige Veranstaltung gut via Twitter begleitet, Veranstaltungsmoderator Joseph Cohen twitterte immerhin auch gelegentlich, begnügte sich aber meist mit Fotos der Vortragenden.

      Fakt ist, dass sich das Tribunal kaum von vergleichbaren Symposien unterschieden hat. Jedes Jahr finden allein in Deutschland eine Reihe an Konferenzen zu genau den im Tribunal diskutierten Themen statt – und das Tribunal reiht sich für mich unauffällig ein, ohne hervorzustechen. Leider schlägt mittlerweile jedes beliebige BarCamp größer Wellen, was (digitale) Interaktion und Partizipation angeht, als eine solche Konferenz…

      Viele Grüße
      Angelika

  4. Maria Männig Antworten

    Liebe Angelika,
    ebenfalls von mir noch offiziell ein herzliches Dankeschön für diesen tollen Beitrag, der in vielerlei Hinsicht Konzepte von Liveness in Frage stellt. Will heißen: durch die implementierten Screenshots wirkt es sehr authentisch, fast so, als sei Musermeku vor Ort gewesen, was sich durch das Interview noch verstärkt.

    Was Tanja bereits monierte, kritisiere ich ebenfalls. Für meine Begriffe ist die Social-Media-Strategie, die das ZKM fährt in keiner Weise ausreichend. Dies ist vor allem angesichts der Thematiken, wie sie sich im Titel „GLOBALE/DIGITALE“ sowie in den Ausstellungskonzepten zur Infosphäre manifestieren sollen, eigentlich beschämend. Am Sonntag habe ich getwittert, aber die Tweets gingen sozusagen ins Off, u.a. weil es keine Moderation gab. Kritisches wird sowieso unter den Teppich gekehrt. Insgesamt beobachte ich derlei öfter, wenn es um Vermittlung von zeitgenössischer Kunst geht. Man kann über die Ursachen nur Vermutungen anstellen. Ich vermute strukturelle Probleme, immerhin geht es hier viel stärker um eine gewisse Diskurshoheit.

    Das Tribunal hatte tatsächlich mehr Konferenz-, als Prozesscharakter. Ich stimme mit Alexandra darin überein, dass eine performativere Umsetzung der Veranstaltung zu Gesicht gestanden hätte.
    Besonders durch die Nichteinhaltung des Zeitplans am Sonntag endete das Tribunal höchst unfokussiert. Vielmehr musste statt dessen Peter Sloterdijk nach gefühlt zwei Stunden Redezeit vom Podium gebeten werden. Insbesondere die beiden letzten Redner Bazon Brock und Sloterdijk hebelten m.E. die angestrebte postkoloniale Perspektive aus, indem sie einen Eurozentrismus zementierten. Dies etwa durch Aussagen wie, die europäischen seien universale Werte (Brock). Mein Problem war u.a. dass vorwiegend weiße Männer globale Themen verhandelten. Das empfand ich insgesamt im Vorfeld bereits als große Anmaßung.

    Es grüßt,
    Maria

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Maria,

      vielen Dank für deinen Kommentar.

      Mich würde nach wie vor interessieren, wie viele Zuschauer die Veranstaltung via Livestream verfolgt haben. Prinzipiell ein sehr gutes Angebot, das ich zu schätzen gewusst habe. Parallel habe ich auch Twitter verfolgt – hätte in Anbetracht der vom ZKM gewitterten Inhalte aber hierauf auch verzichten können, da es keinen Mehrwert ergänzend zum Livestream gab, sondern lediglich Hinweise, diesen einzuschalten. Hier hätte ich mir mehr (oder überhaupt) Interaktion erwartet, wenn schon – wie du auch anmerkst – das Digitale als Fokus angekündigt war. Immerhin auf meinen Hinweis via Twitter, dass am Samstag zunächst der Ton ausgefallen war, wurde umgehend reagiert…

      Was die Vortragenden angeht, hat Peter Weibel zwar im Interview betont, dass man mehr Referenten angefragt habe und diejenigen, die zugesagt haben, daher als nicht repräsentativ angesehen werden können. Aber es ist – wie leider bei vielen vergleichbaren klassischen Konferenzen zu den diskutierten Themen – in der Tat wieder auffällig gewesen, welche Perspektiven hier nicht oder unterrepräsentiert waren…

      Viele Grüße
      Angelika

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