Jugendstil und Design in Karlsruhe

Das Museum beim Markt in Karlsruhe kann man als echten Geheimtipp bezeichnen – und die Museumsverantwortlichen scheinen alles dafür zu tun, dass dieses Museum auch wirklich geheim bleibt. Weder der wenig aussagekräftige Name des Museums, noch das eher unansehnliche Gebäude, bei dem es sich um das ehemalige Verlagsgebäude der Badischen Neuesten Nachrichten handelt, deuten darauf hin, was für eine faszinierende Sammlung zu angewandtem Design ab 1900 das Museum beherbergt.

 

Das Museum beim Markt – ein Geheimtipp in Karlsruhe

Das Museum, eine Außenstelle des Badischen Landesmuseums,  besteht seit 1993, also bereits seit über 20 Jahren. Über die Grenzen von Karlsruhe hinaus ist das Museum beim Markt jedoch kaum bekannt und vermutlich auch einige Kulturfans in Karlsruhe haben der ansehnlichen Jugendstilsammlung – übrigens eine der bedeutendsten in ganz Deutschland – noch keinen Besuch abgestattet.

Das Museum ist theoretisch leicht zu finden, denn wenn der Name schon nichts über den Inhalt des Museums verrät, so gibt er zumindest Auskunft über dessen Standort. Tatsächlich muss man das Museumsgebäude dennoch suchen, insbesondere wenn man aus der Richtung der Innenstadt kommt. Leichter hat man es, wenn man sich dem Museum vom Karlsruher Schloss aus nähert, denn hier folgt man einfach der Mittelachse des Karlsruher „Fächers“ und findet das Museum beim Markt hinter dem Platz der Grundrechte.

 

Rundgang durch die Ausstellung

Die Sammlung, die das 1. Obergeschoss des Gebäudes einnimmt, geht in ihren Anfängen auf das Karlsruher Kunstgewerbemuseum zurück, das im November 1919 mit den Großherzoglichen Sammlungen für Altertums- und Völkerkunde zum Badischen Landesmuseum vereinigt worden war.

Der Ausstellungsrundgang beginnt mit der Sammlung zum Jugendstil, eine der bedeutendsten ihrer Art in Deutschland. Gezeigt werden verschiedene regionale Ausprägungen, beginnend mit dem französischen Jugendstil und der Büste „La Nature“ von Alfons Mucha. Es folgen Exponate aus dem angelsächsischen Raum, u.a. von Edward-Burne-Jones und Objekte der „Wiener Werkstätte“. Neben vielen Glasarbeiten ist eine Reihe an Möbeln zu sehen; Schwerpunkte in der Ausstellung sind die Zentren des Jugendstils wie München, Darmstadt, Dresden, Berlin und Weimar. Vereinzelt wird auch der Jugendstil in Karlsruhe und in Baden gezeigt.

Es folgt Art Déco – angewandte Kunst der 1920er und 30er Jahre. Hier stehen die Luxusprodukte des französischen Designs, z.B. die gläsernen Kunstwerke von René Lalique, den funktionalen Entwürfen des Bauhaus und ähnlicher Bewegungen gegenüber. In einer seitlichen Vitrine, gegenüber dem Treppenaufgang, stehen Entwürfe aus der Modewelt des 20. Jahrhunderts im Zentrum der Aufmerksamkeit. Gezeigt wird unter anderem eine „Delphos-Robe“, die um 1910/20 nach einem Entwurf von Mariano Fortuny entstand. Daneben sind Abendroben und Alltagskleider u.a. von Coco Chanel oder Elsa Schiaparelli zu sehen.

In der zweiten Hälfte der Ausstellung geht es um die Designgeschichte vom Jugendstil bis zur Postmoderne. Dieser Ausstellungsteil beginnt mit Werken des Bauhauses und setzt sich fort mit Objekten des Funktionalismus, der Pop Art, der Memphis-Bewegung, bis hin zu aktuellen Designstücken. Eine Besonderheit in der Ausstellung ist eine „Frankfurter Küche“. Sie zeigt größte Funktionalität auf kleinem Raum und geht auf einen Entwurf der Wienerin Grete Schütte-Lihotzky aus dem Jahr 1926 zurück. Das Design der Küche orientiert sich an rationalen Arbeitsabläufen, wie sie in der Industrie zu finden sind, und sollte die Küchenarbeit der Hausfrau erleichtern. Je nach Grundriss der Wohnung konnte die Küche, die aus genormten Einzelteilen besteht, nach Wunsch kombiniert werden. Die blaue Farbgestaltung sollte übrigens angeblich auf Fliegen abschreckend wirken!

 

Ausstellungskritik

Neben allem Lob für die Ausstellung gibt es aber auch einige Kritikpunkte im Bezug auf das Museum zu nennen. Wie bereits erwähnt, ist die Namensgebung denkbar unglücklich ausgefallen, denn unter einem Museum beim Markt können sich vermutlich höchstens Karlsruher Museumsgänger etwas vorstellen – wenn überhaupt. Als Besucher der Stadt muss man zunächst erst recherchieren, womit sich das Museum überhaupt beschäftigt. Ebenfalls nicht gerade einladend wirkt das graue und auch von innen nicht sehr ansehnliche Gebäude, in dem sich das Museum befindet und das in starkem Gegensatz zu den Ausstellungsexponaten steht. Wie würde wohl die Sammlung zur Geltung kommen, würde sie in einer Jugendstil-Villa oder in einem Bau der 20er Jahre gezeigt?

Schließlich ist auch die Ausstellung selbst etwas verwirrend gegliedert – ich bin zugegebenermaßen bei meinem Besuch versehentlich genau entgegen der vorgesehenen Ausstellungsführung gelaufen, habe also mit dem Design begonnen und mich über die Mode zum Jugendstil bewegt. Chronologisch war dies zwar völlig unsinnig, andererseits hatte ich mir den Höhepunkt der Ausstellung – den Jugendstil und ganz zum Schluss die Werke von Alfons Mucha – bis zuletzt aufgehoben. Vermutlich ist die nicht optimal gelöste Besucherführung auch wiederum auf das Museumsgebäude zurückzuführen – schließlich handelt es sich um ein ehemalige Verlagsgebäude.

Nichts desto trotz ist die Sammlung des Museums außergewöhnlich und sehr sehenswert – insbesondere die Objekte zum Jugendstil. Insofern ist das Museum ein echter Geheimtipp!

 

Weitere Informationen zum Museum

>>> Der Ausstellungsbesuch fand im Rahmen der Bloggerreise #kbreise14 statt, die von on der Kunsthalle Karlsruhe, der Karlsruhe Tourismus GmbH sowie Art & Design Museums Basel initiiert und finanziert wurde.

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Karlsruhe, 2014

Ein Gedanke zu „Jugendstil und Design in Karlsruhe

  1. Pingback: Gruppenreise mit Blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.