Die MusErMeKu-Playlist zu GauguinSounds

Wie klingen ein Gemälde oder eine Skulptur? Welche Emotionen ruft das Betrachten hervor? Welches Lied könnte mit diesen Emotionen verknüpft sein? Und umgekehrt: Hat man beim Hören einiger Lieder direkt Bilder vor Augen?

Diese und ähnliche Fragen könnte man sich stellen, wenn man sich mit dem Konzept des Projekts GauguinSounds beschäftigt, das von der Fondation Beyeler zur aktuellen Gauguin-Ausstellung ins Leben gerufen wurde.

Ein gemeinsamer Blogbeitrag
von Angelika Schoder und Damián Morán Dauchez.

 

Der Sound von Gauguins Werken

Vom 8. Februar bis zum 28. Juni 2015 zeigt das Schweizer Museum Fondation Beyeler in einer Ausstellung die wichtigsten Werke des französischen Künstlers Paul Gauguin (1848 – 1903). Teil des ausgeklügelten Kommunikationskonzepts ist eine Kooperation mit der Musikstreaming-Plattform Spotify. Unter dem Hashtag #GauguinSounds ruft das Museum begleitend zur Ausstellung dazu auf, sich von den Werken Gauguins inspirieren zu lassen und dazu den passenden Soundtrack zu finden.

Der Ansatz der Fondation Beyeler ist ungewöhnlich, denn häufig wird Musik in Kunstmuseen ignoriert. Bestenfalls wird sie in Form von Konzerten als Teil des Begleitprogramms zu einer Ausstellung oder bei Sonderveranstaltungen eingesetzt. Für zu viele Menschen bezeichnet der Begriff Kunst scheinbar nur die Bildenden Künste. Dabei sind die Möglichkeiten, Tonkunst in der Szenographie eines Museums einzusetzen, groß. Es fehlt den Gestaltern wohl aber entweder an know-how, an Kreativität oder sogar an Mut, Musik in Kunstausstellungen mit einzubeziehen.

Vielleicht sind diese Vorbehalte darin begründet, dass während im 21. Jahrhundert niemanden mehr sagen würde, Kandinskys Werke seien keine Malerei, viele nach wie vor behaupten würden, das Werk von Künstlern wie Merzbow sei keine Musik. Wegzuschauen bleibt einfacher als wegzuhören. Den Menschen fällt es schwer, sich auf die musikalische Sprache zu konzentrieren und sie zu verstehen.

Auf ihrer Facebook-Seite beklagte sich die australische Pianistin Sally Whitwell (auf unserer MusErMeKu-Playlist ist ihre Interpretation von Philip Glass‘ „Methamorphosis II“ zu hören) einmal darüber, dass sobald ein Sänger auf der Bühne steht, sich das Publikum fast nur noch auf den Text des Songs konzentriert. Die Menschen scheinen sich nicht die Mühe machen zu wollen, den Ausdruck der Musik wahrzunehmen. (Kunst-)Museen sollten Besucher aber herausfordern – auch durch den Einsatz von Musik und Ton als Teil des Ausstellungskonzepts.

Darum ist das  Konzept von GauguinSounds sehr gut. Die Fondation Beyeler verbindet in dem Projekt Bild und Ton – und bleibt dabei kommerziell „ungefährlich“. Anstatt den Besucher zu irritieren – was zwar an sich eine gute Sache wäre, aber bei einer Gauguin-Ausstellung unpassend scheint – bietet das Museum eine Interaktion. Dem Besucher wird die Möglichkeit gegeben, persönlich eine Verbindungen zwischen verschiedenen Kunstformen herzustellen.

 

Die MusErMeKu-Playlist(s)

Als Redaktionsteam von MusErMeKu haben wir gemeinsam eine Playlist zu den in der Ausstellung gezeigten Werken Gauguins erstellt, die man in der App der Fondation Beyeler anhören kann, oder in voller Länge bei Spotify abonnieren kann.

Im Folgenden stellen wir je 10 Songs aus der MusErMeKu-Playlist vor, um zu erläutern was für uns hinter der Auswahl steckte. Gleichzeitig sind es auch für sich geschlossene Mini-Playlists zu unseren jeweiligen Lieblingswerken aus der Ausstellung.

 

Angelika

1 – GauguinSounds-Playlist Nr. 2)
Tying Tiffany: „One Girl“
Klingt wie: Hochmut
Madeleine Bernard, verso: Das weisse Ufer (Gauguin, 1888)

Hochmütig blickt Madeleine Bernard den Betrachter aus diesem Bild entgegen. Die Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen, während sie dem Maler Modell sitzt, scheinen sich alle in einer einzigen Sekunde abzuspielen.

 

2 – GauguinSounds-Playlist Nr. 4)
White Lies: „Strangers“
Klingt wie: Erste Vertrautheit
Bonjour Monsieur Gauguin (II) (Gauguin, 1889)

Vielleicht entspinnt sich zwischen dem Maler und der Landfrau eine kurze Liebesgeschichte? Erste Vertrautheit scheint schon vorhanden zu sein, Fremde sind sie also schon nicht mehr – und „Strangers“ ist ein Lied über eine flüchtige Liebe.

 

3 – GauguinSounds-Playlist Nr. 10)
Zola Jesus: „Nail“
Klingt wie: Vor dem Neuanfang
Grüner Christus (Gauguin, 1889)

Die Sängerin Zola trägt Jesus nicht nur im Namen. Ihr Song „Nail“ dreht sich um Zweifel und Verzweiflung, aber auch um die Hoffnung, von Leiden erlöst zu werden.

 

4 – GauguinSounds-Playlist Nr. 13)
St. Vincent: „Regret“
Klingt wie: Eine Erinnerung
Frau mit Blume (Gauguin, 1891)

Die Frau mit der gelben Blume wirkt nachdenklich und etwas sauer. Vielleicht erinnert sie sich gerade an einen Streit mit jemandem, den sie jetzt deshalb verloren hat.

 

5 – GauguinSounds-Playlist Nr. 18)
Vampire Weekend: „Cousins“
Klingt wie: Vor der Feier
Der Markt (Gauguin, 1892)

Ebenso gut gelaunt wie „Cousins“ wirkt die Marktszene in Gauguins Bild. Der Text des Songs erinnert an die Lästereien und Unterhaltungen auf einem Marktplatz – oder bei einer Party, zu der vielleicht die Cousinen auf dem Bild unterwegs sind.

 

6 – GauguinSounds-Playlist Nr. 20)
The Knife: „One For You“
Klingt wie: Neugier
Gibt’s was Neues? (Gauguin, 1892)

Vorsichtig schaut die Frau zur Seite, ob jemand vielleicht lauscht. Ebenso wie im Song „One For You“ versucht sie ihre Freundin auszufragen. Sie ist neugierig und möchte erfahren, was diese bedrückt.

 

7 – GauguinSounds-Playlist Nr. 29)
Robyn: „Love Kills“
Klingt wie: Der Trotz
Die unberührte Kindfrau Judith (Gauguin, 1893/94)

In dem Song warnt Robyn trotzig davor, dass Liebe verwirrt und verletzt; wenn man sich nicht davor schützt kann sie einen umbringen. Was an das Mädchen auf dem Bild gerichtet zu sein scheint, hätte sich auch Gauguin selbst zu Herzen nehmen sollen. Der Künstler hatte mehrere Beziehungen zu sehr jungen Frauen, fast Kindern. Letztendlich erkrankte er an Syphilis, die seinen Gesundheitszustand bis zu seinem Tod verschlechterte.

 

8 – GauguinSounds-Playlist Nr. 31)
Woodkid: „The Shore“
Klingt wie: Eine Wunschvorstellung
Süsse Träume (Gauguin, 1894)

Zwei junge Frauen sitzen am Ufer und und träumen in der Abendsonne von ihren Wünschen und Hoffnungen.

 

9 – GauguinSounds-Playlist Nr. 33)
Owl Eyes: „Diamonds In Her Eyes“
Klingt wie: Unentschlossenheit
Portrait of a Young Woman (Gauguin, 1896)

Das Mädchen auf dem Bild wirkt gedankenverloren und ein bisschen unglücklich. Sie denkt vielleicht über den Mann nach, für den sie schwärmt, dessen Liebe sie sich aber nicht gewiss ist.

 

10 – GauguinSounds-Playlist Nr. 36)
Woodkid: „Boat Song“
Klingt wie: Die Vollendung
Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (Gauguin, 1897/98)

Das Bild beschäftigt sich mit den Fragen des Lebens – und auch in „Boat Song“ geht es um den Lauf des Schicksals, ob man sich vom Strom des Lebens treiben lässt oder in der Lage ist, selbst die angestrebte Richtung anzusteuern.

 

 Damián

1 – GauguinSounds-Playlist Nr. 1)
Leonard Cohen: „Story of Isaac“
Klingt wie: Ein religiöser Widerspruch
Die Vision der Predigt (Gauguin, 1888)

Die Bretoninnen und der Priest beobachten den Kampf zwischen Jakob und dem Engel. Cohen schreibt eigentlich über Jakobs Vater, Isaac. Doch die Verbindung zwischen Modernität und dem Alten Testament wirkt genau so surrealistisch im Bild wie im Lied. Warum nicht mein Lieblingswerk von Gauguin mit meinem Lieblings-Singer-Songwriter verbinden?

 

2 – GauguinSounds-Playlist Nr. 12)
Dead Can Dance: „The Song of the Sybil“
Klingt wie: Wiedergeburt
Der Verlust der Unschuld oder Frühlingserwachen (Gauguin, 1890/91)

Das Gemälde vereint so viele ästhetische und konzeptionelle Elemente von Gauguins Werk, dass nur Dead Can Dance dazu passt. Ich hätte auch die ganze Playlist nur mit Liedern der Australier füllen können. Gauguin und Dead Can Dance passen einfach zu gut zusammen, besonders das Album „The Serpents Egg.“

 

3 – GauguinSounds-Playlist Nr. 7)
Einstürzende Neubauten: „Selbstportrait mit Kater“
Klingt wie: Kopfschmerz
Krug in Form eines Selbstbildnisses (Gauguin, 1889)

Die Liedauswahl war ein sogenannter no-brainer – und das gerade ein schlechter Witz zu Gauguins Skulptur. Den eigenen Kopf als Krug? Ich glaube, dass Gauguin und Blixa Bargeld (Autor des Songtextes) in diesem Fall die selbe Inspirationsquelle hatten.

 

4 – GauguinSounds-Playlist Nr. 6)
Philip Glass: „Metamorphosis II“
Klingt wie: Der Wandel der Dinge
Paysage en Bretagne (Gauguin, 1889)

Spätsommer in der Bretagne. Im Gegensatz zu Gauguins exotischeren (und vor allem exotisierenden) Werken, kenne ich diese Landschaft gut. Und keiner hat den Wandel der Dinge (und der Zeit) besser musikalisch ausgedrückt als Philip Glass in seinen Werken für solo Piano namens „Metamorphosis“.

 

5 – GauguinSounds-Playlist Nr. 39)
Ulver: „All the Love“
Klingt wie: Das Abwarten
Frauen am Meeresufer; Mutterschaft (I) (Gauguin, 1899)

Ich liebe den geduldigen Blick, den die Frauen hier auf Gauguin zu werfen scheinen. Es gibt etwas ruhiges und zärtliches in dem Bild, was mich an das Album „Shadows of the Sun“ von den Norwegern Ulver erinnert. Ein Album, aus dem man zweifelsohne mehr Lieder für diese Playlist hätte auswählen können.

 

6 – GauguinSounds-Playlist Nr. 8)
Kraftwerk:“Spiegelsaal“
Klingt wie: Verzerrung
Knabe (Gauguin, 1889)

Gauguin spiel hier mit den seltsamen Proportionen, die Heranwachsende manchmal entwinkeln. Als ich das Bild zum ersten mal sah, fragte ich mich, was der bretonische Knabe über sein Portrait wohl gedacht hätte. Da musste ich sofort an das Lied der Pioniere der elektronischen Musik denken.

 

7 – GauguinSounds-Playlist Nr. 24)
Róysín Murphy: „Ramalama (Bang Bang)“
Kringt wie: Ur-Weiblichkeit
Hina (Gaugin, 1892)

Die weiblichen Figuren bilden den Kern von Gauguins Lebenswerk. In seiner Plastik wirken diese Göttinnen vor allem eins: stark. Das erste solo Album von Róysín Murphy nach der Trennung von ihrer Band Moloko passt einfach sehr gut dazu.

 

8 – GauguinSounds-Playlist Nr. 34)
Happy Mondays: „24 Hour Party People“
Klingt wie: Eine Feier
Nave nave mahana (Herrliche Tage) (Gauguin, 1896)

Das Gemälde stellt eine Feier da. Jeder hat sicher ein Lied, an das er beim Wort „Feier“ denkt! Bei mir ist es „24 Hour Party People.“

 

9 – GauguinSounds-Playlist Nr. 30)
Anna von Hausswolff: „Mountains Crave“
Klingt wie: Ein Denkmal
Kopf eines Wilden (Gauguin, 1893)

Gauguin ist ein Produkt des Kolonialismus, er sieht sich trotzdem selbst als „Wilden.“ Hier setzt er sich selbst ein Denkmal aus Stein, das zwar grandios wirkt, aber nicht ewig ist – weil nichts ewig ist. Darum geht es in diesem Lied.

 

10 – GauguinSounds-Playlist Nr. 28)
Nico: „Janitor of Lunacy“
Klingt wie: Anbetung.
Hina Te Fatu (Hina und Te Fatu) (Gauguin, 1893)

Hier haben wir Hina wieder, aber in einer ganz anderen Pose. Kann die früher erwähnte Göttin so unterworfen wirken? Das Bild ist in erste Linie irritierend, schön auf eine sehr seltsame Art und Weise. Fast so wie Nicos Musik.

 

Die GauguinSounds Playlists

Bisher (Stand: 18.03.2015) wurden 34 Playlists für GauguinSounds erstellt – von Einzelpersonen wie dem Kurator der Ausstellung Raphael Bouvier oder dem Musiker Adam Green bis hin zu ganzen Gruppen, wie z.B. das Team des Ingenieurbüros iart, das den multimedialen Vermittlungsraum und die interaktiven Bücher in der Gauguin-Ausstellung realisierte. Der Musiker Reza Dinally hat sogar seine eigenen GauginSounds komponiert. Die 5 Songs sind unser Playlist-Tipp: Nur in der App der Fondation Beyeler sind sie in voller Länge verfügbar – unbedingt reinhören!

Unter dem Hashtag #GauguinSounds kann sich prinzipiell jeder über Social Media am Projekt beteiligen und Songs zu den Werken Gauguins vorschlagen.

 

 

>>> Der Besuch der Gauguin-Ausstellung fand im Rahmen der Bloggerreise #bsgauguinreise15 statt, die von Basel Tourismus / Art & Design Museums Basel initiiert und finanziert wurde. Angelika Schoder hat für MusErMeKu an der Bloggerreise teilgenommen, Damián Morán Dauchez war kein Teilnehmer der Reise.

Header-Bild: Angelika Schoder – Gauguin-Ausstellung in der Fondation Beyeler, 2015

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5 Gedanken zu „Die MusErMeKu-Playlist zu GauguinSounds

  1. Alexandra Pfeffer Antworten

    Liebe Angelika ! Lieber Damián !

    Danke für eure Playliste.
    Gefällt mir gut, eure Kurzbeschreibung eures Bildes und dies in Kontext zum Bild zu setzen. Besonders gefällt mir „Klingt wie“ – ein Wort, das Bild und Musik miteinander verbindet.
    Ich habe darüber jetzt länger nachgedacht und finde dies Verbindung von Musik und Bild sehr überlegenswert.

    Liebe Grüße
    Alexandra

    • Angelika Schoder

      Liebe Alexandra,

      tatsächlich stammt die Formulierung „klingt wie“ aus dem digitalen Playlist-Book, das uns von der Fondation Beyeler zur Verfügung gestellt wurde. Einen Screenshot einer Seite des Buchs findest du hier: http://musermeku.hypotheses.org/2741

      Der Aspekt zur Playlist hat uns einiges Kopfzerbrechen bereitet! Wenn man sich die Playlists anderer Personen oder Gruppen in der App der Fondation Beyeler anschaut, merkt man auch, dass das Feld „klingt wie“ oft nicht ausgefüllt wurde. Es ist auch wahnsinnig schwer, ein einziges Wort zu finden, dass zur Stimmung eines Kunstwerks passt und das gleichzeitig ein Lied oder ein Geräusch ist. Wir – und die meisten anderen Playlist-Ersteller – sind sehr abstrakt an die Sache herangegangen…

      Viele Grüße
      Angelika

  2. Pingback: Bloggerreise nach Basel - Paul Gauguin und Belle Haleine #bsgauguinreise15 -1

  3. Fondation Beyeler Antworten

    Ein toller Beitrag! Es ist einfach wahnsinnig interessant zu hören, wie verschiedene Menschen dasselbe Werk ganz anders fühlen. Oder ähnlich fühlen, aber das Gefühl anders „musikalisieren“. Oder aber sehr ähnliche Musikwahl für dasselbe Werk treffen, diese dann aber vollkommen anders interpretieren. Und genau an diesem Punkt ist es sehr spannend zu lesen, was ihr zu eurer jeweiligen Auswahl so gedacht habt. Eure so vielseitige Playlist rockt!

    • Angelika Schoder

      Vielen Dank für das Kompliment!

      Ich persönlich fand es erst überraschend, dass in den verschiedenen Playlists sehr unterschiedliche Musikstile ausgewählt wurden – denn Gauguins Werke hatten für mich eigentlich eine bestimmte Atmosphäre.
      Als ich dann die Playlists der Anderen durchgehört habe, hat es mir damit auch einen ganz anderen Blick auf die Werke eröffnet. Denn wenn jemand eine völlig andere Musikrichtung mit einem Werk verbindet, als man es selbst getan hat, denkt man darüber nach, was die Person vielleicht in dem Bild gesehen hat, das sie zu der Musikauswahl bewegt hat.
      #GauguinSounds bietet eine sehr gute Möglichkeit, mehrfach über Gauguins Werke nachzudenken – immer aus einem anderen Blickwinkel – bzw. „Hörwinkel“.

      Viele Grüße
      Angelika

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