Keine Angst vor dem Shitstorm: Das Bachhaus bei Facebook

Irgendwann kommt der Shitstorm – davor haben viele Institutionen Angst, wenn sie in Sozialen Medien aktiv sind. Vielleicht sind die Bedenken auch so groß, dass die Entscheidung sogar gegen die Nutzung von Social Media ausfällt.

Jörg Hansen kann diese Sorgen nicht verstehen – der Geschäftsführer und Direktor des Bachhaus in Eisenach hat Facebook zur Chefsache erklärt. Via Smartphone hat er die Seite des Bachhauses bei Facebook immer im Blick, postet Beiträge, beantwortet Fragen – und lässt sich auch nicht erschüttern, wenn es mal ein bisschen stürmt.

 

Thüringer Museen bei Facebook

Wie eine Erhebung von Marlene Hofmann zeigte, sind Museen in Thüringen nicht gerade prominent in Sozialen Medien vertreten. Von knapp 210 Museen des Thüringer Museumsverbands sind beispielsweise nur 41 Einrichtungen bei Facebook – also rund 20 %. (Von der Nutzung anderer Social Media Plattformen ganz abgesehen.)

Hinzu kommt, so Marlene Hofmann, dass zahlreiche Facebook-Seiten der Museen schon länger nicht mehr aktiv gepflegt werden, da das Engagement vermutlich von einzelnen Mitarbeitern abhängig war, deren Arbeit nach ihrem Weggang nicht mehr fortgesetzt wurde. Möglich, dass mitunter auch Zeitmangel ein Grund ist, warum Facebook-Seiten nicht mehr aktualisiert werden – vielleicht geht es im Tagesgeschäft bei dem einen oder anderen Museum einfach unter.

 

Das Bachhaus und Social Media

Das Bachhaus kennt diese Probleme nicht. Mit seinen rund 1.400 Fans (Anfang Juni 2015) zählt die Institution mit zu den erfolgreichsten und aktivsten Thüringer Museen bei Facebook. Treibende Kraft hinter dem Engagement in dem Sozialen Netzwerk ist der Direktor des Museums, Jörg Hansen. MusErMeKu traf ihn jetzt anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung „Bach in Berlin“ zum Interview.

 

Warum hat sich das Bachhaus für eine Facebook-Seite entschieden?

Jörg Hansen: „Wir haben 2013 anlässlich des Bach-Geburtstags mit Facebook begonnen. Damals hatten wir das Glück über eine Arbeitsfördermaßnahme eine Dame zu bekommen, die uns erklärte wie Facebook funktioniert, welchen Ton man anschlagen muss und wie man Beiträge plant. Als Museum steht man ja erstmal davor, man hatte früher einen Newsletter, der ist aber heute nicht mehr so gewünscht und Facebook ist jetzt sozusagen „das Ding“.“

 

Wer pflegt die Seite des Bachhauses bei Facebook?

JH: „Man sagt zwar immer, die junge Generation geht von Facebook weg – das ist aber Quatsch. Bei uns sind es gerade die jungen Leute, die im Bachhaus ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Kulturbereich absolvieren, die mit Eifer unsere Seite pflegen, Fotos machen und Beiträge einstellen. Mir selbst macht es auch Spaß – auch wenn es ein anderes Medium ist, als ich mir zunächst vorgestellt habe.“

 

Welche Erwartungen kann ein Museum an Facebook stellen?

JH: „Man stellt sich das am Anfang immer etwas naiv vor, dass man sagt wenn man übermorgen ein Konzert hat, dann schreibt man einen Facebook-Post – oder selbst eine Woche vorher – und plötzlich ist dann der Konzertsaal voll. Man denkt, alle Leute wissen dann, dass das stattfindet und alle kommen. Oder als wir einen sehr schönen Kupferstich-Katalog über Bachs Freunde herausgegeben hatten, dachten wir, wir stellen ein paar Bilder und ein paar Texte bei Facebook rein, damit die Leute darauf aufmerksam werden, und dann bekommen wir Bestellungen für den Katalog. Aber Pustekuchen: Es kam keine Bestellung.

Facebook ist also nicht das Medium, mit dem man den Kunden bekommt – und vielleicht auch nicht den Gast. Es ist vielmehr ein Medium, mit dem man Kundenkontakte pflegt und mit dem man ehemaligen Besuchern eine Art Postkarte nach Hause schickt und sagt „Hallo, uns gibt es noch! Schaut mal, wie schön es hier ist.“ Wir hoffen natürlich, dass die Facebook-Fans uns vielleicht Freunden und Bekannten weiterempfehlen. Aber wir sehen Facebook generell eher als ein lockeres Medium, das vor allem Freude machen soll.“

 

Hat das Bachhaus eine bestimmte Facebook-Strategie, etwa einen Redaktionsplan wann welche Inhalte gepostet werden?

JH: „Na ja, zumindest wissen wir, wie wir planen können. (lacht) Aber meistens ist es ungeplant, etwa wenn man spontan ein schönes Motiv findet oder wenn wir interessante Besucher im Museum haben. Eine klassische Situation ist auch, wenn man mitten in einer Ausstellungsvorbereitung ist und einem einfällt, man könnte jetzt mal ein Foto davon posten. Das sind auch immer die Bilder die dann am meisten geliked werden. Facebook ist ein spontanes Medium, das merken auch die Fans und honorieren es.“

 

Gibt es Inhalte, die bei den Facebook-Fans besonders gut ankommen?

JH: „Unsere Reichweite ist relativ konstant, aber es gibt immer wieder Überraschungen, dass plötzlich etwas besonders oft geteilt wird. Wir hatten vor kurzem ein französisches Orchester zu Gast, das spontan vor dem Museum ein kleines Konzert gegeben hat. Die waren auf der Durchreise und hatten glaube ich ein Gastspiel in der Nähe. Die haben dann beschlossen, sich bei dem schönen Wetter vor das Bachhaus zu stellen und ein paar Stücke zu spielen.

Eine Mitarbeiterin von uns hatte – mit der Erlaubnis des Orchesters – den spontanen Auftritt gefilmt und wir haben es dann gleich online gestellt. Das hat sich in Windeseile verbreitet und wir hatten eine Reichweite von 3.000-4.000 am Ende. Das sind Inhalte, die dann plötzlich funktionieren. Man kann es selbst nicht planen. Bisher haben wir übrigens noch nicht für Reichweite gezahlt, auch wenn wir darüber nachdenken, es mal für die Ankündigung von einem Konzert auszuprobieren.“

 

Teilweise scheuen sich Museen vor Facebook, nicht nur wegen des Arbeitsaufwands sondern auch wegen der Angst vor einem Shitstorm. Hat das Bachhaus auch schon negative Erfahrungen mit der Facebook-Seite gemacht?

JH: „Ja, wir hatten auch schon böse Reaktionen. Wir hatten gemeinsam mit dem Lutherhaus an einer Aktion gegen Rechts teilgenommen. Die NPD war hier so dümmlich und hat geworben mit Bach und Luther und dem Slogan „Wir wählen richtig.“ – das war letztes Jahr bei der Kommunalwahl. Das wollten wir nicht so stehen lassen, da gab es dann auch böse Reaktionen. Wir haben bei den Kommentaren nicht eingegriffen, denn wenn man anfängt zu reagieren, beruhigt es die Situation ja nicht gerade. Das muss man dann eben auch mal ertragen.“

Der Facebook-Post des Bachhauses vom 6. Mai 2014 stieß nicht nur auf positive Reaktionen (Screenshot vom 04.06.2015)

Der Facebook-Post des Bachhauses vom 6. Mai 2014 stieß nicht nur auf positive Reaktionen (Screenshot vom 04.06.2015)

 

Wie erklären Sie sich, dass so wenige Thüringer Museen bei Facebook aktiv sind?

JH: „Ich finde es schade, denn die Pflege von Facebook ist zum Beispiel weniger aufwendig als die Erstellung eines Newsletters. Der würde heute den Leuten nur das E-Mail Postfach zustopfen und keiner will ihn mehr haben. Viele Museen geben sich bei ihren Newslettern immernoch unglaublich Mühe, während Facebook viel informeller ist. Man stellt etwas direkt ein, wenn es gerade anliegt und die Leute, die sich dafür interessieren, lesen es.

Vor allem bekommt man aber auch gleich ein Feedback. Ich finde, Facebook ist eine super einfache Art mit Fans und anderen aufmerksamen Akteuren in Kontakt zu bleiben und kann es nur empfehlen. Solange man es nicht bierernst nimmt und nicht erwartet, dass es große Umsätze macht, ist Facebook einfach etwas, das Spaß macht. Und es ist auf Augenhöhe mit dem Publikum.“

 

Denken Sie, dass auch Sorgen um Datenschutz einige Museen von der Facebook-Nutzung abhalten?

JH: „Viele denken vermutlich, sie müssten ihre Privatsphäre opfern, denn man muss ja erst einen privaten Account haben, um eine Facebook-Seite zu pflegen. Das man dann bei Facebook registriert ist, ist sicher für viele ein Problem, gerade wenn sie vorher nicht bei Facebook waren. Deswegen klappt es mit den FSJ’lern immer sehr gut, denn die sind oft sowieso schon dort und die meisten wissen auch, wie sie ihre Privatsphäre-Einstellungen so ändern, dass nicht jeder plötzlich alles von einem sieht. Ich denke, das kann man also regeln, daher sollte das die Museen nicht abschrecken.“

 

Wie sieht die Zukunft des Bachhauses in Social Media aus?

JH: „Wenn sich der eine oder andere Mitarbeiter plötzlich für ein bestimmtes Soziales Netzwerk interessiert – zum Beispiel Twitter – und uns dann davon überzeugt, dann würden wir das auch machen. So war es damals bei Facebook auch. Allgemein sind aber alle immer sehr in den Arbeitsalltag eingebunden – und Facebook läuft dann nebenher. Aber wenn sich die Gelegenheit ergibt, vielleicht nutzen wir irgendwann auch mal eine andere Plattform.“

Vielen Dank!

 

 

>>> Der Besuch des Bachhauses und das Interview fand im Rahmen einer Pressereise (#BachInBerlin) statt. Die Reise wurde vom Bachhaus initiiert und finanziert und von Artefakt Kulturkonzepte organisiert.

Header-Bild: Angelika Schoder – Eisenach, 2015

_____________________________________________

Ähnliches Thema:

3 Antworten auf „Keine Angst vor dem Shitstorm: Das Bachhaus bei Facebook“

  1. Liebe Angelika,
    das ist ja toll, mal eine persönliche Stimme aus einem Thüringer Museum zu hören, super! Ich finde es toll, wie im Bachhaus offenbar bei Facebook alle an einem Strang ziehen und der Direktor selbst immer einen Blick drauf hat. Dann ist das wirklich nicht viel Arbeit, so eine Seite zu pflegen.
    Interessant finde ich die Meinung zu Newslettern. Ich selbst sehe das auch eher als Spam meines Postfachs, den ich selten lese. Aber ich kenne auch Marketing-Fachleute, die darauf schwören, dass Newsletter das allerbeste Mittel sind, Kunden zu binden und können auch mit Zahlen belegen, wie oft die angeklickt werden.

    Viele Grüsse und danke fürs Verlinken!
    Marlene

    1. Liebe Marlene,

      ich finde es auch schön, dass Facebook im Bachhaus im ganzen Team akzeptiert ist und eben auch Rückhalt beim Direktor hat. Teilweise ist es in Institutionen ja so, dass Social Media von wenigen gepflegt wird (oder von einem) und gerade die Leitung es als Spielerei abtut.
      Der Meinung zu Newslettern kann ich mich zumindest aus meiner persönlichen Perspektive anschließen. Da ich den Institutionen und Personen, die mich interessieren, auf ihren Social Media Kanälen folge, bekomme ich immer direkt mit was gerade los ist – so kann ich auf einen zeitverzögerten Newsletter gerne verzichten. Wahrscheinlich gibt es aber auch Zielgruppen, die man nicht mit Social Media sondern nur mit Newsletter erreicht. Das muss dann jeder selbst für sich entscheiden, ob er beim Newsletter bleibt oder statt dessen lieber auf Social Media setzt – oder beides zur Kommunikation nutzt.

      Viele Grüße
      Angelika

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.