Der Holocaust Memorial Day 2015 und die MemoryMakers

Das „Super-Gedenkjahr“ 2014 ist zu Ende gegangen, doch auch im Jahr 2015 stehen weiterhin wichtige Gedenkdaten im Kalender. Erinnerte man im vergangenen Jahr an Ereignisse in Zusammenhang mit dem 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, des 75. Jahrestags des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges und des 25. Jubiläums des Mauerfalls, so sind im Jahr 2015 die Gedenkdaten zumeist mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren verknüpft.

Ein erstes wichtiges Datum ist der 27. Januar – an diesem Tag wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau im Jahr 1945 von der Roten Armee befreit. Zu diesem Datum wird nicht nur in Deutschland sondern auch in Großbritannien der Holocaust-Gedenktag begangen.


 

Seit 1996 ist der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ in Deutschland ein gesetzlich verankerter Gedenktag und damit fester Bestandteil der Erinnerungskultur. Knapp 10 Jahre später, im Jahr 2005, brachten Beschlüsse des EU-Parlaments1 sowie der UN-Generalversammlung2 es mit sich, dass der 27. Januar auch als internationaler Gedenktag etabliert wurde.

Mehr dazu im MusErMeKu-Blogbeitrag „Der 27. Januar als weltweiter Holocaust-Gedenktag“

 

Die Entstehung des Holocaust Memorial Day in Großbritannien

Bereits vor dieser Anerkennung, die dem 27. Januar als Gedenktag durch das EU-Parlament und die Vereinten Nationen zukam, wurde der Holocaust Menorial Day (HMD) in Großbritannien begangen, und zwar seit 2001. Großbritannien war somit eines der ersten Länder in Europa, welches einen jährlichen Gedenktag zum Holocaust durchführte. Die Anregung hierzu ging auf eine Initiative des schwedischen Ministerpräsidenten Göran Persson zurück, der am 7. Mai 1998 ein Treffen schwedischer, amerikanischer und britischer Vertreter in Stockholm einberufen hatte, um eine übergreifende Erinnerung und Vermittlung des Holocaust zu diskutieren.3

Als Ergebnis der Konferenz wurde eine Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research (ITF) ins Leben gerufen, zu deren Beitrittsanforderungen u.a. die Einführung eines nationalen Gedenktages für die Opfer des Holocaust zählte.4 Entsprechend schlug Andrew Dismore, Parlamentsmitglied der Labour Party, am 30. Juni 1999 im House of Commons vor, einen Tag einzuführen, an dem einerseits der Opfer des Holocaust gedacht werden sollte und der andererseits zur Vermittlung der historischen Hintergründe genutzt werden konnte.5 In Zusammenhang mit dem ersten International Forum on the Holocaust, das vom 26. bis 28. Januar 2000 in Stockholm stattgefunden hatte, erklärte die Labour-Regierung schließlich den 27. Januar offiziell zum nationalen Holocaust-Gedenktag in Großbritannien.

 

15 Jahre HMD in Großbritannien

Der erste Gedenktag wurde im Jahr 2001 unter dem Motto „Remembering Genocides: Lessons for the Future“ begangen. Zu der zentralen Gedenkfeier in der Westminster Hall in London waren ca. 2.000 Gäste geladen; hierzu zählten nationale und internationale Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Überlebende der nationalsozialistischen Konzentrationslager sowie Zeitzeugen der Verbrechen in Ruanda, Kambodscha, Bosnien und dem Kosovo. Durch die Einladung dieser Gäste sollte die symbolische Aussage getroffen werden, dass der HMD nicht nur das Gedenken an den Holocaust verkörperte, sondern auch weltweiten Genoziden gewidmet sein sollte.

So betonte auch Aubrey Newman, der Direktor des Stanley Burton Centre for Holocaust Studies, in seiner Festrede zum 27. Januar 2001 zwar die Einzigartigkeit des Völkermords an den europäischen Juden, stellte jedoch heraus, dass die Lehren des Holocaust universell seien, denn nur durch das Erinnern der Geschichte könne deren Wiederholung abgewendet werden.6

Der britischen Regierung war es bei der Einführung des HMD wichtig, durch jährlich wechselnde Schwerpunktthemen zum einen auf unterschiedliche inhaltliche Aspekte aufmerksam zu machen und zum anderen das aktuelle Potential des Gedenktages zu verdeutlichen. Hierbei stand der Bildungsauftrag im Vordergrund, denn im Zuge des HMD sollten die Menschen dazu angeregt werden, sich sowohl mit historischen Hintergründen als auch mit gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart auseinanderzusetzen.

Ergänzend zu den wechselnden Themenschwerpunkten des HMD fand die zentrale politische Gedenkfeier bis 2010 jedes Jahr in einer anderen Stadt Großbritanniens statt. Im Zentrum des Gedenkens steht hierbei zwar stets der Holocaust, doch wird durch die wechselnde Thematik der Fokus auf weitere Aspekte gelenkt.

 

Die Themen und Gastgeberstädte des HMD im Überblick:

 

Der HMD 2015: Keep the Memory Alive

Das Thema des HMD in diesem Jahr steht ganz im Zeichen der Erinnerung, denn 2015 wird nicht nur der 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau begangen, sondern auch das 20. Gedenkjahr an den Völkermord in Srebrenica, Bosnien. Der Holocaust Memorial Day Trust (HMDT), der 2005 die Organisation des HMD vom britischen Home Office übernommen hat, fasst das Thema in diesem Jahr folgendermaßen zusammen:

„HMD’s purpose is to commemorate the Holocaust, Nazi Persecution and subsequent genocides – to remember. Those who have no direct experience to recall are asked, on HMD, to ‘remember’ those who were murdered and to honour the survivors.

The theme will enable survivors to be at the heart of HMD, as we will share their life stories and memories of their experiences. We will encourage activity organisers to devise programmes that share memories of life before the Holocaust and subsequent genocides, as well as opening up the memories of the atrocities and memories of the aftermath as people rebuilt their lives.“7

 

Die MemoryMakers in Social Media

Auch die Projekt-Homepage zu den Memory Makers ist passend zum Thema wie ein Memory-Spiel gestaltet. Berührt man das Feld einer Person, erscheint der Name des Künstlers, mit dem ein Treffen stattfand. (Screenshot vom 11.01.2015)

Auch die Projekt-Homepage zu den Memory Makers ist passend zum Thema wie ein Memory-Spiel gestaltet. Berührt man das Feld einer Person, erscheint der Name des Künstlers, mit dem ein Treffen stattfand. (Screenshot vom 11.01.2015)

 

Der HMD wird 2015 in Großbritannien durch das Projekt MemoryMakers ergänzt, das 70 Tage vor dem 27. Januar 2015, am 17. November 2014, ins Leben gerufen wurde. Im Rahmen dieser Aktion  treffen Künstler mit verschiedenen Zeitzeugen zusammen und sprechen gemeinsam über unterschiedliche Fragestellungen. Hierdurch soll verdeutlicht werden, dass es um individuelle Schicksale und einzigartige Menschen geht. Die Organisatoren hierzu:

„MemoryMakers aims to ensure survivors’ experiences aren’t lost to history, and that a new generation can engage with the stories of genocide. If everyone who is moved by this project shares one story with one person, we will have taken a huge step towards keeping the memory alive.“8

 

Die neun Begegnungen des Projektes auf einen Blick:

  • Der Schauspieler und Autor Stephen Fry traf die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch
    > zur Projektseite
  • Die Filmemacherin Gemma Green-Hope traf den Holocaust-Überlebenden Ivor Perl
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  • Der Künstler Martin O’Neill traf die Holocaust-Überlebende Bettine Le Beau
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  • Die sehbehinderte Illustratorin Kimberley Burrows traf die Holocaust-Überlebende Sabina Miller
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  • Die Schriftstellerin Sarah Hesketh traf die Holocaust-Überlebende Eve Kugler
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  • Die Keramik-Künstlerin Clare Twomey traf Nisad ‘Šiško’ Jakupović, der den Krieg in Bosnien überlebte
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  • Die Filmemacherin Debs Paterson traf die Holocaust-Überlebende Janine Webber
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  • Der Filmemacher Will Head traf mehrere Genozid-Überlebende aus Ruanda, Bosnien, Kambodscha und Überlebende des Holocaust
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  • Der Illustrator Gideon Summerfield traf eine Gruppe Holocaust-Überlebender
    > zur Projektseite

Das Besondere: Das Projekt ist mit einem Aufruf verknüpft, die Geschichten der Zeitzeugen nicht nur unter dem Hashtag #MemoryMakers weiter zu verbreiten, sondern sich selbst mit einem Beitrag zu beteiligen und diesen auf der Projektseite einzureichen.

Zu den eingereichten Beiträgen

 

Der HMD in Social Media

Der HMDT begleitet das Projekt der MemoryMakers auf seinen Social Media Kanälen, u.a. mit dem Instagram-Account des HMDT, über den Twitter-Account (@HMD_UK) oder über den YouTube-Kanal des HMDT.

Ganz im Sinne des Projektes, die persönlichen Geschichten der Zeitzeugen unter dem Hashtag MemoryMakers mit anderen zu teilen, ist der HMDT auf den gängigen Social Media Plattformen vertreten. So wird es den Nutzern erleichtert, die bereitgestellten Inhalte weiterzuverbreiten. Die Inhalte sind für jeden Kanal individuell angepasst, z.B. geht es bei Facebook besonders um Veranstaltungshinweise und Berichte von und über Veranstaltungen, bei Instagram dominieren „starke Motive“ mit einer selbsterklärenden Bildsprache bzw. Botschaft und bei YouTube können über die Playlist MemoryMakers – Holocaust Memorial Day 2015 alle Videos zum Projekt MemoryMakers hintereinander abgespielt werden.

Der HMDT zeigt insbesondere zum HMD 2015 durch das Projekt MemoryMakers sehr gut, wie Kultur- und Bildungsinstitutionen eine Multichannel-Kommunikation einsetzen können. Wer will, dass Themen in Social Media geteilt werden – und damit über Multiplikatoren so vielen Personen wie möglich zugänglich gemacht werden – sollte besonderen Wert darauf legen, die mit dem Thema verbundenen Inhalte möglichst zielgruppengerecht aufzubereiten und anzubieten. Hierzu kann auch gehören, die Inhalte direkt auf den entsprechenden Plattformen bereitzustellen – wie der HMDT sehr gut unter Beweis stellt.

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Projekt-Homepage Memory Makers (Screenshot vom 11.01.2015)

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Fußnoten:

[1] Europäisches Parlament: Entschließung des Europäischen Parlaments zum Gedenken an den Holocaust sowie zu Antisemitismus und Rassismus: P6_TA[2005]0018, 27. Januar 2005, Abschnitt F.2.

[2] Vereinte Nationen: Resolutionen und Beschlüsse der sechzigsten Tagung der Generalversammlung, Band I: Resolutionen 13. September – 23. Dezember 2005. Offizielles Protokoll, Sechzigste Tagung, Beilage 49 [A/60/49], S. 34f.

[3] Jens Kroh: „Erinnerungskultureller Akteur und geschichtspolitisches Netzwerk. Die ‘Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research’”. In: Jan Eckel, Claudia Moisel (ed.): Universalisierung des Holocaust? Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in internationaler Perspektive. Göttingen 2008, S. 156-173, hier S. 158f.

[4] ITF: Summary of the Meeting of the Working Group of the Task Force in Stockholm, 7. Mai 1998. In: Office of the Coordinator for the Washington Conference on Holocaust-Era Assets (ed.): Proceedings of the Washington Conference on Holocaust-Era Assets. Washington 1999, S. 981f.

[5] Hansard [Commons], Col: 362, Bill Nr. 131 – Siehe: Donald Bloxham: „Britain’s Holocaust Memorial Days. Reshaping the Past in the Service of the Prestent”. In: Sue Vice (ed.): Representing the Holocaust. London 2003, S. 41-63, hier S. 43.

[6] Newman, Aubrey: „Whose Holocaust is it? An address for National Holocaust Memorial Day“. 27.1.2001, S. 5f.

[7] Holocaust Memorial Day Trust: Theme Vision – Holocaust Memorial Day 2015. Keep the Memory Alive, S. 1.

[8] Holocaust Memorial Day Trust: Keep the Memory Alive. What ist he Memory Makers Project?

2 thoughts on “Der Holocaust Memorial Day 2015 und die MemoryMakers

  1. Charlotte Jahnz Antworten

    Schön zu sehen, dass es mittlerweile eine Unterscheidung zwischen facebook und twitter gibt. Das war auch ein wenig das Problem bei @9nov38, die Tweets einfach bei facebook zu spiegeln wäre m.E. nicht sinnvoll gewesen und die Frage wäre gewesen, wer die Kommentarthreads moderiert. Facebook eignet sich bei solchen Thematiken vermutlich viel besser als Ergänzung zum Twitteraccount (wie genau muss ich mir noch mal genauer überlegen, das ist nur ein erster Gedanke).

    Es mag zwar ein wenig „offtopic“ sein, aber mich würde mal interessieren, was die Jahreszahlen über Gedenktage aussagen. Ich habe das Gefühl, dass in Deutschland dann doch lieber ausgiebig in den Schritten 25, 50, 75 und 100 gedacht wird. Woher das wohl kommt? Denn in anderen europäischen Ländern meine ich in Erinnerung zu haben, dass Gedenken in Zehnerschritten weitaus verbreiteter ist. Kommt das durch die Geschichte selbst (was vielleicht das „Supergedenkjahr“ belegen könnte?)?

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Hallo Charlotte,

      jeder Kommunikationskanal braucht im Prinzip individuell zugeschnittene Inhalte. Das kann die Kommunikation eines Inhalts über verschiedene Kanäle sein, also eine Multichannel-Kommunikation wie hier im Fall des HMDT, oder die ineinandergreifende Nutzung von Kanälen, also eine Crosschannel-Kommunikation. Es ist wichtig, dass sich Institutionen zunehmend von der Nutzung eines einzigen Kanals lösen (z.B. von der Beschränkung auf Facebook) und verschiedene Kanäle für ihre Themen nutzen.

      Ich bin sehr gespannt, wie ihr begleitend zu @digitalpast weiter kommunizieren werdet und welche Kanäle ihr hierfür wählt. Mit twitter.com/askdigitalpast habt ihr euch ja schon für einen zweiten Kanal entschieden, wenn auch auf der gleichen Plattform. Wie die DB mit @DB_Bahn und @DB_Info zeigt, kann das eine gute Entscheidung sein, da so Dialog von Information zwar getrennt ist, aber durch die gleiche Plattform gut vernetzt werden kann.

      Jetzt sperre ich die Marketing-Tante ein und lasse die Soziologin an die Tastatur: In der Tat wäre es interessant zu untersuchen, warum in Deutschland meist Gedenktage in 1/4 Jahrhundert-Schritten begangen werden, während (zumindest mutmaßlich) in anderen Ländern eher „runde“ Gedenktage besondere Betonung finden. Ich würde schon vermuten, dass hier gewisse kulturelle Hintergründe eine Rolle spielen…

      Vielleicht findet sich ein Leser, der hierzu einen Literaturtipp hat!? 😉

      Viele Grüße
      Angelika

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