Architektur, die nach Verdorbenem schmeckt

Wer bin ich, um Norbert Frei zu widersprechen? Obwohl ich ihn als Historiker sehr schätze, werde ich es trotzdem bis zu einem gewissen Grad in diesem Beitrag tun.

Jeder, der sich für das Thema Neueste Geschichte interessiert – insbesondere für die Erinnerungskultur zur terroristischen Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten – sollten seinen Artikel vom 21. November 2014 in der ZEIT lesen. Dort geht es um den Erhalt – oder nicht – der unter Denkmalschutz gestellten baufälligen Reste der wohl stupidesten Monumente der NS-Zeit. Konkret geht es um die Nürnberger Zeppelin Tribune. Ein prominenter Teil des Reichsparteitagsgeländes am Dutzenteich.

 

Einstürzende NS-Bauten

Die oben genannte Diskussion um den Umgang mit dem architektonischen Erbe des Nationalsozialismus ist nicht neu. Trotzdem möchte ich sie wieder für die Blogparade „#Raumgefühl: Architektur denken“ des Blogs Stadtsatz aufgreifen. Anett Ring fragt in der Einladung zur Blogparade: „Wie schmeckt Architektur?“ Nicht immer gut. Manchmal sogar echt scheiße! Manchmal muss sie einfach so schmecken…

Die „Einstürzenden NS-bauten“ sind ein Paradebeispiel für diese Art von übel-schmeckender Architektur. Norbert Frei hat seinen Artikel zum Thema so betitelt. Dabei hätte ich als Einstürzende Neubauten-Fan gerne diesen Titel benutzt. Der Name und die Musik von diesen deutschen Pionieren der Industrial Culture scheint perfekt zum Thema zu passen. Es gab bereits am 27. September 2011 einen Artikel namens „Einstürzende Nazi-Bauten“ in der Süddeutschen Zeitung. Beim letzteren geht es tatsächlich um genau das gleiche Thema: die Zeppelin Tribüne.

Der Unterschied zwischen beiden Artikeln: Bei letzterem äußert u.a. Hans Christian Täubrich seine Meinung. Täubrich, jetzt im wohlverdienten Ruhestand, war über 10 Jahre lang Leiter des Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg. Diese beispielhafte Institution hat sich seit 2001 erfolgreich um die „Denkmalisierung“ eines Un-Ortes im Südosten Nürnbergs gekümmert.

 

Kontrollierter Verfall

Norbert Frei argumentiert in seinem Artikel sehr konsequent für den kontrollierten Verfall der Tribüne. Hans Christian Täubrich, der Profi vor Ort, plädiert hingegen für den Erhalt. Eigentlich gehen diese beide Meinungen aber nicht so stark auseinander. Frei will nicht, dass die Tribüne abgerissen wird. Er will die kaputt-gehende Ruine „einrahmen“ und als Denkmal behalten. Täubrich befürwortet stattdessen die Restaurierung und Nutzung für die Politische Bildung der etwa 200.000 jährlichen Besucher des Dokuzentrums.

Dabei muss man bedenken, dass Eckart Dietzfehlbinger, über Jahre hinweg wissenschaftlicher Mitarbeite des Dokuzentrums, in den 90er Jahren das erste Ausstellungsprojekt in dem Areal startete – und zwar im „Goldenen Saal“, dem Innenraum der Zeppelin Tribüne. Diese Ausstellung hieß „Faszination und Gewalt“ und war der Ursprung für die gleichnamige Daueraustellung des Dokuzentrums. Der Ort an sich ist also auf keinen Fall nutzlos.

Ich stehe definitiv an Täubrichs Seite in dieser Frage. Vielleicht sehe ich es nur – in Norbert Freis Worten – als „politisch gut gemeint und idealistisch.“ Dabei sind mir die ganzen Probleme, die Frei anspricht, klar. Und Täubrich sind sie das zweifelsohne auch. Gedenkstätten und Denkmäler werden viel zu oft zu Orten des „Infotainment“.

Doch das ist auf keinen Fall etwas, was in Nürnberg passiert. Auch ohne Täubrich und Dietzfehlbinger ist das Team dort absolut in der Lage, weiter an dem zu arbeiten, was sie schon lange machen: Erinnerung und Politische Bildung. Und, im Gegensatz zu dem was manche Gegner der Restaurierung behaupten, Deutschland und Europa brauchen noch mehr Arbeit in dieser Richtungen. (Ich will hier aber klar stellen, dass ich Norbert Frei nicht unterstelle, einer dieser Gegner zu sein.)

Norbert Frei behauptet, seine Idee einer zerfallenden Tribüne wäre eine größere Beleidigung für die Neonazis und die Erinnerung an die Nationalsozialisten. Er hat Recht. Doch – so wichtig ich die öffentliche Marginalisierung von Rechtsradikalen finde – die Mahnung und Bildung, die an die Mitte der Gesellschaft gerichtet werden sollte, bleibt in meinen Augen wichtiger. Die NS-Architektur schmeckt nach Verdorbenem. Das soll sie auch. Am besten noch sehr lange. Wenn sie es irgendwann nicht mehr tun soll, haben wir ein ernstes Problem.

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Leipzig, 2010

7 Gedanken zu „Architektur, die nach Verdorbenem schmeckt

  1. Anett Ring Antworten

    Hallo Damián, vielen Dank für deinen wunderbaren Beitrag zur Blogparade! Ebenso wie du, empfinde ich es als extrem wichtig, dass auch „Architektur, die nach Verdorbenem riecht“ als gebauter Zeitzeuge erhalten bleibt. Es wäre schade für die politische Bildung, wenn man so bedeutende historische Orte dem Verfall preis gibt und damit auch ihrer mahnenden Wirkung.

    Deine Überschrift ist übrigens sehr gut gewählt. Ohne das du sie woanders erläuterst, weiß man genau was gemeint ist.

    Herzliche Grüße,
    Anett

  2. Alexandra Antworten

    Lieber Damián !
    Danke für deinen interessanten Beitrag – da musste ich sofort an den Artikel von Bernd Noack in der NZZ – „Kontaminierte Erbschaften“ denken. Auch er geht auf Freis Artikel in der Zeit ein und auf Speers Ruinenwerttheorie.
    Eine wahrhaft schwierige Frage, wie man damit umgeht.
    Liebe Grüße
    Alexandra

  3. Anke von Heyl Antworten

    Hallo Damián,
    klasse Beitrag! Und eine gute Perspektive, die du da beschreibst. Finde es auch extrem wichtig, dass nicht zu „ästhetisierend“ mit den Resten dieser unsäglichen Diktatur umgegangen wird. Mir gefällt auch das Beitragsbild in diesem Zusammenhang.

    Herzliche Grüße von Anke

  4. Damián Morán Dauchez Autor des BeitragesAntworten

    Liebe Anke!

    Für die tollen Bilder ist meine Kollegin Angelika Schoder verantwortlich. Für die nicht „ästhetisierende“ Ansicht ist Herr Täubrich und sein aussergewöhnlich gutes Team verantwortlich. Bei diesem Beitrag geht es wenniger um mich, als um andere Arbeiter der Erinnerungskultur. Trotzdem, vielen Dank!

    Damián

    • Anke von Heyl

      Lieber Damián,
      das war mir schon klar, dass du dort nur eine Position referierst. Aber ich gehe mal davon aus, dass das auch deine Einstellung ist 🙂 Und die ist eben die richtige, wie ich finde.
      Ich bin ja keine Historikerin, aber mich interessiert das Thema Erinnerungskultur sehr. Es sagt eben auch etwas über den Zustand unserer Gesellschaft aus, wie wir damit umgehen.
      Ich lese gerne weiter hier mit!!
      Lieben Gruß von Anke

    • Damián Morán Dauchez Autor des Beitrages

      Liebe Anke!

      Ja das stimmt natürlich – ich kann mich dem Standpunkt nur anschließen bzw. tue es in meinem Beitrag.
      Es freut mich, dass du dich für den Blog interessierst – Erinnerungskultur ist bei MusErMeKu ja ein wichtiges Thema.

      Damián

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